Die Jüdische Odysee des Bob Dylan

von Ilan Preskovsky

Geboren in einer praktizierenden jüdischen Familie, wurde Dylan dezidiertjüdisch erzogen. Mazel tov an Bob Dylan zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur.

Im Gegensatz zur Film- oder Comic-Industrie war due Popmusik nie besonders jüdisch.

Sicherlich hatte es Brian Epstein, Leonard und Marshall Chess sowie einigeandere jüdische Manager und Männer hinter den Kulissen gegeben, aber alles imallem wurde die Popmusik seit dem Zusammenbrechen der Rock'n'Roll-Ära (also, so ungefähr seit 1955) nicht gerade mit jüdischen Talenten überschwemmt.

His Bobness an der Klagemauer bei der Bat Mitzwah von Sohn Jacob

Natürlich gibt es Ausnahmen, aber wie hat das Judentum von, sagen wir, Lou Reed oder Mick Jones von The Clash's eigentlich ihr Werk oder ihr Leben in der Öffentlichkeit tatsächlich beeinflusst?

Doch beim Gedanken an überwiegens Jüdische Popmusiker muss man nicht länger suchen – die wohl einflussreichste Figur in der Geschichte von Rock'n'Roll ist er, Bob Dylan. Es kann wohl nur einen geben. Dylan ist Dylan. Allerdings, sein Judentum mag bestehen und nachweisbar sein , es ist jedoch genauso komplex und widersprüchlich wie alles andere an diesem Mann.

Bringing It All Back Home

Geboren als Robert Allen Zimmerman (oder, um seinen jüdischen Namen zu nennen: Shabtai Zisl ben Avraham) in einer - nach allem, was man weiß, – allen Regeln entsprechend praktizierenden jüdischen Familie mit koscherem Haushalt, wurde Dylan dezidiert jüdisch erzogen und ist als Teil der eng vernetzten, kleinen jüdischen Gemeinden von Duluth und Hibbing (Minnesota) aufgewachsen. Er hatte sogar an einem religiös-zionistischen Sommercamp - Camp Herzl - teilgenommen.

Wenigstens glaube ich, dass das der Fall ist. Es war immer schon sehr schwer, zwischen Realität und Mythologie zu unterscheiden, als es um den schon immer quecksilbrig-sprunghaften Bob Dylan ging.

Als er sich schließlich entschieden hatte, in die Fußstapfen von seinen Helden der Folkmusik Woody Guthrie und Leadbelly zu treten und sowohl seine Heimatstadt als auch sein Zuhause verlassen hatte,  wurde Dylan in zunehmendem Maße zugeknöpfter in Bezug auf sein Privatleben und sogar seine Herkunft.

In der Tat ist “zugeknöpft” sogar eine Untertreibung all der Märchengeschichten und absoluten Lügen, die Dylan sowohl in seinen jungen Jahren als heimatlosen Folksänger als auch später, beim Erfüllen seines Solls im legendären Greenwich Village in New York und auch noch einige Jahre später, als er zur "der" Stimme der  Generation der mittleren 60er Jahre ausgerufen wurde, zusammengebraut hatte.

Es war vermutlich die Mischung aus Selbstmythologisierung, echter Demut (ja, Dylan und nur Dylan konnte beides) und offensichtliche Vorliebe, sowohl die Presse als auch seine leidenschaftlichsten Fans zu verwirren, die Dylan möglich gemacht hatte, sicherzustellen, dass die Menschen so wenig wie möglich über den realen Bobby Zimmerman wussten. Im Laufe der Jahre hat sich der Mann hinter der Legende etwas gelichtet und es wurde zunehmend klar, dass er nicht nur diese sehr jüdische Erziehung in sich trug, sondern auch, dass er sich nie wirklich weit von seinen Wurzeln entfernt hatte, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Es mag schon stimmen, dass Texte von Dylan, speziell in den '60ern, oft umeiniges (wunderbar) schräger als seine Person sind,  zapfen sie doch seine reichhaltige jüdische Tradition an, die viel mehr aussagen vermag, als er je in diesen endlosen Pressekonferenzen und Interviews sagen konnte.

In der letzten Dämmerung seiner Laufbahn spielte er während seiner routinemäßigen Auftritte im Village sogar tatsächlich einen kurzen Ausschnitt aus dem berühmten jüdischen Liedchen Hava Nagila, das für immer auf seiner Antrittsplatte seiner Bootleg Series als “Talkin' Hava Nageilah Blues” verewigt jedoch an dem Abend als "ausländisches Lied, das ich außerhalb von Utah gehört hatte" vorgestellt wurde.

Man darf sich wundern, was die Mormonen wohl dazu sagen würden.

In den Liedern, die er tatsächlich geschrieben hatte, tauchten zwar biblische Motive ständig auf, doch nirgendwo so intensiv wie in drei bemerkenswerten Titeln von seinem ersten und besten Jahrzehnt als Songwriter und Künstler. Der erste von denen, der Titel des vermutlich besten seiner Alben, Highway 61 Revisited, beginnt mit einer sehr sorgfältigen Nacherzählung der Opferung Isaaks.

Viele Jahre später  taucht noch um einiges ehrfurchtsvoller ein Abschnitt von Tanach in einem seiner bisher unerreichten Meisterwerke, All Along the Watchtower (natürlich am besten bekannt durch Jimi Hendrix's aufrührerische Coverversion). Wie es aussieht , beruht der Song weitgehend auf einer Passage von Jesaja 21:1-10, die vom Fall Babylon handelt, nur dass ihre eindrucksvollen Bilder von Dylan in etwas weit Verworreneres und Verträumtes umgestaltet  wurden

– wenngleich nicht minder poetisch.

Doch am meisten jüdisch von all diesen Werken ist ein anderer unerreichterKlassiker:  Forever Young, der ein jüdisches Gebet mit einer sehr zugespitzten biblischer Bilderwelt verbindet. Dem Anschein nach ist das Lied eine bearbeitete Version eines Segens, wie ihn jüdische Eltern traditionell freitags abends und zu Feiertagen ihren Kindern mitgeben und wurde von Bob für seinen jüngeren Sohn Jacob geschrieben (eines von seinen fünf Kindern, die Dylan mit seiner ersten jüdischen Ehefrau Sara hatte, das später selbst Musiker wurde).

Das Lied beginnt sogar unmittelbar mit einer Zeile aus dem Aaronitischen Segen: “G‘tt, segne und beschütze euch immer” und enthält einen ausdrücklichen Verweis auf die Geschichte vom Jakobs Traum (“May you build a ladder to the stars and climb on every rung” - Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Steige!), die wiederum einen klaren Bezug sowohl  zum Sohn von Dylan als auch zum Urheber dieser jüdischen Tradition, Kinder zu segnen, unseren Stammesvater Jakob selbstherstellen soll.

You Gotta Serve Somebody

Natürlich sind all diese jüdischen Verweise alle schön und gut, aber die Kenner von Dylan würden sagen, es hatte doch die ganze Sache mit Dylans flüchtigem Interesse am evangelikalen Christentum in den späten 70ern gegeben, welche ihn ironischerweise seine uninspirierteste Musik produzieren ließ.

Noch merkwürdiger, dass dies seine Wendung war, die letzlich Dylans Judentum noch offensichtlicher denn je zum Vorschein gebracht hat. In den 1980ern sahen wir, dass sich Dylan zunehmend der Chabad-Lubavitch-Bewegung angenähert hatte und wahrscheinlich sein jüdischstesLied aller Zeiten veröffentlicht hatte: Neighborhood Bully. Es zählt nichtunbedingt zu seinen besten Werken, aber der Songtext ist eine leidenschaftlicheAntwort sowohl an Israelkritik als auch an Juden. Der gesamte Song ist eine feinverschleierte Bemerkung zur Neigung mancher Personen, all die Krankheiten dieser Welt zu Füßen dieses kleinen Volkes und seines kleinen Nationalstaates zu legen (die Fiesheit liegt schon im Titel – ich nehme an, ich brauche hier nicht zu buchstabieren, was “Neighborhood” – also “Nachbarschaft” bedeutet), und eine stolze Zusammenfassung der Fähigkeiten des jüdischen Volkes alles zu überleben, was die Welt uns in den letzten vier Jahrtausenden nachgeworfen hatte.

Guter Jingel, aber kompliziert-Bob geht seinem Job nach

Was seine Bande zu Chabad betrifft, sie blieben fest in den letzten Jahrzehnten, obwohl Dylan immer darauf bestanden hatte, keine Zeit f[r organisierte Religionen zu haben. Er wurde bei einigen Yom Kippur Gebeten in Synagogen von Chabad gesehen, er hat an der Klagemauer tefillin gelegt und hat an mehreren Schnormarathons (telethons) von Chabad teilgenommen.

Seit den frühen '80ern und seiner öffentlichen Annäherung seinen jüdischenWurzeln gegenüber kamen immer mehr zwei Facetten gleichzeitig an die Oberfläche, sowohl Dylans jüdischen Bande als seine rastlose lebenslange Suche nach Spiritualität, die manchmal im scharfen Gegensatz zum hedonistischen Rock'n'Roll-Lebensstil steht. Und jetzt, trotz seines Misstrauens organisierter Religion gegenüber und trotz seines bohemienhaften Freiheitsstrebens gibt es etwas im Judentum, das ihn über die Jahre hinweg immer wieder anregte.

Besonders wurde er durch einige Rabbiner beeinflußt, die Offenheit, W’rme und Empatie des früheren  Mr Zimmerman erweckt hatten. Ein besonderes Verhältnis hatte er zum Rabbiner Shlomo Freifeld z”l gepflegt, Leiter der Jeschiva Shor Yoshuv, als Dylan mit seinem Kumpel, dem jüdischen Bohemian und Dichter Alan Ginsberg die sheva brochas (Segen für die Hochzeit) für einen gemeinsamen Freund an der Jeschiva von Rabbiner Friefeld in New York besuchte. So bewegt schien Dylan vom Rabbiner und von der Jeschiva, dass er fast eine Wohnstätte in der Nähe der Jeschiva erwarb und wurde mit den Worten zitiert, als er Rabbiner Friefeld in einer besonders kalten Nacht in New York besuchte, “It may be dark and snowy outside, but inside that house, it's so light.” (Er kann draußen kalt sein und schneien, doch drinnen ist es warm und behaglich).

Nichts desto trotz ging er nie so weit und sein Judentum blieb ein –zugegebenermaßen, ein großer - Teil seines fraglos sehr komplexen spirituellen Wesens. Jedoch, wenn man bedenkt, wie komplex die jüdische Identität in unserer modernen Welt ist, gibt es doch etwas Beruhigendes in der Tatsache, dass eine unserer großen kulturellen Ikonen an sich so “kompliziert jüdisch” ist.

Übernommen vom Jewish Life magazine

Übersetzung: Jolita Venckute

Der Artikel in Englischer Sprache ist auch zu  hier zu finden

 

Copyright © 1995 - 2016 Aish.com - http://www.aish.com