Wir sind Israel

        Ein Kommentar von Nathan Gelbart

Überrascht und entrüstet nehmen wir seit Beginn der israelischen Operation “Zuk Eitan (Fels in der Brandung)” die offene antisemitische Agitation auf deutschen Straßen wahr. Horden vermummt-verschleierter DemonstrantInnen, denen es kaum gelingen würde, in einwandfreiem Deutsch eine Busfahrkarte zu lösen, kennen sich in Sachen Völkerrecht, Faschismus, Zionismus perfekt aus. Rufe wie “Juden ins Gas” und “Tod den Juden” sind hierbei an der Tagesordnung der Friedensfeddayin

Wüsste man es nicht besser, so könnte man sich in das Jahr 1933 zurückversetzt fühlen. Die Demarkationslinie zwischen Juden und Zionisten, die bisher aus Höflichkeit und Kalkül beachtet wurde, ist aufgehoben.

Die sichtlich überraschte Polizei agiert unprofessionell, überfordert und wirkt dem Mob gegenüber machtlos. Derweil Staatsanwälte in Berlin tatsächlich die Frage erörtern, ob derartige Aussprüche auf Grossdemonstrationen verfolgungsfähige Straftaten darstellen. Was bislang antisemitische Intellektuelle wie Augstein und Grass vormachten, hat mittlerweile auch die Strasse erreicht.

Auch der letzte noch so gerne wegschauende Verharmloser kann die Gleichsetzung zwischen Israel und Juden nicht mehr ignorieren. Der pöbelnde Mob hasst nicht etwa die Juden als Mittel seines Hasses auf Israel. Es ist genau umgekehrt: Der Antisemit hasst in folgerichtiger Konsequenz und derselben Irrationalität Israel, weil er die Juden hasst.

Die bisherigen Versuche, die Trennlinie zwischen Israel einerseits und Juden andererseits aufrecht zu erhalten, dienten nicht nur den sich als “Israelkritiker” tarnenden Antisemiten. Auch für uns Juden war und ist es gelegentlich sehr angenehm, in das Jackett eines Bundesbürgers jüdischen Glaubens zu schlüpfen, der sich dagegen verwahrt, für Israels Politik mitverantwortlich gemacht zu werden.

Aber: Mit jedem getöteten israelischen Zivilisten, bei jeder Beisetzung eines gefallenen israelischen Soldaten und bei jedem Terroranschlag in Israel sind wir emotional dabei. Wir hören rund um die Uhr Nachrichten, beim Europapokalsieg der Tel Aviver Basketballer überkommt uns Gänsehaut. Jede israelische Erfindung macht uns stolz, als wäre es unsere eigene. Wird Israel physisch oder verbal angegriffen, so empfinden wir es als einen Angriff auf uns und verteidigen Israel wie unser eigenes Kind.

Machen wir uns nichts vor: Die Rolle, die man uns aufdrängt, haben wir faktisch längst angenommen. Es ist an der Zeit, sich dieser Erkenntnis zu stellen.

Nicht umsonst sprechen unsere Gelehrten nicht vom “jüdischen Volk”, sondern von den “Bnei Israel (Kindern Israels)”. Denn im Gegensatz zu allzu häufig nur temporären Freunden Israels bilden wir Kinder Israels mit Israel eine historische und religiöse Schicksalsgemeinschaft. Ob wir es wollen oder nicht, ob orthodox, konservativ, liberal, konvertiert oder säkular, ist hierbei vollkommen irrelevant.

Das ist eine Tatsache, die wir nicht weiter verdrängen sollten. Auch wenn es manche Funktionäre nicht wahrhaben wollen

Wir sind Israel.