"Identitäre" Burschen

Autor: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Die Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ) präsentiert sich gerne als "neurechts" und Überwinderin rechtsextremer Traditionsbestände wie Deutschnationalismus, Antisemitismus und NS-Sympathien.

Ein Flyer der Indentitären Bewegung

Dieses Bild erweist sich nicht nur angesichts der tatsächlichen politisch-ideologischen Linie der Gruppierung als trügerisch (siehe: Identitäre Bewegung Österreich (IBÖ)), sondern auch mit Blick auf das "identitäre" Personal.

Gerade die vorderen Ränge rekrutieren sich zu einem Gutteil aus eben jenem Milieu, das traditionell als akademisches Rückgrat der österreichischen extremen Rechten fungiert: dem völkischen Verbindungswesen. Im Fall der Identitären hat die Dominanz von Mitgliedern deutschvölkischer Korporationen derartige Ausmaße angenommen, dass sie auch als deren aktionistischer Arm und/oder rekrutierendes Vorfeld angesehen werden können.

Der Bundesleiter der IBÖ, Martin Sellner, erfuhr einen Teil seiner politischen Sozialisation im Rahmen der selbst innerhalb des österreichischen Burschenschaftswesens weit rechts positionierten Wiener Olympia.

Alexander Markovics (aktuelle Funktion laut IBÖ-Website: "Leiter AG-Theorie") gehört dieser rechtsextremen Verbindung weiterhin an, während Sellner inzwischen der Wiener Universitätssängerschaft Barden beigetreten ist. Bei den Barden haben zudem die "identitären" Kader Fabian Rusnjak, Richard Schermann und Maximilian Mrak Unterschlupf gefunden, der Wiener IB-Leiter Philipp Huemer wohnt zumindest in ihrem Haus. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Aktivitas der Barden im April ebendort einen Vorstellungsabend der IBÖ organisierte.

Sellners Brüder Thomas – seines Zeichens Leiter der IB-Niederösterreich sowie Obmann des IBÖ-Trägervereins – und Georg gehören der Mittelschulverbindung Tauriska Baden an, die auch den FPÖ-Nationalratsabgeordneten Christian Höbart zu ihren Mitgliedern zählt. Luca Kerbl (Leiter IB-Steiermark) trägt das Band des pennalen Corps Austria zu Knittelfeld, der Verbindung von Höbarts Klubkollegen Wolfgang Zanger.

Der Salzburger IB-Sprecher Edwin Hintsteiner ist oder war Mitglied der AGV Rugia Salzburg. Patrick Lenart (Co-Leiter der IBÖ) gehört dem Verein Deutscher Studenten (VDSt) Graz an. Neben dem Führungskader weisen auch zahlreiche Identitäre aus der zweiten Reihe einen verbindungsstudentischen Hintergrund auf, darunter Stefan Juritz (Germania Graz), Peter Dingsleder (Cheruskia Graz) oder Ingrid Weiß (Wiener akademische Mädelschaft Freya).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die IBÖ ihren Anspruch, soziale (Jugend-)Bewegung zu sein, jedenfalls in personeller Hinsicht bislang nicht einzulösen vermag: sie repräsentiert im Wesentlichen das (quantitativ marginale) völkische Korporiertenmilieu.

Auch Überschneidungen zwischen Identitären und FPÖ gibt es immer wieder, allerdings scheint die Partei darauf bedacht zu sein, auffällige Gleichzeitigkeit zu vermeiden, weshalb zumindest von einem regen Personalaustausch zwischen FPÖ und IBÖ gesprochen werden kann. Markovics etwa kandidierte einst für die Partei und engagiert sich nach wie vor im Ring Freiheitlicher Studenten, Hintsteiner war im Ring Freiheitlicher Jugend aktiv, Bernadette Conrads trat 2015 als FPÖ-Kandidatin in Erscheinung.

Schließlich kehrte Alexander Schleyer (Corps Hansea) offenbar den Identitären den Rücken, um sein Amt als parlamentarischer Mitarbeiter der FPÖ antreten zu können – was nach Bekanntwerden seines rechtsextremen Hintergrunds zu einem Problem für die Partei wurde (siehe: derstandard.at/2000043411738/Aufregung-um-angebliche-Hasspostings-von-FPOe-Mitarbeiter).