Solidarität!

Juden und Muslime in Österreich

Ein aggressiver Rechtspopulismus in Europa ersetzt gerade den Hass gegen Juden durch Feindseligkeit gegenüber Muslime.

Ein Gastkommentar von Tarafa Baghajati* (Bild)

Muslime und Juden haben einander sehr viel zu sagen. Am besten direkt. Im Kern sind beide Religionen sich viel näher, als viele vermuten würden. Und dabei geht es nicht nur um Ähnlichkeiten zwischen koscher und halal.

Über Jahrhunderte gab es ein friedliches Miteinander. Viel zitiert ist die wissenschaftliche Blüte im maurischen Spanien, an der jüdische Gelehrte wie Maimonides großen Anteil hatten. Nach der Reconquista fanden Juden Zuflucht im Osmanischen Reich und in Nordafrika. Auch im „goldenen Zeitalter“ war nicht alles Gold. Engstirnige Eiferer bedrohten den freien Geist der Wissenschaft phasenweise auch damals. Gerade in der historischen Distanz lassen sich hier jenseits nostalgischer Verklärungen  Anknüpfungspunkte für heute finden.

In Europa ersetzt ein aggressiver Rechtspopulismus gerade Antisemitismus durch Islamfeindlichkeit. Besonders perfide erscheint dabei der Versuch Antisemitismus bevorzugt bei den Muslimen zu verorten und sich als „Beschützer der Juden“ selbst rein zu waschen. Die „Verteidiger Europas“ können damit sogar im Mainstream punkten. Gerade hier braucht es einen intellektuellen Austausch zwischen Juden und Muslimen zur Frage, wie Feindbildpolitik dekonstruiert werden kann. Ein Weg, der auch eigene Ressentiments überwinden hilft.

Eine der Herausforderungen liegt darin, dass die meisten Muslime heute alles Jüdische durch die Brille des Nahostkonflikts betrachten. Es fehlt an der Differenzierung zwischen einer kritischen Haltung zur israelischen Politik und dem Judentum als einer Weltreligion. Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Da geht unter, dass viele Juden ihrerseits Kritik an der Politik des Staates Israel äußern.

Angeheizt wird die Stimmung, wenn muslimische Akademiker als Zeugen für den angeblichen Judenhass eingeladen werden und diesen als eine Art Dogma ihrer  Religion präsentieren. Dem fachunkundigen Publikum wird dabei verborgen, dass es im Islam eine lange Tradition des Respekts und der Aufgeschlossenheit gegenüber Andersgläubigen, gerade aus den Buchreligionen gibt, belegt im Koran und in der Sunna (Tradition des Propheten Muhammad).

Ja, es gibt zwar einige Stellen, wo Juden – an anderen Christen oder auch Muslime selbst - in einem negativen Zusammenhang vorkommen. Dabei handelt es sich um situationsbedingte Aussagen. Extremisten und Fanatiker würden gerne diesen historischen Kontext ignorieren und Allgemeingültigkeit postulieren. Wer sich ähnlich ignorant verhält, macht sich zum Propagandisten dieses unseligen Gedankenguts.

Der Islam hat das Judentum und dessen Anhänger niemals als Feinde oder gar „Gottesmörder“ bezeichnet. Umgekehrt steht im Koran zeitlos gültig: „Und unter Moses Volk gibt es Leute, welche zu der Wahrheit leiten und ihr gemäß handeln“ (7:159). Bisher sind jene Leute, die behaupten, in österreichischen Moscheen werde Hass auf andere Religionen gepredigt, konkrete Angaben dazu schuldig geblieben. Die IGGÖ würde jedenfalls Hetze nicht zulassen. Hassrede wäre nicht nur zu verurteilen, sondern müsste Konsequenzen nach sich ziehen.  

Immer wieder geistern Behauptungen herum, die Misstrauen säen. Gudula Walterskirchen schrieb in einem Gastkommentar in dieser Zeitung, der Religionspädagoge Ednan Aslan habe in aktuellen Schulbüchern für den islamischen Religionsunterricht Texte gefunden, die die Kinder zur Gewalt gegen Juden und Christen aufriefen. Das ist nicht korrekt, wie ein Blick in die Bücher schnell beweist und wurde von Aslan so auch nie behauptet. Umgekehrt wurden Texte, die das Judentum betreffen, erst nach kritischer Durchsicht jüdischer Fachleute freigegeben.

Freilich besteht Handlungsbedarf. In den Familien und bei der Jugend muss mehr Bewusstseinsbildung stattfinden. Auch Imame müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Ein Schlüssel ist der Informationsaustausch und die Begegnung zwischen Juden und Muslimen.

Gerade fand eine Intensivierung statt. Zwischen IKG und IGGÖ wurde der gegenseitige Wunsch noch Kooperation und offener Aussprache betont, jenseits pompöser Konferenzen. Die gegenseitige Solidarität ist wichtiger denn je, nicht nur wenn es um praktische Seiten der Religionsausübung geht. Gemeinsam gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit aufzutreten kann dem Rechtsruck begegnen, der die ganze Gesellschaft mit einer Stimmung von Ausgrenzung negativ treffen würde.

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* Dipl.- Ing. Tarafa Baghajati

Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen

Kulturreferent der Islamischen Religionsgemeinde Wien

Co-Vorsitzender der Plattform Christen & Muslime