Jamim Noraim

„Dies ist der Tag des Anfangs Deiner Werke,

eine Erinnerung an den ersten Tag

- denn es ist ein Gesetz in Jisrael, Jakows G’tt hält Gericht.“

(aus dem Mussaf Gebet für Rosch HaSchanah)

von Rabbiner Schlomo Hofmeister

Rosch HaSchana, der Beginn des neuen Jahres, ist die Harat Olam, der Geburtstag der Welt, und gleichzeitig der Jom HaDin, der Tag des Gerichts, an dem jeder Mensch Jamid Bamischpat, vor dem Himmlischen Gericht steht, und danach beurteilt wird, inwieweit er bisher der individuellen und persönlichen Verantwortung seines Lebens gerecht geworden ist. Angesichts unserer charakterlichen, ethischen und menschlichen Schwächen und den daraus resultierenden, zahllosen Verfehlungen sowohl gegenüber unseren Mitmenschen, als auch gegenüber G’tt, beten wir für ein mildes Urteil, um trotz allem „in das Buch des Lebens, des Segens, des Friedens und des guten Unterhalts“, für ein gutes neues Jahr, eingeschrieben zu werden - ein neues Jahr in dem wir uns vornehmen es besser zu machen.

Rosch HaSchana vereint zwei unterschiedliche, scheinbar voneinander unabhängige Momente: Schöpfung und Gericht. Einerseits feiern wir an diesem Tag den Jahrestag der Erschaffung der Welt und somit den Beginn eines neuen Jahres in der Geschichte der Menschheit. Andererseits ist dies ein ernster Tag der Besinnung, an dem wir alle vor dem Höchsten Gericht stehen und persönlich Rechenschaft ablegen müssen über unsere Lebensführung: unser zwischenmenschliches und gesellschaftliches Benehmen, unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen, insbesondere unseren Ehepartnern, Eltern, Kindern, Kollegen, Vorgesetzen und Untergebenen; unsere Sprach- und Gesprächskultur, unser Geschäftsgebaren, die Verlässlichkeit unserer Worte und Versprechungen; unsere Wohltätigkeit und Offenherzigkeit gegenüber all jenen, die unsere finanzielle, emotionale oder soziale Unterstützung nötig haben, sowie alle anderen Facetten des täglichen Lebens, die ebenfalls durch die Halacha (jüdisches Gesetz), die Gebote der Tora und die umsichtigen Verordnungen unserer Weisen, im Schulchan Aruch eine klare Richtlinie haben.

Doch was haben diese beiden verschiedenen Aspekte, einerseits das Gedenken an die Erschaffung der Welt und andererseits unser Cheschbon HaNefesch, d. h. unsere persönliche Rechenschaftsablage und Beurteilung unserer Lebensführung, überhaupt miteinander zu tun?

Im Talmud Traktat Rosch HaSchana finden wir eine Meinungsverschiedenheit zwischen Rabbi Elieser und Rabbi Jehoschua. Nach der Meinung von Rabbi Elieser fand die Schöpfung unserer Welt im Monat Tischri statt (Rosch HaSchana 8a), während Rabbi Jehoschua darauf besteht, dass die Welt im Monat Nissan erschaffen wurde (Rosch HaSchana 11a). Darauf frägt Rav Schmuel bar Jitzchak: „Wessen Meinung folgen wir, wenn wir (im Mussaf-Gebet an Rosch HaSchanah) beten: Dies ist der Tag des Anfangs Deiner Werke, eine Erinnerung an den ersten Tag!? Offensichtlich folgen wir Rabbi Elieser, der sagt, dass die Welt im Monat Tischri erschaffen wurde!“ (Rosch HaSchana 27a)

Der wichtige Talmudkommentar Tosfos weist jedoch auf den folgenden, offensichtlichen Widerspruch hin: Zwar sagen wir an Rosch HaSchana in der Tat Hajom Harat Olam, dass dieser Tag den Anfang der Schöpfung darstellt, jedoch im Pijut (poetische Einfügung zum Gebet) an Pesach sagen wir, dass die Welt im Monat Nissan erschaffen wurde! Tosfot bringt sogleich eine Antwort von Rabbiner Jakow Tam (1100-1171), besser bekannt als Rabbenu Tam, der diesen Widerspruch auflösst, indem er erklärt, dass unsere Welt tatsächlich nicht im Monat Tischri erschaffen wurde, sondern sich an Rosch HaSchana lediglich die Intention und die Absicht G’ttes die Welt zu erschaffen jährt, deren Planung dann erst im Monat Nissan in die Realität umgesetzt wurde. Wenn es im Mussaf Gebet an Rosch HaSchana heisst „Dies ist der Tag des Anfangs Deiner Werke“ bedeutet das demnach nicht, dass die Schöpfung der Welt an diesem Tag stattfand, sondern dass der Liebe G’tt die Erschaffung der Welt an Rosch HaSchana plante. Die Welt wurde also, so Rabbenu Tam, doch im Monat Nissan erschaffen.

In Anbetracht dessen stellt sich jedoch ein weiteres Problem: Wenn die Schöpfung der Welt tatsächlich im Monat Nissan stattfand und im Monat Tischri lediglich deren Planung, was feiern wir dann an Rosch HaSchanah? Nur das Vorhaben G’ttes, Seine Absicht, den Plan, das theoretische Konzept der Schöpfung, die dann erst zu einem ganz anderen Zeitpunkt realisiert wurde? Warum sagen wir explizit Hajom Harat Olam heute ist der Geburtstag der Welt – wenn denn heute gar nicht der Geburtstag der Welt ist, sondern lediglich der Jahrestag der Machschawa, der gedanklichen Planungsabsicht G’ttes bezüglich ihrer Erschaffung im Monat Nissan?

Eine wörtliche Übersetzung von Tehillim 47:6 wäre: „Der Herr (Elokim) stieg empor unter Schmettern, der Liebe G-tt (HaSchem) beim Schallen des Schofars.“ Unsere Weisen erklären hierzu im Midrasch: Wenn der Allmächtige sich auf den Kisseh HaDin, den Thron der Gerechtigkeit setzt, ist es seine Absicht mit strenger Gerechtigkeit zu urteilen. Aber wenn wir das Schofar blasen, erhebt er sich von diesem Kisseh HaDin und setzt sich auf den Kisseh HaRachamim, den Thron der Barmherzigkeit und urteilt entsprechend. (Vajikra Rabba 29:3) Obwohl HaSchems ursprüngliche Intention war, Strenge und Gerechtigkeit walten zu lassen, ändert er beim rufenden Klang des Schofars seine Meinung und begegnet uns mit Milde und Nachsicht. Woher kommt die Fähigkeit des Schofars in G’tt einen derartigen Sinneswandel herbeizuführen? Menschen denken und planen - und ändern ihre Anschauungen und Absichten von einer Minute auf die andere. Wie können wir das Verhalten des Allmächtigen mit derart menschlichen Zügen beschreiben?

Und noch eine Frage: Warum sagen wir überhaupt nach dem Schofarblasen in der Synagoge „Hajom Jamid Bamischpat“ – dass wir am heutigen Tag, an Rosch HaSchana, Rechenschaft vor G’tt ablegen müssen? Wäre es nicht logischer anzunehmen, dass wir nach Beendigung einer bestimmten Zeitspanne, also am Ende des Jahres, für unser Tun und Handeln zur Verantwortung gezogen werden? Warum geschieht dies aber am Anfang des Jahres?

In Raschis berühmtem Torah-Kommentar zum Schöpfungsbericht verbirgt sich die Grundlage zur Beantwortung dieser Fragen. Die Tora beginnt mit den Worten: „Im Anfang von G’ttes (Elokim) Erschaffung der Welt“ (Bereschit 1:1), worauf Raschi es für nötig erachtet anzumerken, dass hier nicht der mit Seiner Barmherzigkeit assoziierte G’ttesname „HaSchem“ verwendet wird, sondern die Bezeichnung „Elokim“ - die ihrerseits für G’ttes Qualitäten als gerechter Richter steht. Denn im Anfang bestand die Absicht, so Raschi, die Welt auf der Grundlage absoluter Gerechtigkeit (Din) zu erschaffen. Da G’tt jedoch erkannte, dass die Welt unter den Bedingungen tatsächlicher Gerechtigkeit nicht existieren könnte, gab er der Barmherzigkeit (Rachamim) den Vorrang und verband sie mit Gerechtigkeit (denn mit Barmherzigkeit allein, könnte die Welt ebenso wenig existieren, da dann die Eigenverantwortung des Menschen für sein Tun und Handeln und somit seine Fähigkeit der freien Willensentscheidung, die Grundlage für den Sinn des Lebens, keinerlei Bedeutung mehr hätte). Darum heisst es nach der Schöpfung: „Am Tag als Er (HaSchem), G’tt (Elokim), den Himmel und die Erde erschuf“ (Bereschit 2:4) - womit beide Aspekte nebeneinander betont werden. Es bleibt jedoch die Frage, warum all dies für uns überhaupt von Interesse ist. Warum muss uns die Tora mitteilen, dass der Liebe G’tt ursprünglich beabsichtigt hatte, die Welt mit Middot HaDin, den Prinzipien strenger Gerechtigkeit zu erschaffen, wenn er sie letzten Endes doch mit Middot HaRachamim, mit Barmherzigkeit erschuf? Jeder Buchstabe in der Tora hat eine Bedeutung und einen tieferen Sinn; eine zufällige Wortwahl gibt es nicht. Die Tora ist der Bauplan unserer Welt, und somit können wir von allen darin erwähnten Prinzipien etwas für unser eigenes Leben lernen, um in Einklang und Harmonie mit den wie Naturgesetze funktionierenden, spirituellen Mechanismen in dieser Welt zu leben. Wenn die Tora hier (Bereschit 1:1) für G’tt die Bezeichnung Elokim verwendet und später (Bereschit 2:4) beide G’ttesnamen HaSchem und Elokim zusammen, um uns mitzuteilen, wie Raschi demonstriert, dass der Liebe G’tt seine anfängliche Planung, die Welt den Mechanismen strikter Gerechtigkeit zu unterstellen in der tatsächlichen Ausführung zu Gunsten Seiner Barmherzigkeit änderte (und strenge Gerechtigkeit anschliessend hinzufügte), dann muss diese Information eine Bedeutung für uns und unser Leben haben - es fragt sich nur: welche?

Den Schlüssel zur Beantwortung der obigen Fragen gibt uns der Gerer Rebbe Jehuda Arijeh Leib Alter (1847-1905), besser bekannt nach dem Titel seines Werks, der Sfas Emes; er schreibt: „Sof Maaseh BeMachschawa Tchila“ Das Fundament jedweder Handlung besteht aus der Planungsabsicht, die ihr vorausging. Das bedeutet, dass jede Handlung letztendlich von der ursprünglichen Absicht des Handelnden abhängig ist.

Der Liebe G’tt plante die Erschaffung einer perfekten Welt, die innerhalb der Prinzipien absoluter Gerechtigkeit stabil existieren könnte – das war Seine ursprüngliche Planungsabsicht an Rosch HaSchanah. Und, da die Tora der Bauplan der Welt ist, derer wir selbst ein Teil sind, müssen sich an diesem Tag auch unsere Pläne, Vorhaben und Absichten für das neue Jahr am strengen Maßstab der konsequenten Gerechtigkeit messen lassen. Unser jährliches Cheschbon HaNefesch, unsere persönliche Rechenschaftsablage, die Beurteilung unserer Lebensführung und unsere Reue müssen absolut ehrlich und ernst gemeint, und die daraus folgenden, kompromisslosen Besserungsabsichten unseres Verhaltens ebenso perfekt sein. Unsere Intentionen müssen vollkommen rein und ohne Hintergedanken sein, damit wir, angesichts der Middot HaDin, der richterlichen Strenge dieses Tages bestand haben können. An Rosch HaSchana, wenn wir unsere guten Absichten für das neue Jahr erarbeiten, und das ist die Hauptsache um die es an diesem Feiertag geht, müssen wir G’tt zeigen, dass wir es tatsächlich ernst meinen und keinerlei Kompromisse in Erwägung ziehen. Zwar kann es sein, dass die praktische Umsetzung unserer Vorhaben nicht so tadellos funktionieren wird wie wir es uns an Rosch HaSchana vornehmen, aber solange unsere Absichten tatsächlich ehrlich und ernst gemeint sind, wird uns der Liebe G’tt mit Middot HaRachamim, in Seiner Barmherzigkeit entgegenkommen und uns helfen die geplanten Ziele zu erreichen. Der Schöpfungsprozess in dieser Welt ist noch nicht abgeschlossen, und wir sind ein essentieller Partner darin – wobei uns die Tora als praktische Gebrauchsanweisung dient. Wenn wir spirituell etwas in dieser Welt erreichen wollen, muss unsere Planungsabsicht 100% sein; dann, aber auch nur dann, können wir uns darauf verlassen, dass uns der Liebe G’tt bei der Durchführung mit Nachsicht und Milde begegnet und uns auch in schwierigen Situationen beistehen wird.

Wie es mein Lehrer und Raw ausgedrückt hat: Jedes Gebäude braucht ein Fundament um stabil stehen zu können, und jedes Fundament muss gerade sein, damit das Gebäude das darauf ruht nicht einstürzt. Je höher das Gebäude werden soll, desto exakter und gerader muss sein Fundament vorbereitet werden. Bei einem hohen Wolkenkratzer hätte bereits die kleinste Unebenheit im Fundament katastrophale Folgen und würde das Gebäude zum Einsturz bringen. Und so müssen auch unsere Absichten und Vorsätze an Rosch HaSchana, die das Fundament dessen sind was wir im neuen Jahr erreichen wollen, absolut geradlinig, kompromisslos und ehrlich gemeint sein. Was für ein physisches Hochhaus gilt, gilt noch viel mehr für unsere Spiritualität, ein geistiges Gebäude, das „Ad Schemej Schamaijm“, bis in die höchsten Sphären des Himmels reicht.

Von Raschi stammt die berühmte Aussage „Aller Anfang ist schwer!“ (Raschi Schemos 19:5) Haben wir diese viel zitierte Weisheit jemals hinterfragt? Ist nicht vielmehr das Durchhalten, das zu Ende führen eines Vorhabens viel schwerer? Was ist denn schwer zu Beginn eines Vorhabens, wenn wir enthusiastisch und voll Idealismus sind? Die Antwort liegt auf der Hand. Gute Absichten und Vorhaben zu hegen, ist an und für sich nicht schwer; jedoch diese konsequent und bis ins Detail durchzuplanen, alle möglichen Eventualitäten zu berücksichtigen, auf alles realistisch gefasst zu sein und es trotz allem mit der Umsetzung weiterhin ernst zu meinen, das ist schwer. Der Tag Harat Olam, an dem G’tt die Erschaffung der Welt gemäss den Prinzipien konsequenter Gerechtigkeit plante, ist der Tag an dem wir die Besserung unseres Verhaltens und unserer Lebensführung in dieser Welt für das neue Jahr planen. Darum sagen wir „Hajom Jamid Bamischpat“ – heute ist der Tag an dem wir Rechenschaft über unser Leben abgeben! Daher gehören die beiden zusammen: Schöpfung und Gericht!

Nun können wir auch verstehen, was unsere Weisen im oben erwähnten Midrasch meinen, wenn sie sagen, dass Tekiat Schofar, das Schofarblasen an Rosch HaSchana, die Fähigkeit hat, G’ttes Urteil von Middot HaDin (strenger Gerechtigkeit) in Middot HaRachamim (Milde und Barmherzigkeit) abzuändern. Der Ton des Schofars ist ein andauernder Ton, ein einfacher und, wenn richtig geblasen, eindringlicher und bewegender Ton - wie das Weinen eines Kindes, der Ausdruck reiner Emotion, die nicht mit dem Intellekt erfasst werden kann. Wenn wir sprechen, so der Sfas Emes, unterteilen wir den Ton unserer Stimme in Silben. Sprache ist ein Produkt der gedanklichen Fähigkeiten des Menschen, und kann auch nur über den Intellekt verstanden werden. Tief gefühlte Emotionen können per Definition nicht angemessen in Worten Ausdruck finden. Wenn wir an Rosch HaSchana das Schofar blasen, erfüllen wir, wie wir in dem vorangehenden Segensspruch sagen, nicht die Mitzwa das Schofar zu blasen, sondern die Mitzwa „das Schofar zu hören“! Der Ton des Schofars bewegt unsere Emotionen, er berührt uns an einem tiefen Punkt unseres Gewissens, der uns die Schwere und Ernsthaftigkeit dieses Moments, in dem wir vor G’ttes Gericht stehen und um die Akzeptanz unserer Resolutionen und Besserungsabsichten bitten, fühlen lässt. Wir reflektieren den flehenden Ton des Schofars mit Reinheit aus unserem Herzen zu G’tt und bitten Ihn, uns mit Nachsicht und Milde zu beurteilen. Wenn Er sieht, dass nicht nur unsere intellektuellen Absichten und verbal formulierten Vorsätze, sondern auch die von uns kommenden Emotionen rein und authentisch sind, „erhebt er sich vom Kisseh HaDin und setzt sich auf den Kisseh HaRachamim.

An Rosch HaSchana geht es also überhaupt nicht um das vergangene Jahr und was bisher geschehen ist! Das alte Jahr ist vorbei und bei allem was wir uns jetzt vornehmen, geht es um die Zukunft. An diesem ersten Tag des Jahres zeigen wir dem Lieben G’tt was unsere wahren Absichten sind und präsentieren Ihm unsere Resolutionen und Pläne für das neue Jahr   – und nur danach werden wir von Ihm beurteilt. Wenn er sieht, dass wir zu Ihm aus der Tiefe unseres reinen Herzens sprechen und es wirklich ernst meinen, wird er uns den nötigen Beistand geben unsere Ziele im neuen Jahr auch tatsächlich zu erreichen und uns einschreiben „in das Buch des Lebens, des Segens, des Friedens und des guten Unterhalts.“