Lerne die neuen Juden kennen, sie sind die gleichen wie die alten

Warum „Islamophobie“ in Europa weder in ihrer Natur noch in ihrem Ausmaß mit Antisemitismus gleichgesetzt werden kann

Von James Kirchik , Tablet Magazine

 

Nachdem gewalttätige Übergriffe auf jüdische Gemeinden in Europa zunehmen, lohnt es sich, eines der dümmeren Meme zu überdenken, von dem die öffentlichen Diskussionen in den letzten zehn Jahren befallen waren: die Muslime seien die „neuen Juden“.

Diese Behauptung fand vor etwa einem Jahrzehnt Verbreitung, als in Frankreich in den Schulen das Tragen auffälliger religiöser Symbole (einschließlich der islamischen Gesichtsschleier) verboten wurde. Im darauffolgenden Jahr führten Zeitungskarikaturen in Dänemark, die den Propheten Mohammed darstellten, zu weltweiten Unruhen. Der gleichzeitige Aufstieg rechtspopulistischer Parteien, die oft grobe antimuslimische Botschaften einsetzten, spielte der Geschichte in die Hände, dass Muslime eine gefährdete Minderheit seien.

„Nationalsozialismus erinnert uns daran, wie dünn die Kruste europäischer Zivilisation ist, die durch die geringste Provokation oder auch ohne diese abgeworfen werden kann“, schrieb Yasmin Alibhai-Brown 2006 im britischen Independent, bevor sie zu ihrem vernichtenden Fazit kam: „Heute sind Muslime die neuen Juden Europas.“ Im gleichen Jahr holte India Knight, Kolumnist der Londoner Sunday Times, die Analogie hervor, um den Parlamentarier Jack Straw zu verurteilen, der sein Unbehagen darüber ausgedrückt hatte, sich mit völlig verhüllten muslimischen Wählerinnen treffen zu müssen. Dass durch diese Äußerungen nicht mehr Empörung ausgelöst wurde, war laut Knight ein Zeichen für eine „Jagd auf den Islam – Muslime sind die neuen Juden“.

Der Gemeinplatz erreichte 2011 seinen Höhepunkt, nachdem vom extrem rechtsextremistischen Anders Bering Breivik als Protest gegen das, was er als Laxheit gegenüber der muslimischen Einwanderung betrachtete, 77 Menschen – zum Großteil jugendliche Mitglieder der norwegischen Arbeiterpartei – ermordet wurden. Für viele war der Breivik-Vorfall ein definitiver Beleg dafür, dass Antisemitismus durch „Islamophobie“ als beherrschendes Vorurteil des Kontinents ersetzt worden war.

Die Behauptung, dass Muslime so etwas Ähnliches wie den Holocaust des europäischen Judentums erleben, ist natürlich absurd. Es gibt keine Maßnahmen, die eine Ehe zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ausschließen (wie das aufgrund der Nürnberger Rassengesetze zwischen Juden und Nichtjuden der Fall war), geschweige denn Todeslager für Anhänger des islamischen Glaubens. So offensiv einige Muslime die Mohammed-Karikaturen gefunden haben könnten, sind sie im Vergleich nichts dazu, was täglich auf den Seiten von Der Stürmer erschienen war. Selbst Breivik ließ seine Wut nicht an Muslimen aus, sondern an linkspolitischen Aktivisten.

Natürlich behaupten diejenigen, die erklären, dass nun Muslime die Juden als Sündenböcke ersetzen, nicht eine exakte Übereinstimmung zwischen den vergangenen Erfahrungen von Juden und denen der heutigen Muslime. Sie berufen sich vielmehr mit ihren Argumenten auf die negative Entwicklung: Die über Muslime und den Islam verbreiteten Ansichten würden eine Art von „Klima“ schaffen, durch das sich die hässliche Geschichte des Kontinents wiederholen könnte. „Ich wünschte, ich könnte dem Mantra des 'nie wieder' glauben“, schrieb Mehdi Hasan, politischer Direktor der Huffington Post UK, Anfang dieses Jahres, nachdem einwandererkritische Parteien eine Rekordzahl an Sitzen im Europäischen Parlament gewonnen hatten. „Aber diese europäischen Wahlergebnisse erfüllen mich mit Angst.“

 

Obwohl es stimmt, dass viele Europäer Vorurteile gegen Muslime hegen, würde eine Zusammenfügung aller islamkritischer Haltungen bedeuten, dass der Islam selbst und das Verhalten der Muslime keine Rolle bei der Erzeugung von negativen Ansichten spielen. Juden führten keine Terroranschläge gegen die Zivilbevölkerung aus, ersuchten nicht um Fatwas über Karikaturisten, die hakennasige Rabbiner gezeichnet hatten, und prahlten nicht öffentlich über ihr Ziel, den europäischen Kontinent zu „erobern“, wie das von prominenten muslimischen Wortführern wiederholt getan wurde. Jüdische Schulen indoktrinierten ihre Schützlinge nicht mit Hass auf die westliche Zivilisation, wie unlängst bei einer Untersuchung der britischen Regierung (namens „Trojan Horse“) Anfang des Jahres herausgefunden wurde, die über ein „aggressiv islamistisches Programm“, das in einigen Schulen Birminghams vertreten wird, berichtete. Die bunte Mischung aus anti-muslimischem Fanatismus – die Forderung des niederländischen Populisten Geert Wilders nach „weniger Marokkanern“ oder dass mitunter verschleierte Frauen zum Thema werden – mit Vernichtungsantisemitismus zu vergleichen, wäre eine grobe Übertreibung der Herausforderungen, mit denen Muslime konfrontiert sind.

 

Vieles davon, was heute als „Islamophobie“ durchgeht – ein Wort, das Dialoge abzubrechen vermag und jegliche Kritik am Islam in eine „rassistische“ verwandelt – kann einfach nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden, weder in ihrer Natur noch in ihrem Ausmaß. Das Äußern von Bedenken über die in vielen muslimischen Gemeinden verbreiteten reaktionären Haltungen gegenüber Frauen, wie es der vor noch nicht langer Zeit verstorbene niederländische Politiker Pim Fortuyn (der für seine Häresie ermordet wurde) tat, ist weder rassistisch, noch in irgendeiner Weise mit dem in der Vergangenheit oder heute gegen Juden gerichteten Fanatismus vergleichbar. FBI-Statistiken in den USA zeigen, dass seit dem 11. September die antisemitischen Angriffe die antimuslimischen zahlenmäßig weit übertreffen. In Europa randaliert der Mob nicht gegen Muslime oder Moscheen und greift sie nicht infolge von islamistisch inspirierten Terroranschlägen an, während Juden regelmäßig angegriffen werden, wann immer im Nahen Osten Spannungen aufkommen.

All dies sollte nicht die Tatsache verdecken, dass es wichtige Ähnlichkeiten zwischen der muslimischen und der jüdischen Erfahrung gibt, sowohl heute als auch in vergangenen Zeiten. Wie Paul Silverstein, Anthropologie-Professor am Reed College, 2006 dem San Francisco Chronicle mitteilte, sind Muslime „Objekt einer Reihe von Stereotypen, Karikaturen und Befürchtungen, die nicht auf der Realität basieren und unabhängig von individuellen Erfahrungen mit Muslimen bestehen“. Ersetzen Sie „Muslime“ mit „Juden“, und Sie erhalten eine brauchbare Definition von Antisemitismus. Im heutigen Europa gab es Kampagnen, die auf Muslime und Juden zielten, wenn es um die Ächtung ihrer traditionellen religiösen Praktiken ging, nämlich die Beschneidung und die Bereitstellung von koscherem oder halal zubereitetem Essen. Mit der Behauptung, das eigentliche Motiv wäre die Sorge um die „körperliche Unversehrtheit“ von Kindern oder „Tierschutz“, stellen militante europäische Säkularisten Muslime und Juden als barbarische Menschen, die in der Vergangenheit festhängen, dar. Als ich vor zwei Jahren in Deutschland lebte und die Anti-Beschneidungs-Hysterie des Landes ihren Höhepunkt erreichte, begegnete ich provokanten Werbekampagnen, in denen Juden und Muslime effektiv mit Kinderschändern verglichen wurden. Die französische, extremrechte Führungsperson Marine Le Pen, die sich gern als Freundin der Juden ausgibt, sprach sich für ein Verbot nicht nur des Kopftuchs, sondern auch der Kippa in der Öffentlichkeit aus.

 

Bei einem Vergleich der legitimen Kritik am Islam mit Antisemitismus, wird jedoch die Tatsache übergangen, dass in der Tat ein echtes Aufeinanderprallen zwischen den liberalen, aufklärerischen europäischen Werten und den Werten, die von einer beträchtlichen Anzahl von Muslimen angenommen werden, besteht. 2010 wurde der muslimische Autor Reza Aslan von der Zeitschrift Miller McCune gefragt, was er über jene denkt, „die ein echtes Aufeinanderprallen zwischen den kulturellen Werten der Niederlande zum Beispiel, die sonst sehr tolerant sind, und denen der Muslime wahrnehmen“. Aslan bestritt, dass ein solches Aufeinanderprallen bestehe und teilte seinem Gesprächspartner mit: „Genau das Gleiche wurde über die Juden gesagt, bevor damit begonnen wurde, sie abzuschlachten.“ Eine Kritik des Islam wäre demnach nur ein Auftakt zum Völkermord.

Die muslimische und jüdische Erfahrung unterscheidet sich auch in einer anderen bedeutenden Weise: in der Größe. Der Islam ist die am schnellsten wachsende Religion in Europa, und Muslime stellen einen weit größeren Prozentsatz der Bevölkerung dar als es die Juden jemals taten. In Frankreich machen die Muslime acht Prozent aus, in Deutschland fünf Prozent. Laut der deutschen Volkszählung von 1933 waren weniger als ein Prozent der deutschen Bürger Juden. Damit Muslime „die neuen Juden“ sind, müssten sie Menschen sein, die – ohne eine nationale Heimat, die ihnen Schutz bieten könnte, sollte die Situation wirklich unerträglich werden – in der Diaspora leben, wie es bei den europäischen Juden in den 1930er Jahren der Fall war, die aufgrund der von den Briten festgelegten Quoten an der Einwanderung ins Mandatsgebiet Palästina gehindert und von amerikanischen Küsten herzlos abgewiesen wurden. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit rühmt sich 57 Mitgliedstaaten, und die Muslime haben rund 1,6 Milliarden Glaubensbrüder, was fast einem Viertel der Weltbevölkerung entspricht.

Und doch wird von vielen Menschen, die den Deckmantel der historischen jüdischen Opferrolle verwenden, Israels Recht, als jüdischer Zufluchtsort zu bestehen, in Frage gestellt. Bei dieser Lesart – sollten die Muslime Europas die neuen Juden sein – wären seine (wenigen verbliebenen) Juden die neuen Nazis. Mit ermüdender Regelmäßigkeit können überall Vergleiche von Israel mit Nazi-Deutschland gefunden werden – von den Blättern Europas angeblich respektabler, liberaler Zeitungen bis hin zu den Massendemonstrationen, bei denen dem jüdischen Staat vorgeworfen wird, „Völkermord“ gegen die Palästinenser zu begehen.

Wie Mehdi Hasan vor acht Jahren im New Statesman festhielt, brachte die vermeintliche Flut an Islamophobie den jüdischen Journalisten Jonathan Freedland dazu, sich die Erfahrungen eines Muslims im zeitgenössischen Großbritannien vorzustellen. „Ich würde nicht nur Angst haben“, schrieb Freedland 2006 für The Guardian, „ich würde nach meinem Reisepass suchen“. Wie jedoch die Ereignisse der letzten Monate zeigen, sind es Juden, die aufgrund der zunehmenden Intoleranz gegenüber ihrer schieren Anwesenheit nach Möglichkeiten ringen, den alten Kontinent zu verlassen. Und der Gipfel der Ironie: Die Intoleranz kommt fast ausschließlich von den angeblichen „neuen Juden“ selbst, das heißt, von den Muslimen. Eine Umfrage im November, die vor dem jüngsten Anstieg an antisemitischen Angriffen durchgeführt wurde, ergab, dass 29 Prozent der europäischen Juden eine Auswanderung erwägen. Allein in den letzten Wochen hat sich die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Großbritannien verdoppelt, ein muslimischer Mob versuchte, in eine Pariser Synagoge einzubrechen, und in Deutschland wird wieder „Juden in die Gaskammern“ gerufen.

Wie sich herausstellt, sind die „neuen“ Juden die gleichen wie die alten: nämlich Juden.