Katalin Darthe war Chawera des Haschomer Hazair in Wien, arbeitete als Lehrerin und lebt jetzt im Waldviertel, wo sie sich seit langem ehrenamtlich in der Flüchtlingsbetreuung engagiert. Ihr Text stimmt nachdenklich.

A K R O S T I C H O N

Fliehen – Flucht

Leben wollen                                                                           Überlebenskampf                                                                                 Chaos                                                                                                              Hoffnung zu Überleben                                                                                                   Tod so nahe                                                                                                    Losgelöst von

allem                                                                                                    Ins Ungewisse 

Nie mehr zurück                                                                                               Grenzen-Grenzen-Grenzen

Ich will nicht da sein, wo ich bin. Ich will nicht dankbar sein müssen. Ich fühle sie, eure beobachtenden Blicke, ob ich auch alles richtig mache. Aber wie soll ich alles richtig machen, in einer Welt, die ich nicht verstehe? Ihr sprecht anders, ihr denkt anders, ihr lebt und fühlt anders, ihr seht anders aus, und deshalb verurteilt ihr – mich.  Warum bist du hergekommen, fragen eure Blicke. Blicke, die ich fühle, auch ohne Sprache, Blicke, die mir ausweichen, Blicke, die ihr senkt und abwendet, wenn ihr an mir vorbei geht.                       

Mein Name klingt in euren Ohren so fremd, wie eure Namen für mich klingen. Meine Sprache klingt für euch so eigenartig, wie eure Sprache für mich klingt. Meine Schrift ist für euch so unlesbar, wie die eure für mich. Aber ich soll sie lernen, eure Sprache, eure Schrift. Ich soll einer werden, wie ihr, weil schließlich bin ich ja hierher gekommen, in euer Land. Und da soll ich möglichst schnell so werden, wie ihr, obwohl ihr mich nie so behandeln werdet, wie einen von euch.

Meine schwarzen Augen machen euch Angst und mein schwarzer Bart. So, wie mir eure grünen und blauen Augen Angst machen. Ich heiße Musaab, so wie du Peter heißt. Oder Salah und Aziz und Majid, so wie du Franz und Walter und Michael. Wir haben Mütter und Schwestern und Frauen, so wie ihr,- nur dass unsere unerreichbar weit fort sind. 9000€ kostet die Flucht. Wir haben das Geld nicht für Frauen und Mütter und Kinder. Und ich will meine Frau und mein Kind auch nicht in so ein Schlauchboot setzen. Fünf Stunden bin ich im Meer getrieben, bevor mein Gott wollte, dass ich gerettet werde, so wie dein Gott will, dass du in Sicherheit leben darfst. Nachts kann ich nicht schlafen, weil die Bilder von Krieg und Flucht durch meinen Kopf jagen,- wie auch vielleicht du nicht schlafen kannst, weil einige Flüchtlingsfamilien in deiner Wohngegend untergebracht werden sollen. Bau sie auf, deine Heimat! sagst du zu mir.

Sieben Mal habe ich mein Haus verlassen müssen, weil es zerbombt und in Schutt und Asche gelegt wurde. Sieben Male bin ich geflohen im eigenen Land, bevor ich aufgebrochen bin um den Weg zu finden in eine neue, eine fremde Sicherheit,- einen Weg zu finden, um aUch meine Familie in Sicherheit zu bringen.

Was ich gefunden habe; sind Grenzzäune aus Stacheldraht, Hunger, Kälte, Not, Angst und Verzweiflung. So viele meiner Brüder stehen noch an diesen Grenzen.

Ich will nicht da sein, wo ich bin. Ich will nicht dankbar sein müssen für eure  abwehrenden Blicke, eure Angst vor mir und eure Vorurteile. Meine Andersartigkeit ist mir vertraut seit meiner Geburt. Ich kann sie nicht ablegen, wie einen Mantel. Meine Haut ist dunkel, meine Augen und meine Haare sind schwarz. Aber viele eurer Seelen sind weit dunkler und schwärzer. Ich kann und will meine Kultur, meine Herkunft nicht vergessen, nur weil ihr das erwartet. Sie ist das Einzige, was ich noch habe und besitze…