“Kein Kosher-Stempel für die FPÖ“

Interview mit Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner von Moskau, über die Verführung der Juden durch die extreme Rechte und muslimische Zuwanderung.

Von Samuel Laster und Christa Zöchling (profil Nr.23/ 6.6.2016)

Profil: Hätten Sie die Rabbinerkonferenz auch dann in Wien abgehalten, wenn Österreich einen rechtsnationalen Präsidenten gewählt hätte?

Goldschmidt:  Ich glaube schon. Im Jahr 2000, als Jörg Haiders Partei in die  Regierung kam, haben wir die europäische Rabbinerkonferenz aus Protest nach Bratislava verlegt. Aber die Lage in ganz Europa hat sich heute zugespitzt. Ich habe gehört, dass sehr viele Gemeindemitglieder in Wien Norbert Hofer ihre Stimme gegeben haben. In Frankreich wählen nicht wenige  Juden den Front  National.

Pinchas Goldschmidt (links) mit Sebastian Kurz

Profil: Weshalb sind Juden anfällig für solche Parteien? Weil sie sagen, der  Islam gehöre nicht zu Europa?

Goldschmidt: Die Antwort ist nicht einfach. Die heutige Gefahr lässt uns die Geschichte vergessen. Viele Menschen haben ein  ziemlich kurzes Gedächtnis. Ich sehe die politische Allianz zwischen der extremen Rechten und verschiedenen Teilen der jüdischen Gemeinde äußerst problematisch. Ich glaube nicht, dass diese Parteien für die jüdischen  Gemeinden Gesprächspartner sein sollen.

Profil: Die Rechte in Europa – bis auf die ungarische Jobbik oder die griechische “Morgenröte“ - gibt sich sehr israelfreundlich.  

Goldschmidt: Es ist auch eine moralische Frage. Ich glaube nicht, dass wir solchen Parteien wie der FPÖ den Kosher-Stempel geben sollen. Falls solche Parteien doch einmal ans Ruder kommen sollten und ein europäisches Land regieren, dann werden wir das neu überdenken müssen. Eine jüdische Gemeinde ist immer verpflichtet, alles Unmögliche zu erwägen, mit der Macht einen Dialog zu finden, falls es möglich ist. Aber heute stellt sich die Frage wie weit man uns benützt, um diese Parteien salonfähig zu machen.

Pinchas Goldschmidt-Chef der Rabbiner Europas

Profil: Fürchten Sie die verstärkte Zuwanderung von Muslimen?

Goldschmidt: Gibt es ein Recht auf Migration? Haben Sie als Österreicher das Recht, in die USA zu emigrieren? Ein Flüchtling aber, der um sein Leben rennt,  vor Krieg, Hungersnot oder Verfolgung, der hat das Recht. Dem müssen wir helfen. "Du kannst nicht zuschauen wie das Blut deines Nächsten vergossen wird", heißt es in der Thora.

Profil: Haben Sie den Eindruck, dass durch den starken Zuzug nach Europa ein neuer Rassismus im Entstehen ist?

Goldschmidt: Wenn wir ins Internet gehen, sehen wir Rassismus aus Hass, aber auch Rassismus aus Angst. Es herrscht eine riesengroße  Angst überrannt zu werden, eine Angst, dass es in Brüssel oder Paris bald so aussieht wie in Beirut oder Damaskus.  Es stellen sich so viele Fragen: Braucht Europa nicht eine kontrollierte Einwanderung? Warum begeistern sich Kinder und Enkel der Zuwanderer für IS-Propaganda. Dieser Hybrid Europa ist nicht gebaut für große Sicherheitsrisiken. Deshalb werden extrem rechte Parteien so populär.

Profil: Wollen sie mehr Dialog mit Muslimen?

Goldschmidt: Wir müssen. Wir versuchen es seit Jahren. Das Problem ist: Wer spricht für die Muslime? Sind deren Organisationen wirklich repräsentativ? Wir haben vor zwei, drei Jahren allen europäischen Innenministern vorgeschlagen, dafür zu sorgen, dass die Geistlichkeit in Europa studiert haben sollte und nicht aus dem Ausland finanziert werden dürfe, aus Ländern, die den Radikalismus fördern.  In Österreich wurde das umgesetzt.

Pinchas Goldschmidt (rechts) mit Kulturminister Thomas Drozda

Profil: Warum gingen Sie im Jahr 1989 als Rabbiner nach Moskau, wo doch die russischen Juden nur auswandern wollten?

Goldschmidt: Als ich dorthin ging, ist noch niemand rausgekommen. Das war erst später. Als ich nach Moskau kam,  lebte dort mehr als eine Million Juden, doch sie hatten kein jüdisches Leben. Für mich war das eine Herausforderung. Es ist eines der großen Wunder unserer Zeit, dass wieder drei Millionen Juden, die überhaupt keinen Kontakt hatten mit Israel und mit dem Judentum, wieder Teil des jüdischen Volkes geworden sind.

Profil: Haben Sie als Rabbiner Schwierigkeiten in Moskau?

Goldschmidt: Ich hatte immer wieder Schwierigkeiten. Russland ist nicht Europa. Man hat versucht, mich aus Russland rauszuwerfen. Gott sei Dank ist ihnen das nicht gelungen.

Profil: Wie erklären Sie sich, dass Putins Partei rechtsradikale Parteien in Europa finanziert?

Goldschmidt: Es gibt Sanktionen gegen Russland. Russland versucht ganz einfach, die Einheit der europäischen Länder zu schwächen. Das machen sie mit Hilfe der extremen Rechten.  

Profil: Sehen Sie durch muslimische Zuwanderung eine Gefahr für die Religionsausübung?

Goldschmidt: Juden leben seit tausend Jahren in Europa. Wir hatten nie Probleme mit der Beschneidung. Aber jetzt wird das plötzlich ein Thema. Und zwar deshalb, weil auch Muslime ihre Knaben beschneiden und Tiere schächten.  Das sind populistische antimuslimische Initiativen. Es geht gegen Moslems. Wir Juden sind nur der Kollateralschaden.

Profil: Vor wem müssen Juden mehr Angst haben? Vor einem Europa der extremen Rechten oder vor muslimischem Antisemitismus?

Goldschmidt:  Juden fürchten sich vor G‘tt.

Profil: Und was sagt G‘tt?

Goldschmidt: Fragen Sie ihn.

Profil: Sie haben da mehr Kontakt.

Goldschmidt: Aus der Thora: “G‘ttes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem G‘tt“

 

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