Wilder Kerl: Max Blumenthals gruselige antizionistische Odyssee

Was sollen Antizionisten gegen den hasserfüllten Mobber in ihrer Mitte tun?

 Von David Mikics , Tablet Magazin

Übersetzung: Maria Kallenberg

 

Max Blumenthal (links) mit David Sheen

Gegen Ende letzten Jahres befand sich Deutschland im Bann eines faszinierenden, fast absurden Videos, um das sich eine Affäre drehte, die schließlich Toiletten-Gate getauft wurde. Darin verfolgen die antizionistischen Aktivisten Max Blumenthal und David Glanz Gregor Gysi, den Vorsitzenden der Partei Die Linke, Deutschlands linksgerichteter Oppositionspartei, den Gang seines Büros hinunter. Die zwei Männer bedrängen Gysi mit Beschuldigungen, dass er sie Antisemiten genannt habe, was Gysi zurückweist. Gysi flieht in eine Toilettenkabine, und Glanz und Blumenthal versuchen, ihren Eingang zu erzwingen, ohne Erfolg.

Deutsche Zeitungen quer durch das politische Spektrum haben die besessenen Radikalen verurteilt, die versucht hatten, Gysi vom Urinieren in Frieden abzuhalten, und die deutschen Medien scheuten sich nicht, Blumenthal und Glanz—die beide jüdisch von Geburt sind—Antisemiten zu nennen. Aber die Geschichte hinter dem Toiletten-Gate war ein wenig komplizierter. Zwei für ihre Opposition gegenüber Israels "Imperialismus" bekannte Politikerinnen der Linken, Inge Höger und Annette Groth—die auch 2010 auf der Mavi Marmara gesegelt waren, als israelische Kommandos verheerender Weise das Schiff überfielen, das auf dem Weg nach Gaza war—hatten Blumenthal und Glanz eingeladen, am 10. November auf einer Konferenz im Bundestag über Israel zu sprechen. Nachdem ihm ein warnender Hinweis gegeben wurde, dass die zwei Männer heftige Ankläger Israels waren, hob Gysi die Einladung auf.

Der Grund war simple Politik. Die Baader-Meinhof-Ära hallt immer noch in Deutschland wider: Nichts kann auf einen deutschen Politiker einen solchen Schatten werfen wie Vorwürfe des Antisemitismus. Gysi hat nun jahrelang versucht, den radikalen Possen Einhalt zu gebieten. Diese haben bei den meisten Deutschen dazu geführt, die Linke als eine Nebenvorstellung abzutun. Im Juni 2011 nahm Die Linke unter der Führung von Gysi mit großer Mehrheit Stellungnahmen an, die Israels Existenzrecht bejahen und zu Gunsten einer Zweistaatenlösung ausfielen. Gysi drückte auch eine Maßnahme durch, die besagte, dass Linke-Vertreter nicht an Boykottversuchen und Gaza-Flottillen teilnehmen oder eine Einstaatlösung befürworten würden. Höger und Groth, die laute Radikale sind (und das nicht nur in Bezug auf Israel), reiben sich seitdem unter diesen Beschränkungen auf. Das Toiletten-Gate war ihr gescheiterter Versuch, zurückzuschlagen.

Am Tag vor ihrer Bundestagskonferenz am 9. November sollten Blumenthal und Glanz in der Volksbühne Berlin erscheinen, um Israels „Kriegsverbrechen“ in Gaza zu diskutieren. Auch jenes Ereignis wurde abgesagt. Der 9. November, Jahrestag der Kristallnacht, ist ein Tag ernster Gedenkfeier in Deutschland, kein Zeitpunkt für Angriffe auf Israel. Ein unbeeindruckter Blumenthal erklärte, dass er ausdrücklich gewollt habe, dass seine Veranstaltung am Tag der Kristallnacht stattfände. „Für uns,“ sagte er, „war es der perfekte Zeitpunkt, um zu erklären, wie das Vermächtnis des europäischen Völkermords unsere Arbeit inspiriert hatte, um zu betonen, dass ‚nie wieder‘ nie wieder für alle bedeutete“. Bezeichnender Weise gab Blumenthal Israel die Rolle eines Massenmordplaners, und das an einem Tag, der der Erinnerung an die Shoah geweiht ist.

Blumenthals Version von dem, was in Berlin geschehen ist, ist verschwörerisch: „Ich wurde zensiert und als Antisemit gebrandmarkt durch linke Politiker, die als die Marionetten amerikanischer Neocons handeln, “ schrieb er auf seiner Website. Die Deutschen hätten ihn "mit maschinenähnlicher Effizienz" unterdrückt, fügte er hinzu (Blumenthal liebt ethnonationale Klischees). Blumenthal schoss zurück gegen die deutschen Reporter und die Politiker, die ihn als Antisemit gebrandmarkt hatten, indem er einem Interviewer in Deutschland sagte: „Deutschland ist das weißeste Land in der Welt“.  Als ihn sein Interviewer bat, „weiß“ zu definieren, sagte er: „Weißsein ist die oberste Verkörperung des Privilegs“. Komischer Weise fügte er hinzu, dass „proisraelische Organisationen an amerikanischen Hochschulcampussen als Gewerkschaften weißer Studenten funktionieren, die begünstigt werden statt ordentlich stigmatisiert“. (Sind Afroamerikaner oder äthiopische Juden „weiß“, wenn sie bei Hillel rumhängen?) Blumenthal hat einen belasteten Begriff von Privileg, vielleicht weil er der Sohn des hitzköpfigen demokratischen politischen Funktionärs und Vertrauten Hillary Clintons Sidney Blumenthal ist, der vor kurzem eine rachsüchtige E-Mailkampagne betrieb, um Eric Alterman für seine Kritik an Max' Journalismus zu schmähen. In einem Interview mit dem israelischem Schriftsteller David Grossman in seinem Buch Goliath: Fear and Loathing in Greater Israel sagte Blumenthal, dass er sich in Amerika wegen seines prominenten Vaters immer wie ein "Insider" gefühlt habe, und deutete bizarrer Weise an, dass höherer jüdischer Zugang zu amerikanischer Macht einen jüdischen Staat überflüssig gemacht habe.

Max Blumenthals Handwerkszeug ist antizionistische Polemik, die von karikaturähnlichen, rassisch gewichteten Darstellungen von israelischen Juden strotzt. Was ihn von vielen anderen antizionistischen Schreibern unterscheidet, sind nicht seine politischen Ansichten, sondern die besessene Natur seiner Arbeit, die nicht von moralischer Leidenschaft oder Analyse, sondern von Hass beseelt ist. Es ist keine Überraschung, dass der Neonazi Frazier Glenn Cross, der angeklagte KKK-Mörder, der jüdische Gemeindezentren in Kansas angegriffen hat, 300 Zitate von Blumenthal auf seiner Website VNN Forum stehen hat. Blumenthal ist auch eine verlässliche Quelle zu jüdischen Übeltätern und Missetaten für die Neonazi-Seite Stormfront, und David Herzog heißt seine Arbeit gut. Eine der Kapitelüberschriften Blumenthals in Goliath ist bei den Rechtsextremen, die sich seine Arbeit fröhlich zu eigen machen, besonders populär gewesen: „Wie man Goyim tötet und Leute beeinflusst“.

Und es sind nicht mehr nur antisemitische Spinner, die zu ihm strömen. Auch Mainstream-Journalisten wie James Fallows und Andrew Sullivan haben Blumenthals Arbeit gelobt. Erstaunlicherweise warb Blumenthal für Goliath bei der New America Foundation, einem gemäßigten demokratischen Think Tank. Zudem wurde ihm vor kurzem eine Plattform von der New York Times gegeben.

Aber die Wahrheit ist, dass Blumenthal einfach ein Niemand ist, und seine Mainstream-Aktivitäten haben keine politische Bedeutung, da keine seiner politischen Ansichten ursprünglich von ihm stammt. Das Beste, was man über ihn als Reporter sagen kann, ist, dass er kein Hebräisch oder Arabisch spricht, und er hat keinerlei Quellen—es ist also schwer, ihn dafür zu kritisieren, dass er die Dinge falsch versteht. Eher ist seine Spezialität die uralte Vermarktung Israels als eine einmalige Quelle des Übels auf der Welt und daher ein verdientes Ziel ungehemmter Schimpfrede. Die Frage für Antizionisten, die glauben, dass ihr Anliegen durch Gerechtigkeit und Menschenrechte motiviert ist, ist dann wirklich: Was sollen sie gegen den hasserfüllten Mann in ihrer Mitte tun?

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Schlechtes Benehmen ist Blumenthals Handwerkszeug. Vor ein paar Monaten fand er Gefallen an der Elektronischen Intifada; offenbar im Bemühen, Jodi Rudoren, die Israel-Korrespondentin der New York Times, zu demütigen. Blumenthal schrieb, dass die Rudorens „sich eingebettet" hätten in einem „engstirnigen, ethnozentrischen Umfeld“, weil sie sich entschieden hätten, in einer Wohnung im westlichen Jerusalem zu leben, die die Times seinen Korrespondenten bereitstellt. Rudoren und ihr Ehemann „sonnten sich in jüdischem Privileg,“ schäumte Blumenthal. Rudoren tweetete am 24. November knapp zurück: „Ich antworte nicht auf unangemessene Angriffe auf meine Familie“.

Letztes Jahr versuchte Blumenthal, seine vermeintliche Befähigung als ein erwachsener Denker mit Goliath zu beweisen, einem 400 Seiten starken, hemmungslosen Angriff auf Israels Existenzrecht, voll von ätzender Verachtung für jedes Detail des jüdischen Staats. Das Buch wurde in den meisten Gegenden mit Misstrauen aufgenommen, nicht nur wegen Blumenthals selbstherrlichem Umgang mit den Fakten, sondern weil er solchen Abscheu für sein Thema ausströmte: Regelmäßig verdrehte er seine Beschreibungen, um Israelis quer durch das politische Spektrum wie verstörte rassistische Barbaren aussehen zu lassen. Die Wörter Faschist und Nazi, angewandt nur bei israelischen Juden, würzen Blumenthals Seiten (um gerecht zu sein, Blumenthal schleimt auch regelmäßig mit stalinistischem Eifer beinahe jede öffentliche Person an, die seine Politik teilt, von Norman Finkelstein bis zu M.J. Rosenberg).

Blumenthal ist seit Goliath beschäftigt gewesen. Im September legte er in Brüssel bei der Russell-Kommission Zeugnis über den Gaza-Krieg ab, vor antizionistischen „Geschworenen“ inklusive solch berühmter Nahostexperten wie Richard Falk, Roger Waters und Ken Loach. Im Oktober sprach er über Gaza im britischen Unterhaus, eingeladen von MP Jeremy Corbyn und eingeführt durch James Thring, einem prominenten Verteidiger der Holocaustleugner David Irving und Lady Michèle Renouf.

Die wahren Gegenstücke zu Blumenthal können unter den sowjetischen Historikern gefunden werden, die regelmäßig die Geschichte geändert haben, um sie dem Willen ihrer Herrscher anzupassen—in seinem Fall den emotionalen Bedürfnissen eines Publikums, für das der jüdische Staat eine einmalige Quelle des Übels sein muss. Blumenthal stellt die israelische Geschichte regelmäßig falsch dar, um alle Schuld auf die Juden zu schieben, während er ihre arabischen Gegner, dessen Armeen aus seinem Bericht wegretuschiert sind, freispricht. Ein Fall kann für viele stehen. Blumenthal beschreibt Zionisten, die 1948 hilflose Palästinenser aus Haifa heraustreiben, und lässt die wohlbekannte dringende Bitte der jüdischen Anführer an die Araber, in der Stadt zu bleiben und in Frieden zu leben, weg. Blumenthal erwähnt die Schlacht von Haifa nicht und erweckt den Eindruck, dass sie nie geschehen ist. Seine Fantasieversion von 1948 ist ein wildes und spontanes jüdisches Pogrom gegen Palästinenser; ohne arabische Armeen, ohne Araber, die auf Juden schießen, ohne Versprechen, die Juden ins Meer zu treiben usw.

Goliath hat fanatischen Antisemiten erlaubt zu behaupten, dass sie die Arbeit von „fortschrittlichen“ Juden schätzen, die Israel „kritisch“ sehen. Als Blumenthal im Pressefernsehen des Irans erschien, das antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, ließ er die Zuschauer wissen, dass wenigstens einige Juden erkennen würden, dass der einzige passende Vergleich für Zionismus Nazismus sei. Letztes Jahr erschien Blumenthal, nachdem Goliath herauskam, mit einem anderen Binationalisten, dem Politikwissenschaftler Ian Lustick, an der Universität von Pennsylvania. Ihr gemeinschaftliches Projekt bestand darin, das Verschwinden von Israel als jüdischer Staat zu wünschen. Lustick hat in einem Kommentar in der New York Times zugegeben, dass dies zu einem ethnischen Bürgerkrieg führen würde, aber er scheint zu glauben, dass so ein Bürgerkrieg irgendwie läuternd wäre. Als er seinen Eindruck von Goliath zusammenfasste, behauptete Lustick in Pennsylvania: „Israel ist nicht nur ein kleines bisschen faschistisch, Israel ist sehr faschistisch,“ und das sei der „ultimative Delegitimierungsgrund“, weil „nach dem Zweiten Weltkrieg nichts Faschistischem auch nur erlaubt werden kann zu überleben“.

Lustick stellte dann Blumenthal die sich anbahnende Frage: Verlangen Sie „das Ende des jüdischen Gemeinschaftslebens im Land von Israel“? Blumenthals Antwort war tatsächlich ja: Er sagte Lustick, dass israelische Juden „indigenisiert“ und in die arabische Welt integriert werden müssten. Für Blumenthal sind Juden keine Indigenen, nicht einmal die Mizrahi, etwa die Hälfte der israelischen Juden, deren Familien im Mittleren Osten gelebt haben, lange bevor der Islam kam. Stattdessen sind Juden „Siedler“ und „Kolonisierer,“ schuldige Kreaturen, deren eigentliche Rolle ist, ihre sündhafte Geschichte durch das Aufgeben von Souveränität in ihrem Land zu sühnen, einem Land, das von den Vereinten Nationen und auch von Jassir Arafat als jüdischer Staat anerkannt wurde. Die Fantasie wäre töricht, wäre sie heute nicht so üblich, besonders auf dem übrigen Campus.

Für die, die darüber verwirrt sind, was Zionismus ist, hat Blumenthal die Schriften des Professors Josephs Massad von der Columbia University empfohlen. „Massads Arbeit zur Symbiose von Zionismus & Antisemitismus", tweetete Blumenthal, sei „nie widersprochen“ worden. Blumenthal lobte den berüchtigten Al-Jazeera-Artikel, in dem Massad erklärte, was er „die antisemitische Basis des Zionismus“ nannte. In Orwell'scher Manier drehte Massad das Wort „Antisemitismus“ um und beharrte darauf, dass Israel das antisemitische Land schlechthin und daher arabischer Anti-Zionismus der beste Weg sei, Antisemitismus zu bekämpfen. Blumenthal scheint der verkehrten Logik Massads zuzustimmen: Die echte Lektion aus der Shoah ist nicht, dass Juden einen Staat gründen müssen, um sich zu verteidigen, sondern dass sie selbst die wahren Völkermörder sind.

Blumenthal besuchte Gaza während des Krieges dieses Sommers, und seine Berichterstattung war erwartungsgemäß parteiisch. Seinen Kolumne für AlterNet vom 6. August zitierte zustimmend „eine aufgezeichnete Nachrichtensendung vom 29. Juli von Al-Aqsa-Fernsehen, Generalkommandant der Izzedin Al-Qassam-Brigaden Mohammad Daif, [der] erklärt hat, dass Gaza-Kämpfer ausschließlich auf aktives israelisches Militärpersonal im Dienst abzielten und Angriffe auf Zivilisten vermeiden würden“. Das Problem, erklärte Blumenthal, sei, dass Israel seine eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde nutze, indem es schlauer Weise in der ganzen Bevölkerung Soldaten platziere. „Israel ist die am meisten militarisierte Gesellschaft auf der Welt,“ schreibt Blumenthal, „seine Zivilbevölkerung ist von Soldaten und militärischen Einrichtungen durchzogen." Daher, argumentiert Blumenthal, könnte es so scheinen, dass die Hamas Raketen auf Zivilisten richte, aber sie zielten in Wirklichkeit auf israelische Soldaten ab. Kein Wort von Blumenthal darüber, ob Soldaten die Kindergärten und Grundschulen von Sderot besetzten, die—nur, wenn gerade Unterricht ist, selbstverständlich—Lieblingsziele für die Raketen von Hamas und Islamischem Dschihad sind.

In einem anderen Artikel aus diesem Sommer verkündete Blumenthal, dass israelische Soldaten während der Schlacht von Schejaiyeh „eine Serie von Massakern" verübt hätten. Gemäß der zuverlässigsten bisherigen Schätzungen wurden in Schejaiyeh während dem heftigen Gegenangriff auf Israels Golani-Brigade ungefähr 70 Palästinenser getötet, zusammen mit 13 israelischen Soldaten. Diese Zahlen suggerieren eine harte Schlacht statt eines „rachsüchtigen Wahnsinns“ und „grausigen Massakers“ (Blumenthals Worte für das, was Israel in Schejaiyeh tat). Blumenthal erwähnt auch nicht, dass Schejaiyeh eine sorgfältig verstärkte unterirdische Militärbasis und Waffenanlage war, die die Eingänge zu zehn Terrortunneln verbarg, die nach Israel führten.

Wofür es sich lohnt, auf Blumenthals schludrige Berichte und giftige Deformationen einen Blick zu werfen, ist, dass sie als Folge des letzten Gaza-Kriegs immer mehr zur Standardmeinung von vernünftig denkenden Leuten werden: Es ist offensichtlich, dass Israel Frieden machen könnte, aber es bevorzugt den Genuss der rücksichtslosen Herrschaft über das palästinensische Andere. Bewusst oder nicht haben sich viele von seinen Ideen in den Diskurs eingeschlichen. Diesen Sommer argumentierte Jon Stewart in der Daily Show gegenüber Hillary Clinton, dass die Hamas „keine andere Wahl“ gehabt habe, als ihre Raketen auf israelische Zivilisten zu feuern. Die blumenthaleske Gewohnheit zu behaupten, dass die IDF darauf abzielen, feindliche Verluste zu zu maximieren anstatt zu minimieren, hat sich in der Mainstream-Presse sehr ausgebreitet, obwohl sie oft als eine Andeutung statt eines offenen Arguments erscheint. Es war nicht nur Blumenthal, der Schejaiyeh ein Massaker nannte, es war auch die Nation; und das BBC langte ebenfalls zu, indem es wiederholt Beschreibungen der Schlacht zitierte, die das Wort „Massaker“ verwendeten. Sogar Ban Ki-Moon verurteilte Israels „entsetzliche Handlungen“ in Schejaiyeh (obwohl er auch wiederholt auf israelische Zivilisten gerichtete Raketen der Hamas anprangerte). Während des Krieges dieses Sommers räumte die Presse Anschuldigungen, dass Israel wahllos auf Gaza feuere, prominenten Platz ein. Die New York Times begann in der ersten Woche des Krieges bekanntermaßen damit, Schätzungen zu zitieren, dass Zivilisten über 80 Prozent der Opfer in Gaza ausmachten, und benutzte Opferzahlen, die von der Hamas an die Vereinten Nationen übermittelt worden waren und die bewiesenermaßen erheblich hochgetrieben waren (das eigentliche Verhältnis war ungefähr 50-50).

Der „israelische Mainstream“ sei "überwältigt von anti-arabischem Eliminationismus,“ schreibt Blumenthal in Goliath. Ja, ist es wahr, dass Israels palästinensischen Bürgern von ihrer Regierung und von Israels jüdischer Mehrheit viel mehr zusteht—aber das ist nicht, was Blumenthal sagt. Juden des Versuchs zu beschuldigen, ihre palästinensischen Mitbürger zu beseitigen, ist eine absurde Übertreibung. Trotz der gegenwärtigen tief verstörenden Welle von jüdischem Rassismus in Israel sind israelische Palästinenser in ziemlich guter sozio-ökonomischer Verfassung. Sogar Einwohner Ost-Jerusalems können sich aussuchen, israelische Bürger zu werden, eine Tatsache, die jetzt regelmäßig von der Mainstream-Presse verschwiegen wird. Für Blumenthal stehen Israels Palästinenser jedoch an der Schwelle zum Genozid, während die Juden schon ihre Messer wetzen. Das Ziel von „Israels Gründergeneration“ war ein „ethnisch ausschließender jüdischer Staat“, schreibt Blumenthal. Tatsächlich haben die Gründer Israels, jeder einzelne von ihnen, die entgegengesetzte Art von Nation gewünscht und geschaffen; einen Staat von sowohl Juden als auch Arabern—aber da die Tatsachen nicht mit der düsteren Karikatur in Blumenthals Kopf zusammenpassen, rangiert er sie einfach aus.

Blumenthal sieht die, die an eine Zweistaatenlösung glauben, als reuelose Rassisten, da Juden als kolonialistische Siedler kein Recht auf das Land haben, das wir versehentlich Israel nennen.

Goliath endet mit einem warmen Porträt der israelischen Juden, die aus Ekel über ihr Land entschieden haben, irgendwo anders zu leben. Das Chaos, das aus Israels Ende resultiert, darf vielleicht aussehen wie der Libanon zirka 1980 oder schlimmer, aber, wie Blumenthal andeutet, werden die israelischen Juden, die wichtig sind, die radikalen Exilierten sein, die vor langer Zeit nach Brooklyn oder Berlin aufgebrochen sind, also muss man sich um das Schicksal von denen, die bleiben, nicht sorgen.

Gysi, der Linke-Vorsitzende, ist besorgter. In einer Rede am Rosa Luxemburg-Institut 2008 anlässlich Israels 60. Geburtstag erklärte Gysi, dass „Antizionismus … für die Linken im Allgemeinen und für die Partei Die Linke vor allem … nicht länger eine berechtigte Position sein darf“. Zwischen Israel und seinen Feinden, sagte er, „ist die deutsche Regierung auch zukünftig nicht neutral … niemand in diesem Saal ist neutral, einschließlich mir“. Gysi setzte fort: „Wer einen demokratischen Staat für Juden und Palästinenser will, muss die Tatsache akzeptieren, dass die Palästinenser die Mehrheit erhalten und alles nehmen würden; die Jahrtausende alten Verfolgungen, Unterdrückungen und Pogrome gegen Juden würden wieder anfangen, sie könnten nicht verhindert werden“. Dass er ein deutscher ehemaliger Kommunist ist, macht Gysi kaum zu irgendeiner Art von Autorität, wenn es um Juden geht. Aber wenigstens scheint seine Erfahrung ihn gegen die Art des uralten Hasses geimpft zu haben, der Max Blumenthals Handwerkszeug ist.

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Von David Mikics erschien zuletzt Slow Reading in a Hurried Age . Er lebt in Brooklyn und Houston, wo er an der Universität von Houston die John und Rebecca Moores-Professur des Englischen innehat.