GOLEM: Eröffnung der Themenausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Laufzeit: 23. September 2016 bis 29. Januar 2017

Blick in die Ausstellung, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Am heutigen Donnerstag, dem 22. September, eröffnet das Jüdische Museum Berlin eine große Ausstellung über den Golem. Bis heute inspiriert die prominenteste jüdische Legendenfigur Generationen von Künstlern und Autoren. Die Ausstellung präsentiert den Golem von seiner Erschaffung aus einem Ritual der jüdischen Mystik bis hin zum populären Erzählstoff.

In sieben raumgreifenden Kapiteln und einem Epilog werden Erzählungen, Objekte und Kunstwerke aus 600 Jahren präsentiert. Die Faszination des jahrhundertealten Golem-Mythos lebt bis heute fort, er steht inzwischen auch als Metapher für moderne Entwicklungen in Forschung und Politik, die außer Kontrolle geraten und zur Bedrohung werden können.

Renommierte Künstler wie David Aronson, Fritz Ascher, Christian Boltanski, Yves Gellie, R.B. Kitaj, Hugo Steiner-Prag und Charles Simonds haben in ihren Arbeiten das Golem-Motiv variiert. Auf 900 Quadratmetern versammelt das Jüdische Museum Berlin Leihgaben bedeutender Museen und Privatsammlungen aus aller Welt, unter ihnen das Jewish Museum New York, das Museum of Fine Arts Boston, das Museum of Modern Art, New York und das Israel Museum, Jerusalem.

Der Golem lebt

»Der Golem hat eine lange Karriere hinter sich, im Judentum und weit über das Judentum hinaus«, sagt Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums Berlin. »Sie beginnt in der Hebräischen Bibel und führt, mit immer neuen Transformationen, bis in unsere Gegenwart. Der uralte menschliche Traum, künstliche Geschöpfe zu erschaffen, hat Bezüge bis in die heutige Zeit: Gentechnologie und künstliche Intelligenz, Computer und Robotik. All dies sind Bestrebungen, eine Art Golem zu kreieren.«

So schafft sich jede Generation ihren eigenen Golem, in dem sich die Bedürfnisse, Ängste und Erlösungswünsche der Zeit widerspiegeln. Die Ausstellung beginnt in der Gegenwart und zeigt schon im Eingangsbereich, wie allgegenwärtig der Golem auch heute ist. Der moderne Golem steht als Denkfigur für fortschrittliche Entwicklungen, die in ihrer Unkontrollierbarkeit Urängste auslösen können.

Er symbolisiert die Ambivalenz von Hoffnung und Skepsis gegenüber den Errungenschaften einer immer technisierteren Welt. Humanoide Action-Figuren, Cyborgs und Roboter bevölkern als moderne Golem-Nachfahren den Kosmos der Rollen- und Computerspiele. Als künstliche Geschöpfe folgen sie zwar den Befehlen ihrer Schöpfer, aber in ihnen schlummert das Potenzial, außer Kontrolle zu geraten.

Jüdische Mystik

Ein eigenes Kapitel ergründet die Ursprünge der Golem-Legende. Mittelalterliche Manuskripte mit sogenannten Rezepten zur Golem-Schöpfung stehen zeitgenössischen Kunstwerken gegenüber. Jüdische Mystiker des Mittelalters verstanden die Erschaffung eines Golems als Versuch, sich Gott anzunähern. Aus Staub oder Erde geformt (Golem bedeutet auf Hebräisch »unfertige Masse«), wurde der Golem durch Beschwörungsformeln, rituelle Handlungen und bestimmte Kombinationen aus hebräischen Buchstaben zum Leben erweckt. Der Prozess des Schaffens war wichtiger als der Zweck, dem der Golem dienen konnte. Die künstlerischen Werke von David Aronson, Lynne Avadenka oder Joshua Abarbanel beschäftigen sich mit Aspekten dieser mystischen Tradition.

Verwandlung: Kunst als Schöpfungsakt

Verwandlungsprozesse gehören zum Kern des Golem-Motivs. Für Künstler steht der Golem als Metapher für kreatives Schaffen und das Lebendigmachen unbelebter Materie. Aus diesem Kern entstehen Kunstwerke, die um den Prozess des Werdens kreisen. Sobald das Werk vollendet ist, entzieht es sich der Kontrolle der Kunstschaffenden, vergleichbar mit einem Golem, der sich seinem Schöpfer entzieht.

Künstler bedienen sich einer Vielzahl von Techniken und Medien, um solche Verwandlungsprozesse sichtbar zu machen. So setzt Michael David sein Werk bewusst Feuer und anderen Naturgewalten aus, die seine großformatigen Arbeiten über lange Zeit hinweg immer wieder verändern. David Musgrave verwendet das Verfahren »trompe l‘oeil« und verleiht den Materialien eine neue Gestalt.

Mythos Prag: Die Legende lebt

Mit keinem anderen Schauplatz ist die Golem-Legende so eng verbunden wie mit Prag, dem zwei Räume gewidmet sind. Kristallisationspunkt dieser Legende ist Rabbi Judah Loew, der im 16. Jahrhundert einen Golem aus Lehm kreiert haben soll, um mit seiner Hilfe das jüdische Ghetto vor Verfolgungen zu schützen.

Nährboden für die Fortschreibung der Legende war die Atmosphäre dieser Zeit, inspiriert von Alchemie und Astronomie, Magischem und Okkultem. Zeugnis dieser Ideenwelt ist die Kunst- und Wunderkammer von Kaiser Rudoph II., die Besucher als virtuelle Installation  mit 3D-Brillen entdecken können. Der Prager Golem-Mythos lebt bis heute fort und hat viele historische Schauplätze in der Stadt, die in der Ausstellung in historischen Fotografien, Zeichnungen und den Lithografien von Hugo Steiner-Prag gezeigt werden.

Horror und Magie

Der Schauspieler und Regisseur Paul Wegener prägte wie kein anderer das Bild vom ungelenk-roboterhaften Golem. Als Meilenstein des Horror-Genres gilt Wegeners cineastisches Meisterwerk »Der Golem: Wie er in die Welt kam« von 1920. Der Film hat unterschiedlichste Inkarnationen des Golem oder verwandter Figuren beeinflusst: Vom Klassiker Frankenstein (1931) bis hin zu den Simpsons in »You gotta know when to Golem« (2006).

Die berühmtesten Film-Adaptionen der Golem-Legende betonen in diesem Kapitel die bedrohlichen und monströsen Aspekte der Figur. Es werden Filmausschnitte, Filmplakate und Skizzen von Hans Poelzigs und Marlene Moeschkes begehbaren Filmkulissen gezeigt. Die 3-Kanal-Filminstallation »AE/MAETH« von Stefan Hurtig und Detlev Weitz, basierend auf Filmzitaten aus mehr als 60 Spielfilmen, wird als 8 Minuten-Loop in einem eigenen Raum gezeigt.

Außer Kontrolle: Golem als Beschützer und Zerstörer

Eine zentrale Frage, um die viele Golem-Darstellungen kreisen, ist die, ob und in welchem Sinn der Golem als Mensch bezeichnet werden kann. Er lebt zwar, aber er hat keinen eigenen Willen und führt nur die Befehle seines Schöpfers aus. In vielen Golem-Erzählungen gerät das Geschöpf mit übermenschlichen Kräften außer Kontrolle und wird, als Helfer oder Retter geschaffen, zur Bedrohung für den, der ihn kreiert hat.

Er steht somit als Metapher für Herausforderungen der modernen Gesellschaft: Zwar profitieren wir von manchen Entwicklungen, aber werden wir sie auch kontrollieren können? Oder kontrollieren sie uns? Die Ausstellung fragt nach der Verantwortung, die Schöpfer tragen, und nach dem Zusammenspiel von Macht und Rettung. Diese Weitererzählung spiegelt sich auch in Ausstellungsstücken und Aufnahmen  internationaler Theaterinszenierungen.

Doppelgänger und Epilog

Das letzte Kapitel und der Epilog führen den Besucher zurück in die Gegenwart und konfrontiert ihn mit Zukunftsvisionen. Die Golem-Figur wird auch mit dem vielschichtigen Motiv des Doppelgängers assoziiert: Der Golem als Alter Ego, das verborgenen Sehnsüchten eine Gestalt gibt. Verstörende Doppelgänger-Motive aus Roboterlaboren werden in diesem Kapitel präsentiert, darunter Yves Gellies großformatige Foto-Serie des japanischen Wissenschaftlers Hiroshi Ishiguro mit seinem Ebenbild als Roboter Gemenoid H1 bis IV.

Er erforscht die Grenzen von Mensch und Maschine und greift die Frage auf, was den Kern des Menschseins ausmacht. Im Epilog treffen Besucher auf interaktive und spielerische Elemente, Spielkonsolen und die Comic-Lounge mit Comics als Originalausgaben und auf Tablets, eine Minecraft-Spielstation und eine Station mit Gesichtsmorphing, an der Besucher die Mimik eines Golem-Gesichts steuern können. Das wandgroße Schlussmotiv der Ausstellung bildet ein Szenenbild der Golem-Inszenierung der Londoner Theatergruppe »1927« (Regie: Suzanne Andrade/Paul Barritt). Die Inszenierung wirft einen Blick in die Zukunft, in der alle Menschen einen Golem im Ohr tragen und von ihm kontrolliert werden.

Laufzeit der Ausstellung: 23. September 2016 bis 29. Januar 2017

Ort: Altbau, 1. OG

Eintritt: mit dem Museumsticket (8 Euro, erm. 3 Euro)