Napoleonkomplex

Jeden Morgen wache ich mit dem Verlangen auf, Napoleon zu sein. Psychiater konsultiere ich deswegen nicht mehr. Sie zeigten tiefes Verständnis und bestätigten mir, dass das ganz normal sei. Geht es mir doch nicht um die Weltherrschaft, sondern die Nachtruhe. Warum Napoleon? Der hat im Jahre 1799 in der Stadt Ramleh in den frühen Morgenstunden einen Muezzin einfach mit seiner Pistole vom Minarett geknallt.

von Norbert Nathan Jessen

Sein Gebetsruf hatte die Nachtruhe des Generalissimo und späteren Kaisers gestört. Der Abstand des Franziskaner-Klosters in Ramleh zum benachbarten Minarett ist um etwa 20 Meter länger als der von meinem Schlafzimmerfenster zum Minarett der Al-Nus´ha-Moschee in Jaffo. Luftlinie. Keine schallschluckenden Gemäuer weit und breit. Und: 1799 gab es noch keine Lautsprecher. Die fünf-mal-täglichen Adchan-Verse kann ich mittlerweile auswendig. Dazu gehören auch die Worte, die beim Übertritt zum Islam ausszuprechen sind. Militante Islamisten könnten mich allein deshalb schon als Mutation eines Ungläubigen zum Abgefallenen katalogisieren.

Al Bahr Moschee in Jaffa

Zum Seelen-Syndrom kommen also nicht nur Schlafstörungen, sondern auch noch Terrorgefahr... Wichtige Kriterien für einen Asylantrag in der EU wären damit erfüllt. Trotzdem hab ich es nicht so mit dem geplanten „Muezzin-Gesetz“.

Einige Abgeordnete (nicht nur ultra-rechtst-populistischste...) haben es allzu vorlaut auf den Knesseth-Tisch geknallt: "Wir bringen die Muezzins zum Schweigen!" Zum Einen, weil ich grundsätzlich was gegen Sondergesetze habe, die nicht alle, sondern nur die anderen verpflichten. Zum Anderen, weil Israels Umweltschutzgesetz schon seit fast sieben Jahren Nachtlärm aus- und nachdrücklich untersagt. Verbietet. Schlussaus. Nicht ganz.

An das Gesetz hält sich der Kontroll-Tower des Ben-Gurion-Flughafens (meistens). Auch Avi vom Supermarkt an der Ecke timt die LKW-Lieferungen vom Großmarkt seit Jahren über den Tag statt in die Nacht (fast immer). Sogar die Hi-Fi-verstärkten Beschallungsanlagen auf den Hochzeiten, die so gut wie jede Nacht mal hier, mal da in einer der benachbarten Straßen plärren, kennen die Polizeistunde (spätestens zehn Minuten nachdem die erste Streife vorgefahren ist).

Hat nur der Muezzin keine Ahnung, wie er seine Lautsprecher runterdrehen kann? Nicht ganz. Auch der Gebetsrufer kennt den Knopf zum runterdrehen. Der Muezzin hat aber keinen Anlass, seine Kenntnisse – die des Gesetzes wie der Tontechnik – auch anzuwenden. Für ihn gibt es eine ungeschriebene, aber konsequent eingehaltene Sonderregelung.

Nur für die anderen verpflichtend und nicht für alle. Die Polizei hört weg. Doch nicht nur wenn der Muezzin durchatmet und loslegt. Auch Alarmsirenen, die in einigen Teilen der Big-Orange-Metropole Freitagnachmittag den Sabbat ein“läuten“, verursachen Polizeitaubheit. Die lärmen zwar am Tage, aber mit einem Dezibel-Aufwand der Herzaussetzer verursachen kann. Vor allem bei Durchreisenden, die diesen friedlichen Sabbat-Brauch aus ihren Vierteln nur als Kriegsalarm kennen und panisch nachfragen, wo sich der nächste Bunker befindet. Wir sind in Israel!

Darum wollten die Rabbiner ihren Gebetsruf im geplanten Gesetzestext ausdrücklich als erlaubt erwähnt sehen. Was aber ist schon ein zehnsekündiges Sirenengejaule Freitagspätnachmittag gegen die allmorgendliche Lärmroutine jener Institution, die das Einhalten des Lärmschutzgesetzes beaufsichtigen sollte? Das Ordnungsamt der Stadt Tel Aviv, so hört es sich, schickt ihre „Pakachim“, also Ordnungshüter, grundsätzlich nur bei Sonnenlicht in den Stadtdschungel.

Wehe ein Tischchen ragt mit einem Bein aus dem Schani-Garten der Cafes, wehe dem Zwergpudelhalter, der seiner Leinenpflicht nicht nachkommt. Falschparker haben in Tel Aviv nicht die geringste Chance, mehr als 50 Fühlsekunden ungestraft zu überleben. Nur die dem Ordnungsamt übergeordnete Müllabfuhr darf mit Sondererlaubnis schon ab fünf Uhr mit Müllcontainern von der Größe eines Swimmingpools scheppern.

In Jaffo, wo sich der zentrale Fuhrpark der Müllbeseitiger befindet, beginnt ihr aufopfernder Dienst meist sogar früher. Damit es schneller geht, schieben sich die Schwertonner rückwärts zwischen die engen Häuserfluchten: „Pieep-pips-pieep-pips-pieep-pips-pieep-...“ Pakachim? Ist ja noch dunkel. Der Ruf des Muezzins klingt zehn Minuten später wie eine - Erlösung gerade nicht, aber lösbar (s. Bonaparte).

Nachdem die Medien jetzt weniger Lärm ums Muezzin-Gesetz machen und alle um Medienaufmerksamkeit heischende Initiatoren des Gesetzes namentlich gewürdigt haben, soll der Wortlaut des Gesetzentwurfes jetzt allgemeingültiger formuliert werden. Was zu erwarten war. Nur dem Nacht-Ruf soll die Verstärkung durch Lautsprecher versagt sein.

Wie übrigens auch in Ramallah, wie auch in Teheran. Was an beiden Orten kein Grund war, das in der Knesseth geplante Verbot nicht als casus belli zu interpretieren. Untersucht aber das Oberste Gericht Israels, wie verfassungskonform so ein Muezzin-Gesetz ist, könnte es trotzdem einen Einwand haben. Einen grundsätzlichen: Warum ein weiteres Gesetz, wenn es doch schon eines gibt? Warum ein Gesetz gegen unerlaubte Entwendung, wenn es schon eines gegen Diebstahl gibt?

Der  Oberbürgermeister der Stadt Tel Aviv würde dafür pragmatische Gründe vorbringen. Kostensenkend. Der Oberrabbiner würde ihn unterstützen. Kaschrutsteigernd. Auch die arabischen Parlamentsabgeordneten könnten ihren Aufrufe zur offenen Rebellion zurücknehmen. Friedensfördend. Auch ihr fast verlorenes Gesicht rettend - Muaffaq von gegenüber hätte nämlich nicht mitrebelliert. Zusammen mit seiner Großfamilie nicht: "Der Lautsprecher in aller Herrgottssfrühe geht mir auch auf den Geist. Haben die noch nie was von SMS gehört?"