Widerstand gegen Unmenschlichkeit und Unrecht wird immer notwendig sein

Irma Schwager (1920-2015) würde am 4.12 Alexander Van der Bellen wählen

Rede von Irma Schwager – 1938 vor den Nazis geflüchtet, dann in Frankreich im Widerstand tätig – bei der Gedenkkundgebung der KPÖ am 15. März 2008  in Wien.

Sehr geehrte Antifaschistinnen und Antifaschisten, liebe Genossinnen und Genossen!

Nie werde ich den 11. März 1938 vergessen. Bei uns in der Leopoldstadt gab es einen fürchterlichen Pogrom. Die SA ist in Trupps durch die Gassen marschiert und hat gegröllt und skandiert „Deutschland erwache, Juda verrecke. Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Und man hat gleich die bekannten Gegner des NS-Regimes verhaftet – Kommunisten, Sozialisten, Juden und auch die Repräsentanten des Schuschnigg-Regimes. Und die Wachleute, die hatten auf ihren grünen Uniformen schon die roten Hakenkreuzenbinden und sie haben die Nazi-Horden gewähren lassen und zugeschaut.

Und während die Massen gejubelt haben, es waren Massen, war bei vielen, sehr vielen Familien große Sorge um die Zukunft und ein Gefühl der Ohnmacht. In den jüdischen Familien war Angst und Verzweiflung, denn von Anfang an hat man die Juden gedemütigt – man hat sie zum Straßen waschen geholt und zur Volksbelustigung. Dann hat man sie vertrieben, beraubt und letzten Endes – wie wir alle wissen – zu Millionen in den Gaskammern ermordet. Meine Eltern und meine 2 Brüder waren auch dabei.

Viele, besonders junge Menschen, fragen oft, wie war den das möglich, dass so viele Menschen so lange dieses verbrecherische Regime unterstützt haben. Man muss zuerst einmal sehen, dass die illegale Nazi-Bewegung in Österreich schon sehr stark war und viel Einfluss gehabt hat. Die haben Telefonhäusln in die Luft gesprengt, auf den Universitäten die jüdischen Professoren und jüdischen Studenten tätlich angegriffen und diffamiert. Und man muss sehen, das es den Nazis gelungen ist, mit diesem maßlosen Antisemitismus und Antikommunismus Massen zum mitmachen zu gewinnen. Die Aussicht auf Arbeit und auf ein besseres Leben im großen Deutschland und die Demagogie von der Volksgemeinschaft, die Diffamierung des Parlaments als Quatschbuden und das Versprechen ein neues Europa und Deutschland einen Platz an der Sonne zu verschaffen, dass hat große Teile der Jugend fanatisiert. Damals war die Parole „Führer befiel, wir folgen“. Und die Jugend, die Hitlerjugend, hat gesungen, „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.

Für die Frauen war der Nationalsozialismus ein Höhepunkt der Diskriminierung. Der Hitler hat gesagt, die Emanzipation der Frau, dass ist ein jüdisches Hirngespinst und der Goebbels hat den Frauen verordnet, schön zu sein und Kinder in die Welt zu setzen. Von Anfang an hat man die Frauen aus den Betrieben hinaus gedrängt und dann hat man sie zur Rüstungsindustrie und zum Arbeitsdienst verpflichtet. Die Organisation Lebensborn hat die Frauen zu Gebärmaschinen degradiert. Und der Mutterkult, der so hoch gehalten worden ist, hat die Nazis nicht gehindert, kleine Kinder von ihren Müttern weg zu reißen, wie dies bei unserer Genossin Gerti Schindel und ihrem Sohn Robert der Fall war und bei unserer Genossin Primocic in Salzburg.

Viele Frauen haben am lebensgefährlichen Widerstand teilgenommen. Viele sind gefoltert und hingerichtet worden. Im Wiener Landesgericht waren es allein 97 Frauen, die geköpft worden sind – die älteste war 69 und die jüngste war 18 Jahre alt. Kommunisten, Sozialisten, Juden, Christen haben im Widerstand in allen besetzten Ländern Europas teilgenommen. Nie dürfen wir vergessen diesen mutigen Kampf von Frauen und Männern, die ihren Kampf mit dem Leben bezahlt haben. Sehr eindrucksvoll sind heute auf unserer Demonstration die Namen der Menschen vorgelesen worden.

Leider ist es so bei den vielen Gedenkveranstal­tungen, die es jetzt gibt, dass ist gut so, aber nirgends spielt der Widerstand eine Rolle. Und was schlimm ist, ist, dass die einzige Partei, die den Widerstand organisiert hat und am meisten Opfer dieses Kampfes zu beklagen hat, nicht einmal eingeladen wurde vorgestern zu der Gedenkfeier ins Parlament.

Ich hatte die Möglichkeit durch und mit Kommunistinnen und Kommunisten im Rahmen der französischen Resistance am Widerstand teilzunehmen. Unsere Aufgabe war Überzeugungsarbeit in der deutschen Besatzungsarmee zu leisten. Das war nicht so einfach, denn man musste überzeugen, wie viel Leid und wie viele Verbrechen dieser Krieg, der im Namen der Vaterlandsver­teidigung geführt wird, mit sich bringt. Und diese Aufklärung haben wir mit Flugblättern und mit unserer kleinen Zeitung „Der Soldat im Westen“ und nicht zuletzt mit vielen, vielen mühsamen Gesprächen geführt. Und ich muss ihnen sagen, diese Überzeugungsarbeit, sie war nicht ungefährlich.

Ich habe mit neun Frauen in diesen Jahren zusammen gearbeitet, fünf sind verhaftet worden. Trude Blaukopf wurde hingerichtet, Gerti Schindel, Lisa Gabric, Wilma Steindling und Edith Wexberg haben die Hölle von Auschwitz und Ravensbrück überlebt.

War´s das Risiko wert, fragen manche. Ich sage ja. Unser Widerstand war ein ganz kleines Mosaiksteinchen im großen Befreiungskampf gegen Faschismus und Krieg. Das Erinnern, wie es zur großen Katastrophe gekommen ist für unser Land, ist wichtig, es hilft wachsam zu sein. Denn Widerstand gegen Faschismus und Krieg war notwendig in der Vergangenheit. Widerstand gegen Rassismus, Antikommunismus, gegen Antisemitismus und gegen alle Formen der Völkerverhetzung ist auch heute notwendig. Und Widerstand gegen Unmenschlichkeit und Unrecht wird immer notwendig sein.

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