Syriens Bürgerkrieg könnte die Region stabilisieren

von Daniel Pipes*

Bevölkerungsverschiebungen infolge des vier Jahre dauernden syrischen Bürgerkriegs haben das Land und seine drei Arabisch sprechenden Nachbarn Irak, Libanon und Jordanien tiefgreifend verändert. (Die Türkei und Israel haben sich auch verändert, aber nicht so stark.)

Ironischerweise werden unter Tragödie und Horror, während sich die Bevölkerungen den brutalen Notwendigkeiten des modernen Nationalismus anpassen, alle vier Länder ein wenig stabiler. Der Grund liegt darin, dass die Kämpfe die Menschen dazu gedrängt haben aus den Status ethnischer Minderheiten hinaus in Staaten ethnischer Mehrheit zu ziehen, zum Leben Gleicher mit Gleichen angespornt.

Vor einem Blick auf jedes Land hier etwas Hintergrund:

Erstens verfügt der Nahe Osten - zusammen mit dem Balkan - über den komplexesten und unbeständigsten ethnischen, religiösen, sprachlichen und nationalen Mix der Welt. Er ist ein Ort, wo grenzüberschreitende Allianzen die lokale Politik zutiefst komplizieren. Wie der Balkan den Ersten Weltkrieg auslöste, könnte der Nahe Osten durchaus den dritten Weltkrieg entfachen.

Der brutale achtjährige Krieg zwischen Iran und Irak von 1980 - 1988 trug viel zur Verschärfung der Feindseligkeiten zwischen Sunniten und Schiiten bei.

Zweitens waren die historischen Spannungen zwischen den beiden größten muslimischen Sekten - den Sunniten und den Schiiten - weitgehend abgeklungen, bevor Ayatollah Khomeini 1979 an die Macht kam. Getrieben von Teherans Aggression sind sie seitdem erneut aufgeflammt.

Drittens ignorierten die imperialistischen europäischen Mächte die Identität der im Nahen Osten lebenden Völker bei der Ziehung der meisten Grenzen der Region. Stattdessen konzentrierten sie sich auf Flüsse, Häfen und andere Ressourcen, die ihren Wirtschaftsinteressen dienten. Das Ergebnis ist das heutige Gewirr der willkürlich definierten Länder (z.B. Jordanien).

Schließlich waren die Kurden vor einem Jahrhundert die großen Verlierer; da ihnen die Intellektuellen, die für sie einstehen konnten, fehlten, fanden sie sich in vier unterschiedliche Staaten aufgeteilt wieder, in denen sie überall verfolgt wurden. Heute haben sie sich für Unabhängigkeit organisiert.

Zurück zu Syrien und seinen arabischen Nachbarn (und unter Rückgriff auf Pinhas Inbaris "Demographic Upheaval: How the Syrian War is Reshaping the Region" - Demografischer Umbruch: Wie der syrische Krieg die Region neu formt):

Syrien und der Irak haben erstaunlich ähnliche Entwicklungen durchgemacht. Nach dem Untergang monströser Diktatoren 2000 und 2003 ist jeder in drei gleiche ethnische Einheiten auseinandergebrochen: schiitische Araber, sunnitische Araber und Kurden. Teheran dominiert sowohl die schiitisch orientierten Regime, während mehrere mehrheitlich sunnitische Staaten (die Türkei, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate) die sunnitischen Rebellen unterstützen. Die Kurden haben sich aus den arabischen Bürgerkriegen zurückgezogen, um ihre eigenen autonomen Bereiche aufzubauen. Einst ambitionierte Diktaturen halten eine kaum funktionierende Außenpolitik aufrecht. Ebenso ist die Jahrhunderte alte, Syrien und den Irak trennende Grenzlinie weitgehend verschwunden.

Syrien: Der immer noch von Bashar al-Assad regierte Teil Syriens wird schiitischer. Schätzungsweise die Hälfte der vor dem Krieg 22 Millionen betragenden syrischen Bevölkerung ist aus seiner Heimat getrieben worden; davon flohen 3 Millionen Flüchtlinge - hauptsächlich Sunniten - aus dem Land und kehren wahrscheinlich nicht zurück; dafür gibt es zwei Gründe: den fortgesetzten Bürgerkrieg und die Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft durch das Regime Assad. Das Regime scheint auch mit Absicht seine Kontrolle über die Gebiete in der Nähe der Grenze zu Jordanien eingeschränkt zu haben, um Sunniten zu ermutigen aus Syrien zu fliehen. Eine weitere List ist die Zunahme der schiitischen Bevölkerung; Berichte deuten an, dass rund 500.000 irakische Schiiten willkommen geheißen und neu angesiedelt wurden, von denen einige die syrische Staatsbürgerschaft verliehen bekamen.

Bashar al-Assad muss ein besserer Augenarzt als Diktator gewesen sein.

Irak: Der syrische Bürgerkrieg bot dem Islamischen Staat (oder ISIS/ISIL) eine Gelegenheit in den Irak zu ziehen und Städte wie Fallujah und Mossul zu erobern, was zu einem Exodus von Nichtsunniten (besonders Schiiten und Jesiden) führte und den Irak entlang ethnischer Linien neu gestalteten. Angesichts der vermischten Bevölkerung des Landes - besonders im Raum Bagdad - wird es Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bevor die Seiten sich sortiert haben. Doch der Prozess scheint unaufhaltsam zu sein.

Libanon: Sunniten werden einflussreicher; sie schlagen den Einfluss des Iran zurück. Die Million neuer sunnitischer Flüchtlinge aus Syrien stellen jetzt 20 Prozent der Bevölkerung des Landes, was die sunnitische Gemeinschaft annähernd verdoppelte. Dazu vernachlässigt die Hisbollah als dominierende schiitische Organisation des Landes ihre Anhängerschaft und verliert innenpolitisch an Einfluss, indem sie auf Seiten des Regimes Assad in Syrien kämpft.

Hisbollah-Milizionäre in Syrien verringern den Einfluss der Gruppe in ihrem Heimatland Libanon.

Jordanien: Der aktuelle Zustrom an syrischen Flüchtlingen folgt einer früheren Welle von schätzungsweise einer Million irakischen Flüchtlingen. Zusammen haben die beiden Gruppen den Prozentsatz der Palästinenser in Jordanien bis zu einem Punkt heruntergefahren, dass Letztere vielleicht nicht länger eine Mehrheit der Bevölkerung des Landes stellen - eine Verschiebung mit wichtigen politischen Folgen. Zum einen reduziert das die potenzielle palästinensische Bedrohung der haschemitischen Monarchie; zum anderen untergräbt es das von einigen Israelis vertretene Argument, dass Jordanien Palästina ist.

Kurz gesagt: Irak und Syrien zerfallen in ihre einzelnen religiösen und ethnischen Teile, der Libanon wird sunnitischer und Jordanien weniger palästinensisch. So grauenhaft die Kosten des syrischen Bürgerkriegs in Menschenleben ausgedrückt sind, macht der langfristige Einfluss möglicherweise den Nahen Osten zu einem weniger entflammbaren Ort, einen, der weniger wahrscheinlich den dritten Weltkrieg auslösen wird.

*Daniel Pipes (www.DanielPipes.org) ist Präsident des Middle East Forum
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