Zufrieden werden mit dem G'ttlichen

Endgültige Sicherheit gibt es nicht



Rosch Haschana und Jom Kippur liegen hinter uns. Voller Ernst hat sich der gläubige Jude mit dem Geschehen des vergangenen jüdischen Jahres beschäftigt und über seine Taten Rechenschaft abgelegt. Er suchte, mit sich und seinen Mitmenschen ins Reine zu kommen. Am Jom Kippur hat er neue Hoffnungen geschöpft und den Glauben an die Sinnhaftigkeit seines Daseins. Sukkot vollendet diesen Prozess.

von Rabbiner Dr. Roland Gradwohl

Auf die Tage der Besinnung folgen nicht zufällig die Tage der Freude: Das Laubhüttenfest Sukkot und als Abschluss der Festreihe Schemini Azeret und Simchat Thora, das Fest der Thora. Im 5. Buch Mose (Kap. 16) steht Folgendes: «Das Fest der Hütten sollst du dir begehen sieben Tage, wenn du hereinholst von deiner Tenne und deiner Kelter. Und du sollst dich deines Festes freuen, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, sowie der Levite und der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren sind.»

Sukkot ist ein Freudenfest nicht bloss für die Juden, sondern für alle: auch für die Bediensteten und die Fremden. Vor allem für Witwen und Waisen, die nur zu leicht unterdrückt und missbraucht werden, weil sie sich nicht genügend wehren können. Vor Gott sind alle gleich. Er kennt keine sozialen Rangunterschiede, sondern nur den Menschen als sein Geschöpf und «Ebenbild». Ein Fest für G'tt ist darum immer ein Fest aller, ein Fest für alle.

Die nationale Enge wird zugleich gesprengt, aus dem Feiertag der Juden wird die Zeit der Freude und der Gottesnähe für die Menschen aller Völker. Nicht zufällig wurden im Tempel zu Jerusalem während Sukkot 70 Stiere geopfert: für die 70 Nationen der Erde. Israel wollte zeigen, dass es nicht bloss an sich selbst dachte und für sein eigenes Glück betete, sondern auch die Menschen anderer Sprache, Religion und Kultur aus seinem Denken nicht ausschloss. Der päpstliche Segen Urbi et Orbi («für die Stadt Rom und für die Welt») besitzt gleichsam sein jüdisches Gegenstück.

«Hilf dir selbst, so hilft dir G'tt»


Doch warum sollen wir die Laubhütte, die Sukka, überhaupt errichten? Die Bibel gibt im 3. Buch Mose, Kap. 23, die Begründung: «In den Hütten sollt ihr wohnen 7 Tage lang; jeder Einheimische in Israel soll in den Hütten wohnen, damit eure künftigen Geschlechter wissen, dass ich in den Hütten weilen liess die Kinder Israels, als ich sie aus dem Lande Ägypten führte» Die Zeit der Hütten war die Zeit der Wüstenwanderung. Als Schutz vor der Sonne und den Sandstürmen bauten die Israeliten Hütten aus Zweigen der einzeln wachsenden Bäume und Sträucher. Das waren provisorische Behausungen, die schlecht und recht einen Unterschlupf boten.

Wenn das biblische Gesetz die Erinnerung an jene Tage wachhalten will, dann geschieht es zweifellos in erzieherischer Absicht: Die Wüstenwanderung ist - wie der Auszug aus Ägypten oder die Offenbarung der Zehn Gebote am Sinai - von grundlegender Bedeutung für die jüdische Religion. In der Einöde hat das sich aus einer Sklavengruppe zu einem Volksganzen entwickelnde Israel verstehen gelernt, dass Gott über allem Geschehen steht.

Wenn er will, dann haben die einstigen Untertanen des ägyptischen Königs zu essen, selbst wenn sie nicht mehr an den berühmten Fleischtöpfen des Landes am Nil sitzen. Wenn er will, dann wird keiner verdursten und keiner durch des Feindes Schwert zugrunde gehen. Wenn er aber nicht will, dann nützen auch die sichersten Festungen nichts. Gewiss muss der Mensch alles tun, um sich vor der Unbill des Daseins zu schützen.

Er hat kein Recht, mit verschränkten Armen auf Gottes Hilfe zu warten. «Hilf dir selbst, so hilft dir G'tt», sagt ein Sprichwort. Bei aller Vorsorge für die Zukunft indessen muss das Vertrauen in Gottes Fürsorge vorhanden sein. Des Menschen Initiative bildet keinen Widerspruch zur göttlichen Hilfeleistung. An Sukkot vergegenwärtigt sich der Jude immer aufs Neue diese Grundlehre seines Glaubens. Er verlässt für eine Woche sein Haus oder seine Wohnung und vertauscht sie mit der Sukka, die er unter freiem Himmel, unter dem Schutze Gottes, baut.

Die Bedachung wird nicht durch stabile Bretter oder gar durch Ziegel gebildet, sondern durch Zweige und Blätter. Durch pflanzliche Produkte, die durch Menschenhand bloss vom Erdboden getrennt, aber nicht weiter geformt werden, und so lose zu liegen haben, dass man nachts durch das Geäst noch die Sterne flimmern sieht. Wo ein Regenschutz notwendig erscheint - in Israel sehr selten zu dieser Jahreszeit, in Europa hingegen fast immer - darf das Zweigdach zugedeckt werden. Doch dann ist die Hütte nur noch eine Hütte und keine Sukka mehr. Bei schlechter Witterung muss niemand in der Sukka sitzen, doch wenn er dann wieder seine Hütte aufsucht, um dem Gebot der Thora zu gehorchen, hat er zuerst den Regenschutz zu entfernen. Unsicherheit und Unstabilität kehren zurück.

Sukkot ist das Fest der Desillusionierung, der Ernüchterung. Es lehrt uns, dass es in unserem Leben eine endgültige Sicherheit nicht gibt. Das Bleibende und auf ewig fest Gegründete ist dem Menschen entzogen, so wie es den durch die sinaitische Einöde ziehenden Stämmen der Israeliten entzogen war. Doch weil Sukkkot falsche Hoffnungen zerstört, wird es zum «Chag Simchatenu», zum Fest unserer Freude. Wo irrige Massstäbe gesetzt sind, kann wahres Glück nie verwirklicht werden. Immer wird der Mensch an der Realität vorbei sehen und Ziele erstreben, die er nie erreichen kann. Sukkot weist den Weg, der gangbar ist, den Weg des Zufriedenwerdens mit dem, was von Gott kommt.

Das Verdrängen elementarer Einsichten

Einer der Namen des Feiertages lautet «Fest des Einsammelns». Primär wird auf die Ernte angespielt, die um diese Jahreszeit von den Bauern eingebracht wird. Im weitesten Sinne geschieht aber das «Einsammeln» auch durch alle übrigen Juden. Jeder hat etwas «einzubringen» und sich an seiner «Ernte» zu freuen. Wir neigen dazu, diese elementaren Einsichten zu verdrängen. Wer will schon immer wieder an die Hinfälligkeit und zeitliche Befristung irdischer Existenz erinnert werden?

Es gehört zu den Schutzmechanismen unserer Seele, unliebsame Wahrheiten aus dem Blickfeld zu schieben und umso schärfer Nahziele anzuvisieren. Das ist zu einem guten Teil berechtigt. Man kann nicht täglich die «Fragen von den letzten Dingen» neu aufrollen und dabei in seiner Gegenwartsarbeit voll aktiv sein. Die jüdischen Feiertage geben uns deshalb Gelegenheit, im Tagesspurt einzuhalten und die erforderlichen Denkpausen einzulegen.

Sukkot ist neben den Hohen Feiertagen geeignet, Akzente neu zu setzen. Die ganze Persönlichkeit ist dabei beteiligt. Vielleicht hat dies ein chassidischer Meister, der den hohen Wert der Sukka beschrieb, auszudrücken gesucht. Er meint: «Es gibt unter allen Geboten keines, das dem Gebot der Sukka gleicht. Du erfüllst es mit deinen 248 Knochen und gehst in die Sukka mit deinen Kleidern und Schuhen. Auch der Sabbat umgibt zwar deinen ganzen Körper, aber ihn hältst du ein durch dein Nichtstun - kommt er, so bist du drin. Das Gebot der Sukka aber erfüllst du nur durch dein aktives Tun: indem du in die Sukka eintrittst, in ihr wohnst, isst und schläfst. So völlig ist der Jude in die Sukka -eingetan-, dass ihre Botschaft unwillkürlich in ihn eingeht und sein Denken beflügelt.»

Die Freude am Segen G'ttes


Nach 7 Tagen geht Sukkot zu Ende. Aber der Feiertag hört nicht abrupt aus, sondern mündet ein in das Thora-Freudenfest Simchat Thora. Die Freude am Segen G'ttes wird zur Freude an seiner Lehre, an der Thora, die an diesem Tage zu Ende gelesen und sogleich wieder begonnen wird. Dann beginnt der Alltag mit seinen Sorgen und Problemen, aber auch mit seinen schönen Seiten.

Doch was der fromme und seinen Glauben verwirklichende Jude in der dreiwöchigen Festzeit - sie beginnt mit Rosch Haschana - erlebt, wirkt lange nach. Es schenkt ihm Glück, den inneren Frieden und die tiefe Überzeugung, dass er nicht nur seine zerbrechliche Hütte, sondern auch sein zerbrechliches Leben einem gütigen Gott unterstellen darf.

Die JR publizierte regelmässig Texte aus dem Nachlass von Rabbiner Roland Gradwohl.