Gedanken zu Schawuot

von Rabbiner Yehuda Teichtal

Warum verbietet mir das Judentum, zu tun, was immer ich will? Diese Frage wird oft gestellt. Warum können wir nicht einfach frei und unbeschwert sein?

Wäre es nicht schön gewesen, wenn die eröffnenden Worte der Zehn Gebote folgendermaßen gewesen wären: »Ich bin der Herr, euer G-tt, der euch aus Ägypten geführt hat, um euch zu befreien. Ihr könnt tun und lassen was immer ihr wollt, wo immer ihr wollt, mit wem ihr wollt, wie ihr wollt, solange ihr niemandem weh tut. Ich respektiere eure individuellen Rechte hinsichtlich eures Lebenswandels und Verhaltens. Haltet euch nicht an irgendwelche Standards – lebt euer Leben!

Aber, wie ihr wisst, hat G-tt ein anderes Skript für die Zehn Gebote ausgesucht… Sie wurden nicht von Woody Allen oder Alan Ginsburg geschrieben. Am Sinai gab G-tt dem jüdischen Volk eine Tora – gefüllt mit Anweisungen.

Ich bin am Flughafen, mein Flug hat Verspätung, und ich bin der Einzige, der keine Hot Dogs und Pommes Frites bei McDonalds essen kann. Wenn die Sonne aufgeht, bin ich der Einzige, der vor allen Leuten im Flugzeug aufstehen und Tefillin anlegen muss. Der Schabbat kommt, und ich bin der Einzige, der nicht zum Golfen... Haben wir deswegen die Sklaverei in Ägypten hinter uns gelassen – um Sklaven des Allmächtigen zu werden?

Doch die Weisen sahen es anders. »Es gibt keinen freien Menschen außer demjenigen, der sich mit dem Studium der Tora beschäftigt«. Wirklich? Ist es nicht so, dass man frei ist, das zu tun, worauf man Lust hat, solange man nicht die Tora studiert? Wenn man einmal die Tora annimmt, ist die Freiheit vorbei… die Tora mischt sich in alles ein…

Warum – so werde ich oft gefragt – soll ich mich überhaupt einschränken? Warum soll ich nicht einfach meinen Gedanken und Neigungen freien Lauf lassen, und mich von ihnen führen lassen, wohin auch immer?

Der »Laserstrahl« zählt zu den großen technologischen Errungenschaften der Neuzeit: Licht hat die Eigenschaft zu streuen, wenn es sich von seiner Quelle entfernt und verliert somit an Intensität und Wirkung. Der Laser überwindet diese Einschränkung, indem er seine Energie in einer geraden Linie konzentriert, so dass er seine Kraft selbst bei großer Distanz vom Ursprung beibehält. Deswegen kann man dessen Nutzen auf bislang unvorstellbare Art und Weise ausschöpfen.

Ein Laserstrahl hat enge Grenzen, so dass das Licht nicht seitlich streuen kann. Es ist somit komplett auf eine Richtung konzentriert. Es kann Licht- oder Wärmequelle sein und sogar ein Loch durch einen dicken Metallstab bohren, der kilometerweit weg ist.

Laser werden heute in zahlreichen Technologien verwendet, vom Zahnbohrer, über CD-Laufwerke bis zu Haushaltsgeräten. Die Laser-Technologie erlaubt es auch Chirurgen, viele neue Methoden zu entwickeln und so Verletzungen zu vermeiden, denn mit ihr können Chirurgen gleichmäßig tief in den Körper eindringen.

Es ist kein Zufall, dass das Konzept von »Freiheit, egal was es kostet« unsere Gesellschaft in denselben Jahrzehnten ergriffen hat, in denn die g-ttliche Vorsehung der Wissenschaft die Möglichkeit gab, die Lasertechnologie zu entwickeln. Denn durch sie haben wir Einsicht in die wahre Funktion der Tora und Mizwot sowie der Zielsetzung des jüdischen Gesetzes erlangt. Die Tora ist die spirituelle »Lasertechnologie« für die Welt.

Auf den ersten Blick ist der jüdische Verhaltenskodex ein einschränkender Faktor, etwas was einen von der Vielfalt an Möglichkeiten im Leben ablenkt. In Wahrheit ist das Gegenteil zutreffend. So, wie anhand der Laserstrahlen illustriert, sind es gerade die auf eine Kraft einwirkenden »Einschränkungen«, welche dessen Potenzial erweitern und verstärken und zur optimalen Nutzung führen.

Ein Leben ohne Parameter ist ein Leben, das sich schnell in der um uns herum herrschenden kosmischen Heterogenität auflöst, ohne Kraft und Wirkung. Wenn wir unseren Instinkten und Gewohnheiten folgen, ohne jegliche Restriktionen, dann werden unser innerer Fokus und Tiefgang geschwächt. Wenn wir zulassen, dass es keine Grenzen gibt, und wir frei sind, alles zu tun, dann streut unser Licht überall hin, und wir lernen niemals unsere wirklichen Kräfte und Potenziale kennen. Unsere Energien werden verschwendet, unsere Helligkeit gedimmt.

Wenn wir das Licht aber »einschränken«, und ihm nicht gestatten, überallhin zu streuen, dann stimmen wir unsere innere Kreativität fein ab und kultivieren unsere Kraft. Wir werden so stark wie wir sein können...

Die Saiten einer Violine müssen festgezogen sein, damit wir Musik erklingen lassen können. Die Tora und Halacha kommen nicht, um uns festzubinden, sondern damit die Musik erklingen kann.

Der Baal Schem Tow lehrt uns, dass die Halacha ein Akronym ist für »Hare-u L’Haschem Kal Haarez«, lasset die ganze Welt zu G-tt singen. Was für den Einen Fleisch-mit-Kartoffeln ist, ist für den Anderen eine Nachtigall, die die schönsten Töne der Welt hervorbringt.