"Ich bin zwar in Wien, aber ich fühle mich wie in Israel"

Omer Damari ist in Wien, wo der junge israelische Stürmer für Austria Wien spielt, ein regionales Idol; aber obwohl er Israel verlassen hat, hat Israel ihn nicht verlassen.

Nadav Zenzipe, Yedioth Aharonot

Übersetzung: Maria Kallenberg

Veröffentlicht: 

11.16.14, 00:15 / Israel Kultur

 

Ein roter Teppich war das einzig Fehlende auf der Straße, die vom Ernst Happel-Stadion zu der Wohnung in einer anspruchsvollen Nachbarschaft in der Mitte von Wien führt, wo Omer Damari lebt. Lila Flaggen vom FK Austria Wien zierten jedes Auto und jeden Bus, das lächelnde Gesicht des 25-jährigen israelischen Stürmers sprang von den Zeitungsseiten ins Auge, und junge Fans liefen stolz in Team-Shirts mit der Zahl 16 herum.

Die zwei Tore, die Damari zwei Tage zuvor (am 9.11, Anm. der Red.)  bei Austria Wiens 3:2-Sieg über SK Rapid Wien erzielt hat – der erste Sieg des Klubs in zwei Jahren im großen Derbyspiel des österreichischen Fußballs – hat ihn zum offiziellen Idol der Stadt gemacht. Seit dem Sieg sprechen alle aufgeregt über den israelischen "Bomber," der sich dem Klub vor drei Monaten angeschlossen hat und sein unangefochtener Star geworden ist.

Damari, liebenswürdig und dankbar für die Liebe, die er bekommt, ist sogar bereit, den Fernsehkommentatoren und Experten zu vergeben, die seinen Namen Omar statt Omer aussprechen und so den Eindruck erwecken, dass er Muslim sei.

Das Wiener Aufeinandertreffen ist eines von Europas gewalttätigsten Fußballderbies. Als Austria vor drei Jahren 2:0 führte, entschieden Rapid-Fans – mit ausländerfeindlichen Hooligans und Skinheads in ihren Rängen – dass das Spiel vorbei sei.

Dutzende von ihnen stürmten mit maskierten Gesichtern das Feld, traten den Ball aus dem Spiel und brachten die Spieler und Schiedsrichter dazu, in die Umkleideräume zu rennen. Beim Spiel am Sonntag warfen Austria-Fans Leuchtfackeln und Feuerwerkskörper auf die Plätze der Rapid-Fans. Behelmte Polizisten stürzten zu den Plätzen und begannen erbarmungslos, die Randalierer zu schlagen. Aber nichts könnte die Leistung des israelischen "Botschafters" überschatten.

Omer Damari (c) FK Austria Wien

 

Damari, seine Ehefrau, Sapir, und ihr 4 Monate altes Baby, Shaked, leben in einem von Wiens Touristenzentren, nur einen 5-minütigen Spaziergang entfernt vom Stephansplatz, dem Hauptplatz der Stadt. Eine einzelne Brücke über die Donau trennt die Wohnung von Wiens jüdischem Viertel. Damari bezahlt 2.000 Euro pro Monat für drei geräumige Zimmer und weitere 300 Euro für einen Parkplatz. Die ganze Stadt mit dem blauen Fluss (sic...), der durch seine Mitte läuft, liegt vom Balkon der Wohnung ausgedehnt vor einem.

"Es war sehr wichtig für mich, im Zentrum zu wohnen, weil es hier ziemlich viele Juden gibt," sagt Damari. "Es gibt koschere Restaurants, Synagogen, und man hört sogar hier und dort Hebräisch."

Damari hat im Sommer mit Austria einen 4-jährigen Vertrag unterzeichnet und sich dadurch pro Saison ein Gehalt von 350.000-400.000 Euro gesichert - mehr als doppelt soviel wie sein Lohn in Israel. Seine Unterzeichnung kostete den Klub 1,6 Millionen Euro, wobei ein ansehnlicher Anteil in Form einer Spende von einem wohlhabenden Geschäftsmann jüdischen Ursprungs hereinkam.

Die Verbindung des Klubs mit der jüdischen Gemeinschaft sind sicher nicht zufällig. Während der frühen 1900er Jahre spielte Hakoah Wien, von dem viele Spieler jüdisch waren, eine große Rolle in der österreichischen Liga. Während der Nazi-Besetzung schloss der Klub jedoch, und viele seiner jüdischen Spieler starben in Auschwitz.

 

Hakoah Wien- Österreichs Meister 1924/25

Austria Wien hat keine direkten Verbindungen zum historischen Klub, aber seine purpurne Mannschaftsspielkleidung erinnert an die von Hakoah, und der Klub findet breite Unterstützung in der jüdischen Gemeinde. Seit Damaris Ankunft sind die Spiele von Austria Wien natürlich ein Hit unter den Leitern der jüdischen Gemeinde im Land geworden; und Gemeindeleiter Oskar Deutsch war schnell, Damari infolge der zwei Tore des Israelis im Derby Glückwünsche zu schicken.

"Von meinem Standpunkt ist es sehr symbolisch, dass ich die Antwort darauf bin, was sie hier während des Holocaust versucht haben zu vernichten, einschließlich der jüdischen Sportler von Hakoah Wien," sagt Damari stolz. "Ich genieße es, der Vertreter des jüdischen Volkes und des Staats Israel an diesem besonderen Ort zu sein, wo Juden einmal gezwungen wurden, sich zu verstecken und von wo sie in den Tod geschickt wurden. Ich bin stolz, unser Land zu vertreten und von allen Orten gerade hier Erfolg zu haben."

Damari kam auf der Höhe der Operation Protective Edge im späten Juli in Wien an und fand sich selbstverständlich, manchmal widerwillig, bei Trainingseinheiten in der Rolle des Sprechers für Israel wieder.

"Die Medien in Österreich, wie anderswo in der Welt, haben ein einseitiges Bild angeboten, das Israel eher als den Angreifer abgebildet hat," sagt er. "Es gab Spieler, die mich gefragt haben, warum wir so viele Leute töten. Ich habe versucht zu erklären, dass es eine komplizierte Angelegenheit ist, dass es schwer in aller Kürze zu erklären ist, und dass ich auf jeden Fall kein politischer Abgesandter bin Ich bin hierher gekommen, um Fußball zu spielen, nicht, um etwas zu erklären, das größere und bessere Leute als ich im Nahen Osten nicht fähig sind zu erklären.

"Ich habe gesagt, dass es ein weiteres Missverständnis im andauernden Konflikt zwischen uns und den Palästinensern war. Ich will auf keiner Seite Todesfälle. Ich will Frieden; es ist jetzt genug mit diesen Kriegen. Was ich sagen kann, ist, dass ich infolge des Krieges keine Veränderung in den Einstellungen zu mir spürte."

Sind Sie keinen Erscheinungsformen von Antisemitismus begegnet?

"Ich spüre den Antisemitismus nicht. Ich bin mir wohl bewusst, dass Adolf Hitler in diesem Land geboren wurde; aber genau deswegen bekämpfen sie solche Phänomene heute. Bis jetzt habe ich keine Feindschaft gespürt. Ich lebe für den Moment; ich habe einen starkes Gefühl von Sicherheit; die Polizei hier spielt keine Spielchen. Die Polizei hat keine Freunde aus den einschlägigen Vierteln.

Die Polizei hängt sich echt rein, wenn notwendig, und sie wird stark von der jüdischen Gemeinde unterstützt. Generell bin ich zwar in Wien, aber ich fühle mich wie in Israel. Ich will, dass meine Tochter in Israel aufwächst. Ich wünsche mir selbstverständlich, weiterhin in Europa Erfolg zu haben, und selbstverständlich genieße ich den Lebensstandard und die Ausbildung hier; aber ich bin ein israelischer Patriot und gebunden an unser Land."

Damaris Tag beginnt um 8.30 Uhr, eine Stunde, bevor das Training startet. Um 12.00 Uhr oder so isst er mit seinen Mannschaftskameraden im Klub zu Mittag ("Ich esse dort kein Fleisch, weil ich koscher lebe"), und dann hat er gewöhnlich ein zweistündiges Fitnesstraining im dortigen Fitnessstudio.

"Vor Auswärtsspielen reisen wir ein paar Stunden mit dem Zug und verbringen die Nacht in einem Hotel," sagt er. "Wenn es ein Heimspiel ist, treffen wir uns morgens, essen zusammen, fahren zu einem Luxus-Hotel in der Stadt und von dort zum Stadion."

Zweimal pro Woche lernt Damari mit einem Privatlehrer, der extra vom Klub gestellt wurde, Deutsch. Er sagt, er habe mit den meisten von der Mannschaft guten Kontakt und erhalte viel Unterstützung von ihnen. "Mittelfeldspieler Alexander Grünwald ist mein engster Freund, aber ich habe noch andere Freunde in der Mannschaft," sagt Damari. "Wir sind ein- oder zweimal nach Siegen ausgegangen, und ich fühle mich mit jedem frei und ungezwungen.

Er gibt aber zu, dass er auch harte Tage hat. "Der Lebensstil ist sehr anders als der in Tel Aviv," sagt Damari. "Ich hatte besonders am Anfang Tage, wo ich traurig war und es hart für mich war. Ich vermisse die Sonne, die Möglichkeit, die ganze Zeit draußen zu sein. Hier ist es grau und kalt; meine Familie ist nicht hier; das Hebräische fehlt.

Manche Dinge bringen wir von Israel mit, wie Kaffee und Similac-Babynahrung. Aber man muss sich anpassen. Sie haben viel Geld für mich bezahlt, und ich will mich weiter entwickeln und Erfolg haben," beendet er. 

Bei dem vielen Geld, dass sie für Sie und Ihren Erfolg auf dem Feld bezahlt haben, müssen Sie doch stark unter Druck stehen. 

"Ich habe mich stark unter Druck gefühlt, als ich im Sommer hier angekommen bin; 1,6 Millionen Euro sind viel Geld für österreichische Verhätnisse. Vor meinem ersten Spiel, das mich der großen Menschenmenge präsentiert hat und ich von allen Hauptzeitungen hier interviewt wurde. Ich spüre definitiv, dass man viel von mir erwartet."

Damari weiß, dass Erfolg hier den Weg zu anderen europäischen Klubs pflastern könnte, und sicher zur deutschen Bundesliga, für die die österreichische Liga als ein Hinterhof dient.  

"Dies ist nicht die oberste Liga in Europa, aber ich will lieber nicht zu weit vorausschauen," sagt er. "Ich bin hier für nur 11 Spiele gewesen, und ich habe einen Vierjahresvertrag. Ich will hier wenigstens noch für eine Saison oder zwei bleiben, mich weiterentwickeln, und dann sehen wir, wo ich hinkomme.

Fußball-Offizielle kommen aus ganz Europa, um sich hier Spiele anzusehen. Der deutsche Nationaltrainer Joachim Löw, ein ehemaliger Trainer am Klub, ist zu einem unserer Spiele gekommen. Und es kommen immer aus Deutschland, Frankreich und England Talentsucher herüber. Wenn es nach mir ginge, würde ich gern in Deutschland oder Spanien spielen."