Makkabi in Deutschland

Die Geschichte des jüdischen Sports nach 1945.

Von Robin Streppelhoff

Wenige Tage, nachdem Deutschland und Israel 1965 diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten, feierte die jüdische Sportbewegung in Deutschland am 23. Mai 1965 ihre Neugründung. Im Jahr 1898 hatte sich in Berlin der erste jüdische Sportverein in Deutschland formiert, kurz nach der Jahrhundertwende schlossen sich weitere Vereine zu einem Dachverband zusammen. Auf Jahrzehnte blieb Berlin das Herz des jüdischen Sports, bis die Nationalsozialisten mit dem Reichspogrom 1938 auch diesen Teil des jüdischen Lebens vernichteten. Von einem kurzen Aufflackern der jüdischen Sportbewegung in der Nachkriegszeit abgesehen, sollte es nach dem Holocaust noch 20 Jahre dauern, bis sich im Land der Täter wieder Sportler unter dem Davidstern versammelten.

Entscheidenden Anteil daran hatte der sportbegeisterte Max Loewy. Loewy, 1905 in Kattowitz geboren, leitete schon als Jugendlicher seinen Schülersportverein, kurz darauf trat er dem jüdischen Klub Bar Kochba bei. Nach einem Studium der Leibesübungen führte er den Sportverein Maccabi Düsseldorf durch die Weimarer Republik, 1935 organisierte er die Teilnahme der deutschen Mannschaft an der II. Makkabiade – den jüdischen Olympischen Spielen – im damaligen Palästina. Auf der Flucht vor den Nazis gelangte er schließlich mit seiner Frau Lotte – einer Schwimmerin des traditionsreichen Vereins Hakoah aus Wien – nach Tel Aviv. 1957 kehrte Loewy nach Deutschland zurück und rief Maccabi Düsseldorf wieder ins Leben.

Loewy war es auch, der 1965 Funktionäre aus den jüdischen Gemeinden und Sportverbänden nach Düsseldorf einlud, um den deutschen jüdischen Turn- und Sportverband Makkabi – anders als „Maccabi Düsseldorf“ mit „kk“ geschrieben – wieder ins Leben zu rufen. Die jüdischen Gemeinden mit ihren 30.000 Mitgliedern hatten zur Wiederbelebung des Makkabi-Verbandes ihre höchsten Vertreter entsandt. Heinz Galinski, der langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins, forderte in einer Rede die Kollegen dazu auf, den Sport zu fördern, da er das beste Mittel zur Erziehung der Jugend sei. Sport könne zur Zukunft des Judentums in Deutschland beitragen und Kontakte für die Jugend nach ganz Europa bedeuten. Da niemand im Saal widersprach, kam es zu der in Deutschland einzigartigen Gründung eines Dachverbandes, der nur einen einzigen Mitgliedsverein hatte: Maccabi Düsseldorf.Aus der Landeshauptstadt am Rhein heraus baute Loewy ein nationales und internationales Netzwerk auf, das die Neugründung eines deutsch-jüdischen Sportverbandes unterstützen sollte. Willy Daume, damaliger Präsident des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees, folgte Loewys Ruf ebenso wie der Präsident der europäischen Vertretung des Makkabi-Weltverbandes, Fred Worms. Das Experiment, erst den Verband und dann einzelne Vereine zu gründen, gelang. Noch im selben Jahr wurden in München und Frankfurt Makkabi-Gruppen etabliert, und sogar in Israel erreichte Loewy in einer Kampfabstimmung die Anerkennung des deutschen Verbandes bei der Sitzung der Makkabi-Weltunion. Der öffentliche Durchbruch gelang dann bei der VIII. Makkabiade 1969, als mit finanzieller Unterstützung des Bundesinnenministeriums erstmals seit 1935 wieder eine deutsche Mannschaft an diesen Weltspielen teilnahm.

Für die Makkabi-Weltunion nahm der deutsche Verband als Rechtsnachfolger des deutschen Makkabikreises die zentrale Rolle in den Verhandlungen zur „Wiedergutmachung“ der an den jüdischen Vereinen begangenen Verbrechen während des Nationalsozialismus ein. Im Juli 1970 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland schließlich in der „Rückerstattungssache des ‚Makkabi‘ Jüdischer Turn- und Sportverband in Deutschland e.V. und dem Deutschen Reich“ zu einer Entschädigung in Höhe von 2.500.000 DM, die sich die Makkabi-Weltunion mit Makkabi Deutschland teilte.

Kurz darauf registrierte Loewy bereits elf Vereine mit 1.300 Mitgliedern. Damals wie heute stand die jüdische Identitätsbildung im Zentrum der Makkabi-Arbeit, aber gleichzeitig waren die Vereine offen für Christen und Andersgläubige. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion strömten aus Russland und seinen ehemaligen Satellitenstaaten Juden in die deutschen Gemeinden, die auch das hiesige Sportleben bereicherten. Mittlerweile sind in mehr als 30 jüdischen Vereinen 3.000 Sportler organisiert – Makkabi ist der größte jüdische Jugendverband Deutschlands. Die Hoffnung seiner Gründerväter hat sich damit erfüllt.

Der vorläufige Höhepunkt der Verbandsgeschichte findet in seinem Jubeljahr statt: Erstmals vergab der kontinentale Dachverband die Europäische Makkabiade nach Deutschland. Angesichts der antisemitischen Ausschreitungen im vergangenen Jahr sieht die junge Makkabi-Generation diese Spiele als ein Zeichen von Stärke und Selbstvertrauen des deutschen Judentums. Loewy starb 1981, aber auch ihm gebührt ein Anteil daran, wenn Bundespräsident Joachim Gauck als Schirmherr der Europäischen Makkabi-Spiele am 28. Juli 2015 in Berlin gemeinsam mit den etwa 2.000 erwarteten Sportlern nach jüdischem Brauch die Makkabi-Bewegung hochleben lässt: „Makkabi chai!“