Was würde die Hamas tun, wenn sie das tun könnte, was sie wollte?

Von JEFFREY GOLDBERG 4. AUG. 2014, The Atlantic

Der New York Times-Kolumnist Roger Cohen überraschte im Frühjahr 2009 einige seiner Leser, indem er behauptete, dass die im Iran verbliebenen Juden „in relativer Ruhe leben, arbeiten und ihren Glauben pflegen“.

Cohen schrieb: „Vielleicht habe ich einen Hang zu Fakten statt Worten, aber ich bin der Meinung, dass eine Realität von iranischer Höflichkeit gegenüber Juden mehr über den Iran und dessen Kultiviertheit und Kultur aussagt, als all die aufrührerische Rhetorik.“

Vielleicht.

In dieser und in anderen Kolumnen schien Cohen seine jüdischen Glaubensbrüder zu überzeugen zu versuchen, dass sie vor dem Iran des Khamenei und (zu der Zeit) Ahmadinedschad weniger zu befürchten hatten als sie dachten. Für mich war diese Kolumne eine Schönfärberei. Es schien (und scheint) vernünftig, über die Absichten von iranischen Führern besorgt zu sein, die den Holocaust leugnen oder herunterspielen, während sie gleichzeitig hoffen, den jüdischen Staat zu vernichten, und die auf die Tötung von Juden abzielende Gruppen wie die Hisbollah und die Hamas finanzierten und ausbildeten.

Die schärfsten Kritiken erhielt Cohen aus der persisch-jüdischen Exilgemeinde. Die überwiegende Mehrheit der iranischen Juden flüchtete nach der Khomeini-Revolution aus dem Land. Viele von ihnen fanden Zuflucht in Los Angeles. David Wolpe, Rabbiner des dortigen Sinai Tempels, lud Cohen kurz nachdem die Kolumne erschienen war ein, vor seinen Gemeindemitgliedern, von denen rund die Hälfte persische Exilanten sind, zu sprechen.

Cohen muss zugutegehalten werden, dass er die Einladung annahm. Die Begegnung zwischen Cohen und einem Publikum aus mehreren hundert Leuten (vor allem Juden, aber auch Bahai', Mitglieder einer Glaubensrichtung, die intensiv vom iranischen Regime verfolgt wurde) war angespannt, aber im Wesentlichen höflich . Der interessanteste Moment für mich war nicht die Diskussion über das zweifelhafte Wohlbefinden der im Iran verbliebenen jüdischen Bevölkerung, sondern als Wolpe Cohen zu den Absichten des Iran und seiner Verbündeten gegen Juden, die außerhalb des Iran leben, fragte.

„Gerade jetzt“, sagte Wolpe, „ist Israel viel mächtiger als die Hisbollah und die Hamas. Nehmen wir an, morgen ist das umgekehrt. Nehmen wir an, die Hamas würde über die Feuerkraft Israels verfügen und Israel hätte die Feuerkraft der Hamas. Was denken Sie, würde Israel passieren, wenn die Machtverhältnisse umgekehrt wären?“

„Ich weiß nicht, was morgen passieren würde“, antwortete Cohen. Diese Antwort brachte ihm viel Spottgelächter aus dem skeptischen Publikum ein. „Und es spielt keine Rolle, dass ich das nicht weiß, weil das weder morgen, noch in einem oder zwei Jahren passieren wird.“ Wolpe teilte Cohen rasch mit, dass er selbst genau wisse, was passieren würde, wenn das Mächteverhältnis zwischen der Hamas und Israel umgekehrt wäre. (Später berichtete mir Wolpe, dass er meine, Cohen sei nicht so naiv, das Wesen der Hamas und der Hisbollah falsch zu verstehen, sondern einfach nur von der Frage überrumpelt worden.)

Zu dem Zeitpunkt wies Cohen darauf hin, dass er nicht an einer Auseinandersetzung mit der Natur der Hamas und ihren Zielen interessiert sei. „Ich lehne es ab, über Ihre Frage hinauszudenken“, sagte er. „Es ist nicht sinnvoll, sich auf dieses Terrain zu begeben.“

„Sich auf dieses Terrain zu begeben“ ist aber notwendig, nicht nur um zu verstehen, warum die Israelis die Hamas fürchten, sondern auch um zu verstehen, dass die Geschichten, die von Hamas-Apologeten über die Überzeugungen und Ziele der Gruppe vorgebracht werden, falsch sind. „Sich auf dieses Terrain zu begeben“ erfordert auch nicht viel Phantasie oder eine hochentwickelte Prädisposition für Paranoia. Meiner Meinung nach ist es eine Verletzung der Verantwortung seitens der Progressiven, wenn sie nicht versuchen, die Ziele und Überzeugungen von islamistischen totalitären Bewegungen zu verstehen.

(Sie sollten wissen, dass dieser Beitrag kein Kommentar zu den Einzelheiten des Krieges zwischen Israel und der Hamas ist, eines Krieges, in den die Hamas Israel mit einem Köder hineinzog und den Israel annahm. Jedes Mal, wenn Israel bei seinem Versuch, die Hamas-Raketen zu neutralisieren, einen unschuldigen Palästinenser tötet, stellt das einen Sieg für die Hamas dar, die ihr Ziel klar gemacht hatte, nämlich Israel dazu zu bringen, unschuldige Menschen in Gaza zu töten. Es sei nur darauf hingewiesen, dass sich Israel keine weiteren „Siege“ dieser Sorte, die es jetzt in Gaza anstrebt, erlauben kann. Ich unterstützte eine Waffenruhe zu Beginn dieses Krieges genau deshalb, weil ich meinte, dass die israelische Regierung ihre strategischen Ziele oder die Methoden zur Erreichung dieser Ziele nicht überdacht habe.)

Es stimmt zwar, dass die Hamas ein Experte darin ist, zu veranlassen, dass unschuldige Palästinenser getötet werden, aber sie machte auch in Wort und Tat deutlich, dass sie lieber Juden töten würde. Die folgende Aussage, die das Blut in den Adern stocken lässt, ist aus der Charta der Gruppe: „Die Islamische Widerstandsbewegung strebt nach der Verwirklichung von Allahs Versprechen, egal, wie lange das dauern wird. Der Prophet, Allah möge ihn segnen und ihm Heil schenken, sagte: ‚Das Jüngste Gericht wird nicht kommen, solange Muslime nicht die Juden bekämpfen (die Juden töten). Dann aber werden sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken, und die Steine und Bäume werden rufen: 'Oh Muslime, Oh Abdulla, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm‘ und töte ihn.‘“

Das ist ein freimütiger und offener Aufruf zum Völkermord, eingebettet in eines der durch und durch antisemitischen Dokumente, die Sie diesseits der Protokolle der Weisen von Zion lesen können. Wenige Leute scheinen zu wissen, dass das Gründungsdokument ("Die Charta") der Hamas auf Völkermord aus ist. Manchmal sind die Gründe für diesen Mangel an Wissen gutartig. Manchmal aber, wie Philip Gourevitch einwandte (The New Yorker), als er unlängst die Verteidigung der Hamas durch Rashid Khalidi zerlegte, ist diese Unwissenheit ein direktes Nebenprodukt der Entscheidung, Belege für den theokratischen Faschismus, der der Hamas innewohnt, zu verhüllen.

Der Totalitarismus-Historiker Jeffrey Herf stellt in einem Artikel auf der Website American Interest die Hamas-Charta in einen Kontext:

[D]ie Hamas Charta von 1988 ersetzte in besonderem Maße die marxistisch-leninistische Verschwörungstheorie der Weltpolitik mit den klassischen antisemitischen Bildern von Nationalsozialismus und europäischem Faschismus, die von den Islamisten absorbiert wurden, als sie im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierten.

Dieser Einfluss ist in Artikel 22 deutlich, der erklärt, dass „unterstützende Kräfte hinter dem Feind“ großen Reichtum angehäuft hatten: „Mit ihrem Geld übernahmen sie die Kontrolle über die Weltmedien, Nachrichtenagenturen, Presse, Verlage, Rundfunkstationen usw. Mit ihrem Geld steuerten sie Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt, um ihre Ziele zu erreichen und deren Früchte zu ernten.

Mit ihrem Geld übernahmen sie die Kontrolle über die Weltmedien. Sie standen hinter der Französischen Revolution, der Kommunistischen Revolution und den meisten Revolutionen, von denen wir hier und da hören. Mit ihrem Geld bildeten sie Geheimgesellschaften, wie die Freimaurer, die Rotary Clubs, die Lion Clubs und andere in den verschiedenen Teilen der Welt, mit dem Ziel, die Gesellschaften zu sabotieren und zionistische Interessen zu erreichen.

Mit ihrem Geld waren sie in der Lage, imperialistische Länder zu kontrollieren und sie dazu anzustiften, viele andere Länder zu kolonialisieren, damit sie deren Ressourcen nutzen und dort Korruption verbreiten können.“

Obiger Absatz aus Artikel 22 hätte fast wortwörtlich aus antijüdischen Propagandatexten und -sendungen aus Nazi-Deutschland genommen werden können.

Die Frage, auf die sich Roger Cohen im Sinai Tempel zu antworten weigerte, wurde unlängst in einem Beitrag von Sam Harris gestellt. Der atheistische Intellektuelle ist aus ideologischen Gründen gegen eine Existenz Israels als jüdischem Staat (oder gegen jedes rund um eine Religion organisiertes Land), unterstützt aber aus praktischen Gründen sein Weiterbestehen als Zufluchtsort für besonders verfolgte Menschen sowie als nicht besonders religiöse Schanze in einer Region der Welt, die tief von religiösem Fundamentalismus betroffen ist. Unter Bezug nicht nur auf die Hamas-Charta schreibt Harris, dass „der Diskurs in der muslimischen Welt über die Juden absolut schockierend“ ist.

Nicht nur gibt es da die Leugnung des Holocaust – es gibt die Holocaust-Leugnung, die dann beteuert, ihn zur Realität werden zu lassen, wenn sich die Chance dazu bietet. Noch abscheulicher als die Leugnung des Holocausts, ist es zu sagen, dass er hätte passieren sollen. Dass er nicht passiert ist, aber wenn man die Chance bekomme, dass man ihn dann vollbringen würde. In den palästinensischen Gebieten und anderswo gibt es Shows für Kinder, die Fünfjährige über den Ruhm des Märtyrertods und über die Notwendigkeit des Tötens von Juden unterrichten.

Und das trifft den Kern des moralischen Unterschieds zwischen Israel und seinen Feinden…

Was wissen wir über die Palästinenser? Was würden die Palästinenser den Juden in Israel antun, wenn das Machtungleichgewicht umgekehrt wäre? Nun, sie haben uns gesagt, was sie tun würden. Aus irgendeinem Grund wollen die Kritiker Israels einfach nicht das Schlimmste von einer Gruppe wie der Hamas glauben, selbst wenn diese das Schlimmste selbst erklärt. Wir hatten bereits einen Holocaust und mehrere andere Völkermorde im 20. Jahrhundert.

Menschen sind in der Lage, Völkermord zu begehen. Wenn sie uns mitteilen, dass sie beabsichtigen, einen Völkermord zu begehen, sollten wir zuhören. Es gibt allen Grund zu glauben, dass die Palästinenser alle Juden in Israel töten würden, wenn sie könnten. Würde jeder Palästinenser den Völkermord unterstützen? Natürlich nicht. Aber ein Großteil von ihnen – und Muslime auf der ganzen Welt – würden es tun.

Es muss nicht erwähnt werden, dass die Palästinenser im Allgemeinen, und nicht nur die Hamas dafür bekannt sind, dass sie auf schockierendste Weise auf die Tötung von unschuldigen Zivilisten abzielen. Sie brachten sich in Bussen und in Restaurants zur Explosion. Sie metzelten Jugendliche nieder. Sie ermordeten Olympia-Athleten. Jetzt schießen sie wahllos Raketen auf zivile Gebiete.

Das erste Mal, als ich Zeuge davon wurde, wie sich der Hass der Hamas auf Juden in großformatiger, tödlicher Gewalt manifestierte, war Ende Juli 1997, als sich zwei von den Selbstmordattentätern der Gruppe in einem Open-Air-Markt in West-Jerusalem in die Luft sprengten. Der Anschlag nahm 16 Menschen das Leben, 178 wurden verletzt. Ich war zum Zeitpunkt des Anschlags nur ein paar Häuserblöcke vom Markt entfernt und traf kurz nach den Sanitätern und Feuerwehrleuten ein.

Während der darauffolgenden Stunden entfaltete sich eine Szene, die ich immer wieder vor Augen habe: schreiende Verwandte, Mitglieder der orthodoxen Begräbnisgesellschaft (Zaka) , die Fleisch von den Wänden schaben, und der mit Blut und Eingeweiden bedeckte Boden.

Ich erinnere mich an einen anderen Anschlag der Hamas in einem Bus in der Innenstadt von Jerusalem, bei welchem durch die Wucht der Explosion Körperteile von Kindern auf die Straße geschleudert wurden. Bei einem weiteren Bombenanschlag war ich bei den Rettungskräften dabei, wie sie einen menschlichen Arm, der hoch oben in einem Baum steckte, herabholten.

Nach jedem dieser Angriffe veröffentlichten Hamas-Führer blutrünstige Aussagen, in denen sie Anerkennung fordern und mehr Tod versprechen. „Die Juden werden verlieren, weil sie das Leben begehren, aber ein wahrer Muslim liebt den Tod“, sagte mir Abdel-Aziz Rantisi, ein ehemaliger Führer der Hamas, in einem Interview im Jahr 2002. Im gleichen Interview machte er folgende unvergessliche Aussage: „Die Leute reden immer darüber, was die Deutschen den Juden angetan haben, aber die eigentliche Frage ist: Was haben die Juden den Deutschen angetan?“

Ich werde dieses Interview nie vergessen, nicht nur, weil mir Rantisis Judenhass den Atem verschlug, sondern weil mich – gerade als ich seine Wohnung in Gaza-Stadt verließ –, eine Freundin aus Jerusalem anrief, um mir zu sagen, dass sie soeben eine gewaltige Explosion außerhalb ihres Büros an der Hebräischen Universität gehört hatte (übrigens nicht weit von dem Anschlag von heute entfernt). Es gab gerade einen Anschlag in einem Kaffeehaus, sagte mir die Freundin. Das war eine weitere Hamas-Operation, bei der neun Menschen getötet wurden, darunter eine außergewöhnlich zuversichtliche junge Frau namens Marla Bennett. Die 24-jährige amerikanische Studentin schrieb noch kurz vor ihrem Tod: „Meine Freunde und meine Familie in San Diego bitten mich, nach Hause zu kommen, denn es sei gefährlich hier. Ich weiß ihre Sorge zu schätzen. Aber es gibt keinen Ort auf der Welt, wo ich jetzt lieber wäre. Ich habe einen Logenplatz in der Geschichte des jüdischen Volkes.“

Die Hamas ist eine Organisation, die sich der Beendigung der jüdischen Geschichte verschrieben hat. Das ist es, was so viele Juden verstehen, und so viele Nicht-Juden nicht verstehen. Der Schriftsteller Amos Oz, der jahrzehntelang Israels linkes Friedenslager anführte, teilte vergangene Woche in einem Interview mit, dass er keine Aussicht auf einen Kompromiss zwischen Israel und der Hamas sieht. „Ich war mein ganzes Leben ein Mann der Kompromisse“, sagte Oz. „Aber selbst ein Mann der Kompromisse kann nicht auf die Hamas zugehen und sagen: ‚Vielleicht treffen wir uns auf halbem Weg und Israel existiert nur montags, mittwochs und freitags.‘“

In den Jahren seit der Herausgabe der Charta, wurde deren Botschaft von den Hamas-Führern und Sprechern immer wieder verstärkt. Mahmoud Zahar sagte 2006, dass die Gruppe „kein einziges Wort in ihrer Charta ändern wird“. Um diesen Punkt noch zu unterstreichen sagte Zahar 2010: „Unser ultimativer Plan ist es, Palästina in seiner Gesamtheit [zu haben]. Das sage ich laut und deutlich, sodass mich niemand der Anwendung politischer Taktiken beschuldigen wird. Wir werden den israelischen Feind nicht anerkennen.“

Im Jahre 2011 verlautete der ehemalige Hamas-Kulturminister Atallah Abu al-Subh, dass „die Juden das verabscheuungswürdigste und verachtenswerteste Volk sind, das auf dem Erdboden kriecht, weil es Feindseligkeit gegenüber Allah zeigte. Allah wird die Juden in der Hölle der zukünftigen Welt töten, so wie sie die Gläubigen in der Hölle dieser Welt töteten.“

Erst letzte Woche beschuldigte der Top-Hamas-Funktionär Osama Hamdan die Juden, dass sie Matzes mit dem Blut von Christen machen. In anderen Worten, das ist keine Gruppe, die jene Art von Frieden anstrebt, nach dem Amos Oz – oder, was das betrifft, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, – streben. Es gibt Leute, die sich wundern, warum die Israelis so emotional auf die Hamas reagieren. Die Antwort ist leicht. Israel ist ein kleines Land, und die meisten seiner Bürger kennen jemanden, der von der Hamas bei ihren ausgedehnten Selbstmord-Anschlägen ermordet wurde. Und die meisten Menschen begreifen auch, dass auch sie getötet werden würden, wenn die Hamas freie Bahn hätte.