Gedanken zu Rosh Hashana

von Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister (Wien)

 

Die 29 Tage des Monats Elul werden auch als Jemei Rachamim (Tage der Nachsicht und Vergebung) bezeichnet. Diese wichitge Vorbereitungszeit auf die ernsten und schwierigen Momente der Hohen Feiertage, ist eine besondere Gelegenheit zur Teschuwa (Umkehr und Reue), bevor wir an Rosch HaSchana, dem Jom HaDin (Tag des Gerichts), Rechenschaft über unsere jüdische Lebensführung und vor allem auch unser zwischenmenschliches Benehmen ablegen müssen.

Wie Maimonides in Hilchot Teschuwa betont, sind wir selbstverständlich an jedem Tag des Jahres angehalten unser eigenes Verhalten (nicht das unserer Mitmenschen!) kritisch zu begutachten, gegebenenfalls Teschuwa zu tun und uns neu zu orientieren, um die Erkenntnis um unsere Fehler und Schwächen dazu zu nutzen, unseren Charakter und unsere Verhaltensweisen ständig zu verbessern (Rambam Hilch. Tesch. 1:1); und doch gilt gerade der Monat Elul als eine besonders günstige Zeit, dieses mitunter nicht ganz einfache und manchmal sogar schmerzhafte Unterfangen anzugehen, sich selbst – ehrlich und rücksichtslos - unter die Lupe zu nehmen, um aus dem eigenen Fehlverhalten zu lernen und es von nun an besser zu machen. 

Am Rosch Chodesch Elul (Beginn des Monats Elul) bestieg Mosche Rabbenu zum wiederholten Mal den Berg Sinai, um dort die zweiten Luchot, die Steintafeln mit den 10 Geboten in Empfang zu nehmen, da er die ersten beiden, angesichts des Vorfalls mit dem Goldenen Kalb, zu Boden geworfen und zerbrochen hatte (Schemot 32:19). Wie unsere Weisen im Talmud erklären, hat der Liebe G-tt in den folgenden 40 Tagen den Kindern Jisraels alle ihre Verfehlungen und Übertretungen verziehen (Joma 86a; Pirkei DeRabbi Elieser 46) und so sind - damals wie heute - in den 40 Tagen vor Jom Kippur die himmlischen Schaarei HoRachamim (Tore der Nachsicht und Vergebung), bildlich gesprichen, weit geöffnet um unsere Teschuwa, unser ehrliches Ansuchen um Vergebung unserer Sünden und Unterstützung bei der Umsetzung unserer guten Vorsätze, hinein zu lassen um bei G-tt, der uns liebt, Gehör zu finden.

Insbesondere die Tage zwischen Rosch HaSchana und Jom Kippur, auch bekannt als die 10 Busstage, sind nun noch einmal eine besondere Gelegenheit, unsere schlechten Gewohnheiten abzulegen, denen wir erlaubt haben Teil unserer selbst und unserer Persönlichkeit zu werden, um einen tatsächlichen Neuanfang zu machen. Wichtig ist, es selbst dann nicht unversucht zu lassen, auch wenn wir in der Vergangenheit schon unzählige Male, trotz bester Absichten, an bestimmten Punkten immer wieder gescheitert waren!

Der weise König Schlomo beschreibt das Verhältnis G-ttes zum jüdischen Volk mit dem berühmten Ausspruch: „Ani Ledodi, Wedodi Li” – „Ich gehöre zu meinem Geliebten und mein Geliebter gehört zu mir“ (Schir HaSchirim 6:3), wobei die vier Anfangsbuchstaben dieser Worte, Aleph-Lamed-Waw-Lamed das Wort ELUL buchstabieren und die Addition der vier Endbuchstaben JUD-JUD-JUD-JUD einen Zahlenwert von 40 ergeben, um uns, in diesem Zusammenhang, an die 40 Tage zwischen Rosch Chodesch Elul und Jom Kippur zu erinnern, eine Zeit in welcher wir uns unserer einzigartigen Beziehung zu G-tt besonders bewusst sein sollen.

Während sich Mosche Rabbenu auf dem Berg Sinai aufhielt, um die neuen Luchot, die Steintafeln mit den 10 Geboten zu empfangen, bliesen die Kinder Jisraels im Lager der Zwölf Stämme täglich laut das Schofar (Widderhorn), um sich selbst warnend daran zu erinnern die Werte, Gebote und Vorschriften der Torah von nun an zu befolgen. (Midrasch Ki Siso)

Ausserdem schreibt der Prophet Amos „Fürchtet sich das Volk nicht, wenn das Schofar in der Stadt erschallt?“ (3:6), und weiter heisst es „Der Löwe hat gebrüllt, wer hat sich da nicht gefürchtet?“ (3:8) Arijeh, das hebräische Wort für Löwe, wird buchstabiert Aleph-Rejsch-Jud-Hej und ist somit eine Anspielung auf diese besondere Zeit von Elul („Aleph“), über Rosch HaSchana („Rejsch“) und Jom Kippur („Jud“), bis Hoschana Raba („Hej“). Basierend auf diese Quellen entwickelte sich der Brauch, während des Monats Elul jeden Tag das Schofar zu blasen – ein Weckruf, der tief in unsere Herzen vordringt, um uns zu bewegen zu den jüdischen Werten und Vorschriften der Torah zurückzukehren, beziehungsweise unser Leben, unser Benehmen und Verhalten neu daran auszurichten.

Der grosse deutsche Rabbiner Rabbi Jakow ben Mosche HaLewi Möllin (1365-1427), genannt nach dem Akronym seines Namen „der Maharil“, bezeichnet den rufenden Klang des Schofar als Aufruf zur Buse (Hilchos Aseres Jemej Teschuwa), den die Baalei Mussar mit jenem bereits erwähnten himmlischen Aufstieg von Mosche Rabbenu im Monat Elul assoziieren, als er die zweiten Luchot erhielt. (Machsor Vitri, Pirkei DeRabbi Elieser, Tur, Lewusch, Orach Chaim 581) Der Klang des Schofar erfüllt eine doppelte Funktion: es ist nicht nur ein Weckruf, um uns aus unserer Lethargie und der selbstgerechten Zufriedenheit mit uns selbst aufzurütteln, sondern gleichzeitig ein flehender Hilferuf um die Nachsicht und den Beistand G-ttes – wie das Schluchzen eines Kindes, ein reiner, emotionaler Ausdruck, weder mit Worten erklärbar noch durch den Intellekt begreifbar, und doch zweifelsohne und klar verständlich.

 

„Raw Abbahu erklärt: Warum wir das Schofar blasen? Weil HaKodosch Boruch Hu (der Heilige, gepriesen sei Sein Name) sagt: lasse das Schofar für mich erklingen, damit ich um euretwillen der Akedas Jitzchak gedenke (die Episode als Awraham Awinu in der Befolgung des Willen G-ttes sogar bereit gewesen wäre seinen Sohn Jitzchak zu opfern).“ (Rosch HaSchana 16a)

In vielen Gemeinden hat sich auch noch der Brauch durchgesetzt von Rosch Chodesch Elul bis Hoschana Raba zweimal täglich, morgens und abends, Psalm 27. zu sagen. (Rema Orach Chaim 581:1) Dieser Minhag (Brauch) gründet sich auf einen Midrasch, der den ersten Vers von Psalm 27 folgendermassen interpretiert: „Haschem ist mein Licht – an Rosch HaSchana – und meine Erlösung – an Jom HaKippurim – vor wem soll ich mich fürchten – an Hoschana Raba?!“ (Midrasch Tehillim 27:4)

Ketiva veChatima Tova – Mit besten Wünschen für ein gutes und gebenschtes Jahr!

Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister

 

Rosch ha-Schana

Das Neujahrsfest

Am 1. und 2. Tischri wird das Neujahrsfest begangen, das ein ernster Feiertag ist. Der Name Neujahr (Rosch ha-Schana) kommt in der Bibel nicht vor, und auch in den Gebeten dieses Festes ist kaum davon die Rede. Im Festsegen – und auch sonst – wird vom „Tag der Erinnerung“ oder „Tag des Posaunenschalls“ gesprochen.

Der Sinn des Neujahrsfestes liegt in der Erinnerung an den Bund, der zwischen Gott und Israel geschlossen wurde und der für die Israeliten eine sittliche Forderung und Verpflichtung darstellt. Der Tag soll dazu dienen, die Menschen zu veranlassen, in sich zu gehen, sich vom Bösen abzuwenden und gut zu handeln. Rosch ha-Schana ist der Tag, an dem der Mensch Rechenschaft über sein Tun ablegen und sich seiner moralischen Pflichten bewußt werden soll.

Als äußeres Instrument, den Menschen an seine moralischen Pflichten zu erinnern, dient die Posaune, der Schofar. Das ist ein Widderhorn, das im Morgengottesdienst nach der Tora- und Prophetenlesung sowie an mehreren Stellen des Zusatzgebetes in festgelegten Tonfolgen geblasen wird (außer wenn der Festtag auf einen Sabbat fällt.)

In vielen Gemeinden ist es Brauch, den Betraum für den Neujahrsgottesdienst besonders feierlich auszugestalten. Um die Erhabenheit des Tages zu betonen, pflegt in der Synagoge die weiße Farbe vorzuherrschen. Der Vorhang vor dem Toraschrank, die Decke auf dem Vorbeterpult und die Kleidung des Vorbeters sind weiß, im Gegensatz zu dem sonst Üblichen.

Rosch ha-Schana wird überall zwei Tage gefeiert, auch in Israel, wo bei den übrigen Festen die zweiten Tage entfallen. Der Kultus ist im wesentlichen an beiden Tagen identisch.

Die häusliche Feier des Neujahrstages besteht darin, daß dem Kiddusch und dem Segensspruch über das Brot noch ein Segen über Baumfrüchte angefügt wird. Man nimmt dazu einen Apfel, den man vor dem Verzehr mit Honig bestreicht, wobei man dem Wunsch Ausdruck verleiht, das neue Jahr möge gut und süß werden. Die Brote für das Neujahrsfest sind nicht wie sonst geflochten und länglich, sondern es ist üblich, rund gewickelte Weißbrote zu verwenden, um auf diese Weise den Jahreskreislauf zu symbolisieren.

Aus: Heinrich Simon: Jüdische Feiertage, Verlag Hentrich und Hentrich und Centrum Judaicum Berlin, 2003