Schabbat Hagadol - Der Weg von der Sklaverei in die Freiheit

Der Wein ist noch unberührt...

Dieser Schabbat am Vorabend des Pessachfestes trägt den Namen Schabbat Hagadol, der «Grosse Schabbat» oder - in abweichender Übersetzung - der «Schabbat des Grossen», nämlich des Rabbi und Schriftgelehrten, der die Gemeinde über die besonderen Pessach-Gesetze instruieren muss.

von Rabbiner Roland Gradwohl

Nach alter Tradition wird im Morgeng'ttesdienst des Schabbat Hagadol nach der Torahlesung ein Abschnitt aus dem 3. Kapitel des Prophetenbuches Maleachi vorgetragen, der mit den Worten schliesst: «Gedenket der Lehre meines Dieners Mose, die ich ihm am Horeb-Berg für ganz Israel geboten habe: Satzungen und Rechte. Sieh, ich will Euch den Propheten Elia senden, ehe der grosse und furchtgebietende Tag G'ttes kommt, dass er zuwende das Herz der Väter zu den Kindern, und das Herz der Kinder zu ihren Vätern. Sonst schlage ich das Land mit dem Bann.»


Moses ist der Mann, der um das Jahr 1250 v.Chr. Israel nach langer Knechtschaft in die Freiheit führt, aus Ägypten hinein in die sinaitische Einöde, wo das Volk in einer G'ttesoffenbarung die Zehn Gebote und die übrigen Gesetze der Torah erhält. Moses gilt späteren Generationen als der Grösste aller Propheten und zugleich als Mosche Rabbenu, als «unser Lehrer Moses», als DER Meister Israels, der G'ttes Lehre empfängt und getreulich weitergibt. Obschon er sie nicht selbst geformt hat, trägt sie seinen Namen: «Gedenket der Lehre meines Dieners Mose!» Lösung des Generationenkonflikts.


Elia, der Prophet, führt rund 400 Jahre nach Moses den Kampf um den Glauben, um den Fortbestand der mosaischen Weisung. Gegen die Anfechtung falscher Künder, die nicht G'tt, sondern dem heidnisch-kanaanäischen Baal zu Diensten sind, gegen König Ahab von Israel, der ganz unter dem Einfluss seiner phönizischen Gattin Isebel steht und jüdisches durch phönizisches Gesetz ersetzen möchte.

Gehetzt von den Häschern des Herrschers flieht Elia in den Sinai zum Horeb-Berg und erfährt G'ttes Offenbarung an jener Stelle, an der einst Moses und die aus Ägypten Befreiten die Offenbarung erfahren haben. Der Kreis schliesst sich: Elia tritt in die Fussstapfen von Moses. Hat Moses die Satzung Gottes empfangen und sie im Volke verankert, so soll sein geistiger Nachfolger für diese Satzung streiten und Israel, das von der Torah abgewichen ist, auf den rechten Weg zurückbringen.

Moses stirbt auf dem Nebo-Berg, an der Grenze des Heiligen Landes. Er darf es nicht betreten und sieht es nur aus der Ferne. Sein Grab ist unbekannt. Elia fährt, so erzählt das 2. Königsbuch (Kap. 2), mit einem feurigen Wagen, der von feurigen Pferden gezogen wird, in den Himmel. Auch seine Spur verschwindet. Doch Elia wird wiederkehren, verheisst die Schrift und wissen die Legenden der Jahrtausende.

Maleachi greift den Glauben des Volkes auf: Ehe der grosse und furchterregende G'ttestag kommt, da Gott mit den Sündern abrechnet, wird Elia erscheinen, und das Herz der Väter den Kindern, das Herz der Kinder den Vätern zuwenden. Elia rettet durch sein Tun das Volk vor dem Untergang, wie Moses seinerseits Israel durch seine Bitte immer wieder vor der Vernichtung gerettet hat.

Voraussetzung der Wende ist die Lösung des - wie wir heute sagen - Generationenkonflikts. Die Jungen sind wieder bereit, mit den Alten zu sprechen, die Alten mit den Jungen. Auf Elia folgt der Messias aus dem Königshause Davids. Der Messias (der Gesalbte) herrscht in einer Zeit des ewigen Völkerfriedens und sichert das anbrechende G'ttesreich.


Mit dem Auszug aus Ägypten, mit den Ereignissen jener schicksalshaften Nacht, in der die Erstgeborenen Ägyptens sterben und der Landesherr die israelitischen Sklaven aus dem Lande treiben lässt, beginnt die Geschichte des jüdischen Volkes. Pessach erinnert an jenes Geschehen. Mit der Ankunft Elias und des nach ihm sich zu erkennen gebenden Messias erfüllt sich die Geschichte. Elia wird an einem Pessach erscheinen, glaubt die Tradition zu wissen.

Zu seinen Ehren steht ein Becher Wein auf dem Tisch, wenn die Familie den Sederabend feiert. Der Becher symbolisiert die Erlösung Israels und der ganzen Menschheit, die - wie einst für die israelitischen Sklaven in Ägypten - an Pessach ihren Anfang nehmen soll.


Der Wein ist freilich noch unberührt, der Becher bisher nicht ausgetrunken. Elia ist in den Himmel gefahren, aber nicht zurückgekommen. Die Welt ist unerlöst, wenn auch Israel sein langes Exil beendet und in der alt-neuen Heimat den zerrissenen Faden seiner Geschichte wieder zusammengeknüpft hat. Die Befreiung Israels aus Ägypten ist Wirklichkeit, die Ankündigung Maleachis, die am Schabbat Hagadol vorgetragen wird, bisher nichts weiter als Hoffnung. Das Pessachereignis in Ägypten und das Pessachereignis am Beginn der erwarteten Wende überdecken sich nicht. Solange nicht, wie Hunger, Verfolgung und Krieg die Befreiung der Menschheit im Keime ersticken.


«Der Anfang der Erlösung»

Soll die Hoffnung preisgegeben werden? Mitnichten. Bereits in alten Zeiten haben die Weisen Israels vor Illusionen gewarnt. Die Tage des Messias werden erst dann kommen, wenn - wie die Wendung lautet - die «Geburtswehen des Messias» vorüber sind. In einem Text der Mischna stehen die Worte: «Vor der Ankunft des Messias wird die Frechheit überhand nehmen. Die Regierung wird der Ketzerei verfallen, und es fehlt die Zurechtweisung! Die Weisheit der Gelehrten ist verdorben, und die Menschen, die die Sünden scheuen, werden verachtet. Die Wahrheit bleibt aus. Knaben beschämen die Alten, Alte werden vor Jungen aufstehen.

Wie der Prophet Micha verkündigt: "Der Sohn missachtet den Vater, die Tochter erhebt sich gegen die Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Des Mannes Feinde sind seine Angehörigen".» Die Mischna frägt: «Auf wen können wir uns überhaupt noch verlassen? Auf unseren Vater im Himmel.»


So wird die vor-messianische Ära gesehen. Bindungen brechen auseinander, Werte werden in ihr Gegenteil verkehrt. Manch einer mag mit den zwei Talmudgelehrten Ula und Rabba ausrufen: «Mag der Messias kommen, ich aber will ihn nicht sehen!» Andere sind bereitwilliger, die Vorbereitungsphase über sich ergehen zu lassen, weil sie das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Und sie sprechen mit Rabbi Joseph: «Mag er doch kommen, und mir sei es beschieden, im Schatten des Mistes seines Esels zu sitzen.»


Es ist müssig, in der Zeit, in der WIR leben, die Frage zu stellen: Ist der Messias nahe, haben seine «Geburtswehen» begonnen? Ich weiss: Nicht wenige Menschen in Israel glauben, dass der Erlösungsprozess eingesetzt hat. Die «Atchalta di-Geula», der «Anfang der Erlösung», sei sichtbar.

Sie glauben es weniger wegen der misslichen Zustände, von denen die Mischna berichtet, als vielmehr wegen der Rückkehr Israels aus der Zerstreuung, dem Wiederaufbau zerstörter Städte und der Verwandlung der Wüste in einen Paradiesgarten, die z.B. vom Propheten Jesaja als Zeichen der Wende genannt werden. Ich bin vorsichtiger.

Wer wollte von sich behaupten, er könne G'tt gleichsam in die Karten schauen? Wer zu viel zu wissen vermeint, wird nur allzu leicht enttäuscht. Doch dies ist sicher: Der Grosse Schabbat, der Schabbat Hagadol, den die jüdische Gemeinde am Vorabend des Pessachfestes feiert, ist nach wie vor von Bedeutung. Er weist auf den Propheten Elia hin, und durch Elia auf die endgültige Erlösung, und er schenkt damit die Überzeugung, dass die Not Israels und der ganzen Welt dereinst für immer übewunden wird.

Dieser Text wurde erstmals vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt.

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