Israel – Ein Land stellt sich vor

Internationales Treffen jüdischer Journalisten in Jerusalem

(Jewish Media Summit 2014)

 Von Franz C. Bauer- mit freundlicher Genehmigung der Illustrierten Neuen Welt

 
Versuchen wir ein Gedankenexperiment: Angenommen, Sie müssten sich jemandem vorstellen, der Sie vielleicht schon lange Jahre gut kennt, und sie hätten dafür nur relativ kurz Zeit. Welche Seite von Ihnen würden Sie vorzeigen, welche Aspekte in den Vordergrund rücken? Ende Juni dieses Jahres fand auf Einladung der israelischen Regierung in Jerusalem das „First Jewish Media Summit“ statt.

Für die mit der Organisation betrauten Pressesprecher sicher keine leichte Aufgabe. Rund 150 Teilnehmer – Journalistinnen und Journalisten führender jüdischer Medien aus allen Teilen der Welt, darunter die Illustrierte Neue Welt (wie auch "die jüdische", Anm. der Red.) - waren gekommen, und für die die meisten von ihnen war es natürlich nicht die erste Reise nach Israel. So mancher hat sogar Verwandte im Land. Jedenfalls kamen alle mit einem vorgefertigten „Israel-Bild“ zu dem Treffen.

Das nächtliche Jerusalem

Dieses stellte gleicht die Auftaktveranstaltung auf die Probe: In einem seiner letzten öffentlichen Auftritte als Staatspräsident wandte sich Schimon Peres mit nachdenklichen Worten an die internationale Gruppe: „Leadership, das bedeutet heute etwas ganz anderes als gestern. Am Beginn der Geschichte Israels musste man erst eine Armee bilden, um das Land zu verteidigen. Man musste stark sein, es war die Zeit der ,Machos’. Seit wir in ein Zeitalter eingetreten sind, das von den Erkenntnissen der Wissenschaft geprägt ist – ich glaube, dass ,macho’ jetzt nicht mehr viel mit ,leadership’ zu tun hat. Wissen, Erkenntnis, das sind die wichtigsten Eigenschaften für eine heutige politische Führung.“

Blick von "City of David"

Weise Worte, die doch durch die Ereignisse wenige Tage später auf die Probe gestellt wurden: Die von der Hamas zu verantwortende Entführung und Ermordung dreier junger Israelis, der Rachemord an einem jungen Palästinenser, massive Raketenangriffe der Hamas auf Israel und die folgende Militäraktion „Protective Edge“ zeigten, wie wünschenswert eine Entwicklung wie vom Peres dargestellt wäre, aber auch, dass Israel noch weit davon entfernt ist, ohne Einsatz militärischer Stärke existieren zu können. Nicht nur Nachdenkliches kam freilich von dem scheidenden Staatsmann. Als sich ein Journalist aus Argentinien zur Wort meldete, ließ Peres es sich nicht nehmen, einen humorvoll-launigen Kommentar zu Papst Franziskus abzugeben: „Ich glaube, er ist der beste Papst, den das jüdische Volk in 2000 Jahren jemals hatte“ – Lachen im Auditorium.

Ernste Warnungen kamen dann vom Ministerpräsidenten, der zunächst die Leistungen der israelischen Wirtschaft in den Vordergrund stellte. In der EDV-Sicherheitstechnik verfüge das Land über eine Marktposition, die dem Hundertfachen seiner Größe entspreche. Israel sei eine der Cyber-Hauptstädte der westlichen Welt, präsentierte Benjamin „Bibi“ Netanjahu sein Land als aufstrebendes Wirtschaftszentrum der Region – was Wirtschaftsminister und erfolgreicher Unternehmer Naftali Bennet wenig später auch tat.

Umwelttechnologie, Wasseraufbereitung, Landwirtschaft – alles Sektoren, in denen israelische Forscher Spitzenleistungen vollbringen. Warum das so sei? „Das jüdische Volk stellt immer Fragen, es ist gewöhnt, zu verhandeln. Wir verhandeln sogar mit G´tt“ – wieder ein Lachen im Publikum. „…und wir versuchen, die Welt besser zu machen“. Doch trotz aller Erfolge müsse man mit den Füßen immer auf dem Boden der Realität bleiben und versuchen, Gefahren zu erkennen: „Wann immer wir hier versagt haben, musste wir dafür einen schrecklichen Preis bezahlen – den schrecklichsten, den je ein Volk in der Geschichte bezahlen musste“.

Drei Gefahren seinen es, die derzeit drohen, und zwar von innen wie von außen. Die Gefahr von Innen: Zunehmende Entfernung vom Judentum. Diese Gefahr sieht Netanjahu vor allem in Nordamerika. Die Gefahren von außen: Wachsender Antisemitismus, vor allem in Europa. Dieser habe wiederum drei Quellen: linken und rechten Antisemitismus sowie zunehmende islamische Übergriffe durch Muslime. Und schließlich die Gefahr durch terroristisch-isalmistische Gruppierungen im Nahen Osten. „Hier verläuft die Trennungslinie zwischen Zivilisation und Barbarei“, so der Premier. Nur wenige Tage später intensivierte Hamas die Raketenangriffe auf das Land.

Interessant verliefen auch die folgenden Tage: Abe Foxmann, nationaler Vorsitzender der Anti Defamation-League, legte eine Bestandsaufnahme des aktuellen Antisemitismus weltweit vor. Knesset-Speaker Yuli Edelstein sowie der prominente „Refusnik“ und spätere israelische Politiker Natan Sharansky berichteten über ihre Wege nach Israel, die durch sowjetische Gefangenschaft und Repression ins Zentrum der israelischen Politik geführt hatten. Einen Blick auf die militärischen Aspekte gewährte Amos Yadlin früher Generalmajor und derzeitiger Leiter des „Institute for National Security Studies“. Seine Einschätzung nach arbeite der Iran unbeirrbar an der Produktion einer Atombombe – alle Verhandlungen seien lediglich als Strategie für Zeitgewinn zu sehen.

Einen Schwerpunkt der Israel-Präsentation bildeten Besuche bei wissenschaftlichen Institutionen und prominenten Unternehmen. So erfuhren die Teilnehmer der Journalistendelegation, dass die derzeit größten Ausgrabungen bei der Stadt ­Davids vorgenommen werden, und dass im Institute of Plant Sciences eine Gendatenbank existiert, in der die Wissenschafter versuchen, Samen aller in Israel und den umliegenden Ländern existierenden Pflanzen zu bewahren. Unter anderem werden in palästinensischen Gebieten noch alte Getreidearten kultiviert, die im Lauf der Zeit wohl durch moderne Sorten ersetzt werden. Das in dem Institut angesiedelte „Volcani Center“ beschäftigt sich freilich nicht nur mit Pflanzen, sondern versucht auch, durch den Einsatz junger Israelis aus schwierigen Verhältnissen im Rahmen des „Hamama“-Programms deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu erleichtern – und manchmal auch den Ausstieg aus einer Drogensucht.

Drohnenkontrollraum bei Israel Aerospace Industries

Den hohen technologischen Standard Israels demonstrierte der Werksbesuch bei Israel Aerospace Industries (IAI), einem der größten Arbeitgeber des Landes. 15.000 Beschäftigte und Verkaufserlöse von 3,5 Milliarden Dollar – 80 Prozent davon im Export – machen das Unternehmen zu einem der wichtigsten Technologieführer des Landes. Unter anderem sind die IAI der weltweit zweitgrößte Hersteller von Drohnen, die zunehmen auch andere Bereiche als den militärischen erobern: Umwelttechnologie, Landvermessung, Landwirtschaft sind mögliche Einsatzgebiete der unbemannten Flugkörper.

Unbemanntes Flugzeug bei IAI

Ohne IAI wäre das Luftabwehrsystem „Iron Dome“ undenkbar, das Untenehmen produziert aber auch Passagierflugzeuge als Partner des Business-Jet-Marktleaders Gulfstream. Im Umfeld der IAI wurde auch eine private Initiative gestartet, eine unbemannte Mondlandung durchzuführen. Ebenfalls zu den großen Arbeitgebern des Landes gehört das Cateringunternehmen Tamam. Sechs Millionen Mahlzeiten jährlich verlassen die Großküche am Ben Gurion-Airport. Keine Frage: Das ist die größte koschere Küche des Universums.      

Alle Bilder von Franz C. Bauer