Kampfgeist

Von Biyamin Rose, Wien. Foto: Eli Itkin

Publiziert in Mishpacha Magazin, 8.6.2016

Während die jüdische Existenz in Europa immer schon prekär war, haben die massive muslimische Einwanderung in den letzten fünf Jahren und der gleichzeitige Aufstieg der rechtsextremen politischen Parteien die Sicherheitssituation der Juden noch verschlimmert. Nur zwei Wochen nachdem der Kandidat einer rechtsextremen Partei beinahe zu Österreichs Präsident gewählt wurde, versammeln sich Rabbiner aus allen Teilen des Kontinents in Wien, um für die Zukunft, von der sie wissen, dass sie nicht leicht wird, Strategien zu entwerfen und Prioritäten zu setzen

Wien, Österreich 

Der ausgedehnte Campus der jüdischen Gemeinde in Wien verfügt über modernste Sicherheitseinrichtungen. Das muss so sein. Etwa 600 jüdische Kinder im Alter von 18 Monaten bis zu 18 Jahren lernen und spielen hier jeden Tag. Der Campus beherbergt auch Sportanlagen und Europas größtes und modernstes jüdisches Altersheim.

Ein elektrischer Zaun umfasst den Komplex. Zusätzlich ist er mit einer Betonwand umgeben, die sowohl 2,5 Meter hoch ist als auch 2,5 Meter in den Boden reicht. Die Glasfenster und die Türen sind verstärkt, um den verheerendsten Bomben- Explosionen widerstehen zu können.

Nicht jede jüdische Einrichtung in Wien hat oder benötigt dieses Maß an Sicherheit. Die Rabbis und die Reporter bewegten sich in der vergangenen Woche bei der Sitzung der Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) frei und ohne Zwischenfälle von einem Veranstaltungsort zum anderen in Österreichs Hauptstadt. Koschere Restaurants, Bäckereien und sogar einige Synagogen und Jeschiwas im Wiener zweiten Bezirk scheinen ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen  auszukommen.

Doch es gilt für alle, wachsam zu sein. „Jeder in Europa ist ein potentielles Terroropfer, und die Juden stehen an der Frontlinie“, sagte Dr. Ariel Muzicant, der ehemalige Präsident der jüdischen Gemeinde Wiens mit 7.700 Mitgliedern. In Zusammenarbeit mit dem Europäischen Jüdischen Kongress gründete Dr. Muzicant das Security and Crisis Centre (SACC), eine Organisation, die derzeit die Sicherheitsbedürfnisse der jüdischen Gemeinden Europas erfasst und Schulungen zur Vorbereitung und Durchführung von Krisenmanagementplänen anbietet.

"Wir waren schockiert, dass die überwiegende Mehrheit der Gemeinden noch nicht einmal über ein Budget verfügt oder staatliche Gelder beantragt hat“, sagt Muzicant. „Und 80 Prozent der jüdischen Gemeinden in Europa haben keinen Krisenstab".

Derzeit bieten nur acht der 28 EU-Staaten Maßnahmen zur Finanzierung der Sicherheit ihrer jüdischen Gemeinden. Es waren diese entscheidenden Sicherheitsbedürfnisse, die die Diskussion bei der Eröffnungssitzung der CER dominierten.

Die Risiken sind hoch und nehmen zu.

Fast 2 Millionen illegale Einwanderer sind im vergangenen Jahr hauptsächlich aus kriegszerrütteten Ländern des Nahen Ostens nach Europa gelangt. Der Kontinent bereitet sich auf einen neuen Flüchtlingsstrom in diesem Sommer vor. Die Migrantenkrise hat zu Gegenreaktionen bei den einheimischen Europäern geführt und die Position der rechtsextremen Parteien Europas gestärkt, die seit dem Zweiten Weltkrieg weitgehend inaktiv waren.

„Dies ist ein Kampf um das existentielle Überleben Europas“, sagt Rabbi Pinchas Goldschmidt, der letzte Woche auf der Konferenz für eine zweite fünfjährige Amtszeit zum CER-Präsidenten gewählt wurde. „Wenn der radikale Islam die Schlacht in Europa gewinnt, wird dies nicht wegen seiner Stärke sein, sondern wegen der Schwäche der Europäischen Union.“

Eine Gratwanderung

Österreich wird derzeit von einer Mitte-Rechts-Koalition (Hört Hört, Anm. der Red.) regiert. Ihr Außenminister, der 28-jährige Sebastian Kurz, hat die Migrantenkrise in einem Interview Anfang dieses Jahres mit der britischen Zeitung The Guardian mit „Menschenhandel“ gleichgesetzt.

Kurz sagte gegenüber Mishpacha, dass der Zustrom von Flüchtlingen "für ein kleines Land wie Österreich enorm ist".

"Wir müssen die Kontrolle über unsere eigenen Grenzen wiedergewinnen, die Schlepper bekämpfen, und die humanitäre Hilfe in den Herkunftsländern erhöhen, da dies weitaus nachhaltiger ist, als all die Flüchtlinge und Migranten nach Europa zu bringen", sagte Kurz.

Gratwanderung: Sie lehnt Extremismus ab, indem sie ihre Unterstützung für die humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen und deren vollständige Integration in die europäische Gesellschaft ausspricht. Die CER ist auch gegen reflexartige Einschränkungen von religiösen Praktiken wie das Verbot der Burka oder des Gebetsrufs in Moscheen.

Diese Haltung steht nicht immer im Einklang mit der Stimmung der Juden auf der Straße – zumindest in Österreich und Belgien, wo einige orthodoxe Gemeindemitglieder begonnen haben, gemeinsame Sache mit rechtsextremen Parteien zu machen (solange diese sich nicht gegen Brit Mila und Schechita aussprechen, wie Rechtsradikale in Frankreich und Deutschland), und sich Barry Goldwaters berühmten Grundsatz zu eigen machten, dass Extremismus bei der Verteidigung der Freiheit nichts Falsches sei.


Bildunterschrift:

Sicherheitsvorkehrungen sind allgegenwärtig vor Wiens jüdischen Institutionen, aber die Rabbis liefen unbegleitet durch die meisten Hauptstraßen der Stadt.


Bildunterschrift:

Die Hochbahn (Es ist die U-Bahn U2, die an dieser Stelle „hochgeführt“ wird, Anm. der Redaktion) ,die am Spielplatz vorbeifährt,  ist auch durch eine Betonmauer mit einer Erhöhung aus Wellblech abgeschirmt, so dass der Campus von den Gleisen aus unsichtbar und unzugänglich ist.

In Österreich verlor Norbert Hofer von der rechtsextremen Freiheitlichen Partei die Bundespräsidentenwahl am 22. Mai um nur 30.000 von 4 Millionen abgegebenen Stimmen. Die jüdische Gemeinde Österreichs war über seine Kandidatur stark gespalten, sagt Rabbiner Nechemia Rotenberg (Rotenberg ist kein Rabbiner, Anm. der Red.) , der Wiener Projektmanager der Studentengruppe Nefesh Yehudi. „Hofer sprach im Wahlkampf sehr gut über die Juden, und das hat die Leute beeindruckt“, sagt Rabbi (Kein Rabbi, Anm. der Red ) Rotenberg.

Eine Stimmung unter orthodoxen Juden zu Gunsten der politischen Rechten macht Druck auf ein Rabbinat, das sich bereits mit einem moralischen Dilemma auseinandersetzen muss, nämlich: „Sitzen wir am gleichen Tisch mit den Erben derer, die versucht haben, die Juden zu vernichten?“, fragte Rabbi Goldschmidt in einem offenen Forum des ständigen Ausschusses der CER.

Er gab eine partielle Antwort auf diese heikle Frage, indem er darauf hinwies, dass die Haltung der CER im Allgemeinen darin besteht, auf den Staat Israel zu blicken, um eine Orientierungshilfe zu bekommen. Unterhält die israelische Regierung eine Beziehung zu der fraglichen Partei oder dem fraglichen Politiker und auf welcher Ebene?

Eine solche Vorgehensweise birgt jedoch ihre eigenen Komplikationen.

Die Regierung Netanjahu, der oft vorgeworfen wird, selbst rechtsextrem zu sein, hält in der Regel eine Armlänge Abstand von rechtsextremen Parteien. Dennoch traf sich der Likud-Abgeordnete Avi Dichter vor kurzem mit Heinz-Christian Strache, dem Vorsitzenden der österreichischen rechtsextremen Freiheitlichen Partei, um über den Kampf gegen den Terror zu sprechen, während der niederländische Rechtsextreme Geert Wilders Israel besuchte und israelische Abgeordnete in Europa empfing.

Israels nuancierter Ansatz funktioniert zwar angesichts der geografischen Entfernung zwischen Israel und Europa, ist aber nicht immer auf jüdische Gemeinden anwendbar, die möglicherweise eines Tages unter die Herrschaft dieser rechten Gruppen kommen.

In Belgien fordert die flämische rechtsextreme Partei Vlaams Belang die Vertreibung von Muslimen, die die flämische Kultur und bestimmte europäische Werte ablehnen, und befürwortet eine „Zwei-Staaten-Lösung“ für Belgien, nämlich die friedliche Abspaltung Flanderns von Belgien. Diese Perspektive ist mit vielen Ungewissheiten für die großen jüdischen Gemeinschaften von Antwerpen und Brüssel behaftet, die lange Zeit unter dem Schutz einer starken Zentralregierung lebten.

Die Chareidi Kehillah (strengreligiöse Gemeinschaft) hat den rechten Flügel massiv unterstützt und wir haben enge Beziehungen zu ihnen“, sagt Albert Guigui Oberrabbiner von Brüssel, Wiens neuer Oberrabbiner Arie Folger, der aus Antwerpen stammt, wies darauf hin, dass, als die Muslime vor zwei Jahren auf den Straßen von Antwerpen hässliche pro-palästinensische Demonstrationen gegen Israel abhielten, „die extremen Rechten die einzigen waren, die zur Verteidigung der Juden kamen.“ Im Gegensatz dazu lehnte die rechtsextreme Partei in Frankreich den Vorschlag eines Gesetzgebers entschieden ab, wonach französischen Juden und Muslimen die Möglichkeit eingeräumt würde, sich an ihren Feiertagen von der Arbeit und Schule frei zu nehmen.

"Die Rechte hat sich im Grunde genommen gegen Jom Kippur ausgesprochen", sagt Rabbi Richard Wertenschlag, Oberrabbiner von Lyon. "Sie sagten, dies sei ein christliches Land. Dies schuf eine Atmosphäre, in der jüdisches Leben und Frankreich unvereinbar wurden".

Bei der Entscheidung, wo die Grenzen zu ziehen seien, diskutierten die Rabbis über Richtlinien, die sie als erfolgreich ansehen, und die sowohl für politische als auch interreligiöse Begegnungen gelten.

Rabbi Goldschmidt, Vorsitzender der CER aber wohnhaft in Moskau, wo er auch Oberrabbiner ist, sagt, er würde sich nie mit jemandem treffen, ohne zuerst beim lokalen Rabbinat und Gemeindeleiter nachzufragen, ob bereits eine Beziehung besteht.

Rabbi Mendy Chitrik, der Chabad Schaliach in Istanbul, sagt, es ist auch wichtig, die Führungspersonen von jenen Akteuren, die nur im Rampenlicht stehen wollen, zu unterscheiden. Während einige muslimische Geistliche in der Tat moderat sind, haben sie jedoch gar keine Anhänger. Es ist also entscheidend, sich von ihnen nicht täuschen zu lassen. „Wenn jüdische Gruppen sich mit ihnen treffen, senkt das unser Ansehen und macht uns lächerlich in den Augen der Muslime“, so Rabbi Chitrik.

"Manchmal dürsten wir nach Kontakten und Begegnungen und am Ende trinken wir Salzwasser", sagt Rabbi Yaakov Bleich, Oberrabbiner der Ukraine. "Wir können der extremen Rechten nicht unsere offene Zustimmung geben, nur weil wir Beziehungen aufbauen wollen. Für uns muss ein Treffen sowohl ein Kiddusch Haschem (die Heiligung G'ttes, Anm. der Red.) erreichen als auch ein Interesse von uns voranbringen".

Während der Kampf gegen den radikalen Islam ein sehr guter Grund für interreligiöse Begegnungen sein kann, ist eine umfassendere Perspektive gefordert, um Ergebnisse zu sehen, sagt Sol Buckingolts, ein Förderer des CER und ehemaliger Direktor des Russischen Jüdischen Kongresses.

Buckingolts, der sich in diesem Jahr drei Mal mit Papst Franziskus getroffen hat, sagt, der breitere Kampf besteht sowohl im Kampf gegen Ungerechtigkeit als auch für Religionsfreiheit in einer Welt, in der die säkularen Kräfte genauso eine Bedrohung für die Spiritualität wie die Terroristen für Leib und Leben darstellen.

„Wir müssen lernen, miteinander zu sprechen, anstatt übereinander“, so Bukingholts.