Welche Bedeutung haben Feueropfer heutzutage noch?

Ein Kommentar zum Wochenabschnitt von Oberrabbiner Arie Folger

Das Thema der zwei ersten Wochenabschnitte des Buches Wajikra, fällt uns Kinder der Moderne schwer zu begreifen. Der Abschnitt Wajikra listet die unterschiedlichen Tieropfer, die ein Jude bringen konnte und der Abschnitt Zaw erläutert, was die Kohanim (dynastische Priester) damit im Stiftzelt und später im Tempel Jerusalem zu tun hatten.

Dass wir uns schwer tun, es zu verstehen, überrascht nicht, schließlich liegt der Bejt haMikdasch, unser Heiligtum in Jerusalem und der heiligste jüdische Ort auf Erden, seit seiner Zerstörung durch die barbarischen Römer vor über 1900 Jahren, in Trümmer.

Nach der Meinung fast aller traditionstreuen jüdischen Denker, soll mit dem Kommen des Maschiachs, im dann wiederaufgebauten Bejt haMikdasch, der Opferdienst wieder wie einst eingeführt werden. Derzeit finden diese Gesetze aber keine direkte praktische Anwendung.

Die Tora ist aber zeitlos; was lehrt sie uns mit diesen Abschnitten für die heutige Zeit?

Wer diese und andere Abschnitte liest, die sich mit dem Bau des Heiligtums und dem G“ttesdienst im Heiligtum beschäftigen, fällt unmittelbar auf, dass diese Gesetze im Vergleich mit den anderen Gesetzen der Tora, besonders detailliert sind und es überrascht nicht, dass zahlreiche Exegesen in diesen Details eine reiche Symbolik sahen.

So setzt sich der deutsche Rabbiner Samson Raphael Hirsch mit dem Namen des ersten Opfers in der Liste auseinander: Ola. Dieses Opfer wird häufig als Ganzopfer, auf griechisch „Holocaust“ bezeichnet. Heute wirkt diese Übersetzung befremdend, verwenden wir mittlerweile nicht das gleiche Wort für den Massenmord an sechs Millionen unserer Religionsgeschwister durch die Nazis und ihren Helfern unterschiedlicher Nationen!

Oberrabbiner Arie Folger

Aber bereits für Rabbiner Hirsch, der Jahrzehnte vor der Shoah lebte, bot dieses Wort wohl eine mangelhafte Übersetzung an. Alle anderen Opfernamen unserer Parascha, so Rabbiner Hirsch, weisen „auf Veranlassung und Zweck des Opfers hin, keiner ist von einer besonderen Opferhandlung ausgenommen.“ Chatat, das Sühneopfer, soll den Chet, die Sünde sühnen.

Mit dem Ascham, dem Schuldopfer, soll der Bußende seine Schuld gestehen, mit dem Toda-Opfer, seine Danksagung äußern, mit dem Schelamim „Frieden (Schalom) zwischen den Menschen und G“tt“ fördern. Das Mehlopfer heißt Mincha, dass aus der Gabe hinweist, dass ein Opfer ist. In keinen diesen Fällen deutet ein Name auf die Handlungen, die mit dem Opfer dann durchgeführt werden ─ die übrigens das Thema des Abschnittes nächster Woche, Zaw, bilden, und nicht des jetztigen Abschnittes.

Dennoch übersetzen viele das Wort Ola deshalb als Ganzopfer oder Holocaust, weil im Gegenteil zu den anderen Opfern, von denen das Fleisch unter Berücksichtigung ritueller Heiligkeit gegessen wird, es ganzheitlich auf dem Misbeach (Altar) verbrannt wird. Wieso aber, deuten die Namen anderer Opfer nicht auf die Handlung des auf dem Altar opfern hin?!

Deshalb ist Rabbiner Hirsch überzeugt, dass sich Ola auf einem anderen Aspekt des Opfers bezieht. Die Bedeutung des Namens lässt sich viel eher in Alija, dem „Hinaufheben von der Erde“ finden. In Ola glauben wir, „ein Opfer zu erkennen, das aus dem Bedürfnis und dem Streben: la‘alot, emporsteigen, hervorgeht. … Ola geht aus dem Bewusstsein hervor, eines größeren Fortschreitens zum Guten und G“ttlichen bedürftig und fähig zu sein. … Veranlassung und Zweck, somit Wesen dieses Opfers wird daher vollständig durch den Begriff Ola, Fortschreitungsopfer, Emporopfer, ausgedruckt.“

Und dieses geistige Streben, dieser Wunsch und dieses Bedürfnis, in den geistigen Aspekten des Lebens fort zu schreiten und immer mehr seine Nähe zu G'tt zu suchen, das ist etwas, dass auch in der jetzigen Zeit, in der wir keine Tieropfer bringen, immer wünschens- und lobenswert.