Michel Warschawski in Graz


Jüdisch- antikolonialistisch und für Menschenrechte. Herz- was willst du mehr? - Ein Stelldichein mit Israelhassern


von Omira Gorzeh



Letzten Freitag fanden sich einige Dutzend "Friedensbewegte"-oder die es werden wollen um einen Israeli mit Mehrwert zuzuhören . Anwesend waren um die 60 Personen, vorwiegend ältere Männer und  Frauen, wenig (offenkundig) universitäres Publikum.  


Der Vortragsraum  im Afro-Asiatische Institut (AAI) wurde von der Friedensplattform mit einer Pace-Fahne sowie einer  
Propaganda-Landkarte  http://www.juancole.com/images-ext/2010/03/map-story-of-palestinian-nationhoo d.jpg) samt  
"Stop Israeli Apartheid"- und "Tear down the Wall"-Slogans  dekoriert - man wollte sich schließlich heimelig fühlen.     


Nach einer Begrüßung durch eine Vertreterin des AAI und einer kurzen Vorstellung des "jüdischen, antikolonialistischen Kämpfers  
für  Menschenrechte" beginnt der eigentliche Vortrag. Dieser Vortrag ist jedoch mehr eine Lesung. Warschawski liest zwei von ihm  verfasste  Texte in Absätzen auf Französisch vor. Diese Absätze werden danach von Johann Schögler (Friedensplattform) auf Deutsch  verlesen.   


Zu Anfang erklärt Warschawski, was Zionismus eigentlich ist: Nämlich "eine Bewegung, die einen Staat durch die Vertreibung  der einheimischen  
Bevölkerung und Kolonialisation schafft". Er erwähnt den UN-Teilungsplan aus dem Jahre 1947 und dass nur der  jüdische, nicht aber der arabische  
Staat das Licht der Welt erblickte. Der Angriffskrieg der arabischen Staaten bleibt  selbstverständlich  unerwähnt.  Im Zusammenhang mit dem Sechstagekrieg spricht Warschawski von der "3. Phase der Kolonialisierung".     

Danach liest Warschawski einen von ihm zu Beginn des letzten Gaza-Krieges verfassten Zeitungsartikel vor.   Dieser bietet alles, was  das antizionistische Herz begehrt: Es wird ausführlich vom "Martyrium" der 1948  vertriebenen  Flüchtlinge gesprochen, Gaza wird als  "größtes Freiluftgefängnis" bezeichnet und die Raketen  aus dem Gaza-Streifen werden flugs  zu "Raketen aus eigener Bastelarbeit, die  nur kleine Schäden anrichten"  und ohnehin lediglich "eine kleine Belästigung" darstellen.  

Dann wird dem Publikum das wahre Ziel der  "Offensive Israels" enthüllt: Die Schwächung Mahmoud Abbas' um Friedensverhandlungen zu  verhindern und die Kolonialisierung  fortsetzen zu können.   Daraufhin spricht Warschawski über den israelischen Faschismus und weiß  zu berichten, dass die israelische  Gesellschaft sowie die israelischen (politischen) Institutionen schon seit geraumer Zeit Richtung  Faschismus unterwegs sind:  losgelassener Rassismus auf den Straßen und unterdrückte Oppositionelle inklusive.     

Die Ermordung Abu Khdairs wird erwähnt, die 3 ermordeten jüdischen Teenager natürlich nicht.  Dann wird noch wortreich über die Isolierung  Gideon Levis referiert und Warschawski informiert das wissbegierige und eifrig nickende  Auditorium über die junge, linke Generation  Israels: Alle wollen weg, um der "Atmosphäre der  Gewalttätigkeit zu entfliehen".     

Nun kommt der unterhaltsamste Teil des Abends: die Publikumsdiskussion.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich  im Laufe  dieser "Diskussion" Michel Warschawski  als der vernünftigste der Anwesenden herausstellt - und das sagt doch einiges.     

Die ersten beiden Fragen haben sogleich einen verschwörungstheoretischen Touch: Wie sich Israel denn überhaupt  finanziere und worum  die Presse nicht "gegen den Völkermord vorgehe", möchte ein älterer, etwas aufgebrachter
Herr wissen.  Warschawski erklärt, dass Israel  ein reiches Land sei, das einerseits vor allem in der Hightech-Industrie federführend sei und  anderseits jährlich von den USA  3 Milliarden US-Dollar geschenkt bekomme. Auf die zweite Frage antwortet er, dass die Presse im  Allgemeinen deshalb "pro-israelisch"  sei, weil sie sich mit den weißen Israelis  identifiziere ("Israel ist wie wir, die Araber nicht").     

Als nächstes möchte ein Herr (vermutlich der Grünpolitiker und Friedensplattform-Aktivist Franz Sölkner) mehr über den  israelischen   Faschismus erfahren ("Ist dieser religiös oder eher säkular motiviert?") und wissen, wie man den am  besten aktiv werde, um eine   "Komplizenschaft abzuwenden". Warschawski möchte keine Verbindung zwischen Religion und
Faschismus herstellen, der "israelische   Faschismus" sei "politisch-kulturell durch den Kolonialismus bedingt".  Als Aktivismus empfiehlt er - nicht schwer zu erraten-  die  BDS-Bewegung zu unterstützen. (BDS-Boycott, divest, sanction-ist eine Organisation, die Israel mit Bann belegen möchte)
    
Der nächste Verschwörungstheoretiker möchte wissen, wie es denn sein kann, dass 3800 Raketen auf Israel abgefeuert  werden und  dabei nur 3  Menschen zu Tode kommen - womöglich handle es sich ja um eine "Inszenierung" Israels.
Warschawski ignoriert den  verschwörerischen  Unterton der Frage und bezeichnet die Raketen als "symbolischen Akt" - vergleichbar mit "dem Werfen von Steinen".  Außerdem seien die  PalästinenserInnen eingeschlossen und hätten daher  "das grundlegende Bedürfnis, raus zu kommen" - ähnlich wie die  im "Warschauer Ghetto  Tunnel grabenden Kinder".     

Erneut will jemand aus dem Publikum wissen, was denn der wahre Grund für die Nichtberichterstattung der Medien [über die Verbrechen   Israels] sei? Auch hier ignoriert Warschawski erneute den allzu offensichtlichen antisemitischen
Unterton der Frage und weist erneut   auf seine bereits beschriebene These der Identifikation mit den weißen Israelis  hin. Jetzt geht es um die "Drohgebärden" und  die "Einschüchterungen Israels". Warschawski sagt allen Ernstes, dass Israel eine "[einseitige] Abrüstung versuchen sollte, um den Friedensprozess in Gang zu setzen".     

Ein Herr im Publikum hat angestrengt nachgedacht: Er durchschaue einfach nicht, wovor sich Israel denn fürchte und warum es immer  wieder zu diesen "Überreaktionen" käme. Warschawski erkärt, dass Israel in den ersten 30 Jahren seiner  Existenz tatsächlich bedroht  wurde (oha!), aber mittlerweile" die jüdische Gesichte instrumentalisiert "werde. Weiters führt der,  mit Tiefenpsychologie  offensichtlich bestens vertraute, Friedensaktivist aus, dass "die israelische Gesellschaft im  Unterbewusstsein wisse, dass sie mit dem  Staat Israel etwas Unmoralisches, etwas Nicht-Akzeptables  geschaffen habe".     

Für mich ist das ein passender Schlusspunkt, 2 Stunden sind bereits vergangen, es wird Zeit zu gehen. Es war ein
erwartbar  furchtbarer  Abend. Warschawski und die Friedensbewegten "diskutieren" derweil noch weiter.

 

 

Die Jüdische, 22.10.2014