Behinderung der freien wissenschaftlichen Forschung

Das Archiv der jüdischen Gemeinde in Wien hebt horrende Gebühren von Forschern ein und wendet den Datenschutz äußerst restriktiv an.

Am 6.April 2016 trat eine Gebührenordnung für das Matrikenamt und das Archiv der IKG Wien in kraft.

 

Anfragen und Einzelrecherchen werden pro angefangener halber Stunde mit Eu 40 berechnet, die Bearbeitung von umfangreichen familienbezogenen Anfragen pro angefangener halber Stunde mit 120 Eu.

Am 22.November 2016 lud das Archiv der IKG Wien zu einem Tag der offenen Tür und präsentierte am Abend in einem Festakt die Festschrift „Jüdische Archivalien. Die Wiege des österreichischen und europäischen Judentums“. Sie kann zum Preis von 12 Euro erworben werden.

Laut dem Informationsblatt öffnete sich das Archiv 2016 „als Forschungsstätte“.

Das Archiv ist zwar eine weisungsgebundene Abteilung der IKG Wien, wird aber subventioniert vom Nationalfonds, vom Zukunftsfonds und von der Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien.

 

Wiener Forscher sind es gewohnt, dass die Einsichtnahme von Archivalien in den meisten Archiven nicht kostenpflichtig ist.

Zum Beispiel:

Wiener Stadt- und Landesarchiv

Universitätsarchiv

Archiv des Vereins der Geschichte der Arbeiterbewegung

Österreichisches Volkshochschularchiv

Diözesanarchiv der Erzdiözese Wien

Archiv der Evangelischen Kirche in Österreich

Archiv des Wiener jüdischen Museums

Im Informationsblatt steht auch: „Das Archiv ist das ‚Herzstück’ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, es bewahrt die Vergangenheit, sichert die Gegenwart und schafft Grundlagen für die Zukunft.“

Das Archiv hat stolze Zukunftspläne.

Die Archivleiterin schreibt in der Festschrift, übernommen auch im Informationsblatt: „Vorrangiges Ziel ab 2019 ist die wechselwirkende Einbindung wissenschaftlicher Forschung in archivische Tätigkeitsfelder.“

In der Festschrift steht ergänzend: „Die europäische und internationale Forschung erfordert die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Archivmaterial.“

Diese äußerst ehrgeizige und ambitionierte Selbstdarstellung des Archivs als Ort freier Forschung ist aus derzeitiger Sicht in Zweifel zu ziehen.

Der Datenschutz im Archiv der IKG wird äußerst restriktiv gehandhabt. Da eine flexiblere Handhabung dieser Regelung zumindest in der absehbaren Zukunft als aussichtslos erscheint, steht das Archiv allein aus diesem Grund mehr für eine Behinderung als für eine Förderung der freien wissenschaftlichen Forschung und des Zugangs zu Archivalien.

Die Archivleitung wird ersucht, über eine flexiblere Handhabung der Gebührung nachzudenken.

Eine Alternative wäre, sich das Centrum Judaicum in Berlin zum Vorbild zu nehmen. Barbara Welker schreibt in der oben erwähnten Festschrift: „Für die Benutzung und Recherchen werden Gebühren erhoben. (Ausnahmen gelten etwa für amtliche Anfragen und wissenschaftliche und heimatgeschichtliche Forschung).“