Zum Kaffee mit dem Nazikriegsverbrecher

von Samuel Laster

Szenen im Gedankenjahr-Klagenfurt 2005 (eine unserer eindrücklichsten Reportagen)

Verbindlich heisst es am Anderen Ende: "Hotel Moser, 11 Uhr" Ich spreche mit Milevoj Aschner, der in Klagenfurt als Dr. Georg Aschner friedlich seine Tage verbringt. 93 Jahre alt, Mitbegründer der kroatischen Bauernpartei, verbittert über die "Exkommunisten" die nun sein Kroatien regieren.

Aschner brachte es zum Chef einer lokalen Polizei in Pozega, wo das Regime der Ustascha wütete, mehr als 27.000 Juden wurden durch die Nazihelfer ermordet, Aschner deportierte einige Hundert, vielleicht Tausende Serben oder von den Ustasche politisch verfolgte.

In meiner Begleitung befindet sich ein Reoprter der israelischen Tageszeitung Yedioth Aharonot . Fast zweieinhalb Stunden dauert das Gespräch. Anfangs stellen wir uns als an Geschichte interessierte Forscher vor, am Ende stellen wir alles klar. Aschner bleibt freundlich, um seine Version der Geschichte bemüht.

Er habe Juden gerettet, rechtfertigt sich der Bauernführer der reinen Lehre Aschner. Als er eine Deportationsliste mit seiner Unterschrift vor sich sieht, erkennt Aschner die zunehmende Aussichtslosigkeit seiner Ausreden. Seine Körpersprache wird fahriger, er stammelt und lenkt ab. Einer der angeblich geretteten ist auf der Liste.

Es ist ein Arzt, für den Aschners Unterschrift den Tod besiegelte. "Ich werde verfolgt, weil ich den Besitz meiner Familie zurückhaben will" ist die Verantwortung des 93-jährigen, der 1991 nach Kroatien zog um seine Bauernapartei wiederzugründen.

Zwischen 1941 und 1942 leitete Aschner eine Art lokale Gendarmarie, die seinen Angaben nach nicht den regierenden Ustascha unterstellt war. Weil er Juden geholfen hat, hätte er Schwierigkeiten gehabt, ab 1942 in einer untergeordneten Stelle im Tourismusministerium gearbeitet.

Das Regime des Ante Pavelic ("Wissen Sie , er hatte eine jüdische Frau" so Aschner, an anderer Stelle schimpft der Jurist über die "primitiven" Ustasche) herrschte zwischen 1941-44. Im Lager Jasenovac wurden 72.500 Menschen umgebracht, davon mehr als 18.000 Juden. Die Hauptfeinde der kroatischen Nazihelfer waren die Serben.

Bis zu einer Million könnten in den Döfern und den Plätzen ermordet worden sein. Über die Opferzahlen wird zwischen Serben und Kroaten bis heute gestritten. Im Jahre 1991 gab es eine Art Fortsetzung im Bürgerkrieg. In der Ortschaft Jasenovac sieht man noch im Vorbeifahren die Einschusslöcher.

Der Lagerleiter von Jasenovac Dinko Sakic wurde 1999 zu 20 Jahren Haft verurteilt, nachdem er aus Argentinien nach Zagreb ausgeliefert wurde. Ob Milivoj Aschner ähnliches droht, ist zu bezweifeln. Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt wird erst in diesen Tagen aktiv, zahlreiche Dokumente werden übersetzt und dann wird der Untersuchungsrichter aktiv.

Die Anzeige gegen Aschner erstattete Dr. Efraim Zuroff, Leiter des Wiesenthal Centers aufgrund der Recherchen des jungen Publizisten Alan Budej. Efraim Zuroff betreibt die

"Operation last chance" , die letzte Suche nach Verbrechern im Solde der Nazis. Vor einem Jahr verliess Aschner Kroatien und liess sich wieder in Klagenfurt nieder. 

Aschner hat auch die österreichische Staatsbürgerschaft, wird gemäß österreichischen Gesetzen nicht ausgeliefert. Die Anklage in Österreich soll noch in diesem Jahr erfolgen, erzählt der Pressesprecher der Justizministeriums einem Team von France 3, das der Sache nachgeht. Der zuständige Staatsanwalt scheint bemüht, die Justiz ist am Zug.

Wenige Tage nach unserem ersten Treffen gibt es einen weiteren Termin mit Aschner. Diesmal ist französisches Fernsehen dabei. Aschner kommt nicht. Ich besuche ihm zu Hause. Die Tür wird nicht geöffnet.

Nach einiger Zeit kommt der Sohn vor das Haustor und wiederholt die Aussagen seines Vaters in Kürze, dieser wäre eigentlich ein Opfer gewesen. Ich drücke Aschner Junior meine Karte in die Hand: "Oh, Sie sind jüdischen Ursprungs" sagt er. "Haben Sie etwas dagegen?" frage ich. "Nein , nein" setzt Aschner Junior zu großzügiger Geste. Ich werde wohl nie mehr mit Aschner sprechen. Ein weiterer Termin wird fixiert, kommt aber nicht zustande.In der Nähe von Aschners Wohnung entdecke ich dafür eine Gedenktafel an die Opfer der Partisanen nach 1945...

Immer wollte ich wissen, wie diese alten Männer fühlen, ob sie ein Gewissen haben, an ihre Opfer denken. Aschner konnte es nicht wirklich beantworten. In Österreich laufen noch einige solche "Geschichten" herum. Sie sind die Facette des "Gedankenjahres", die die Republik gerne ausklammert anno 2005 wie schon die 60 Jahre davor.

 

Die Jüdische,  erstmals publiziert am 04.08.2005