DER RABBI UND DER IMAM

Als Schlomo Hofmeister, der Stellvertreter des Wiener Oberrabbiners, Imam Ramazan Demir kürzlich auf einer Reise nach Israel begleitete, fanden sie sich auf entgegengesetzten Seiten der Höhle der Patriarchen in Hebron wieder.

Von Binyamin Rose (Mishpacha Magazin 8.6.2016) 

„Er ging zur Moschee auf seiner Seite, während ich das Schacharit in der Synagoge betete“, sagt Rabbi Hofmeister.

Gemeinsam haben sie vor kurzem ein Buch über ihre Reise geschrieben, Reise nach Jerusalem. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt jedoch in Österreich.

Rabbi Hofmeister und Imam Demir haben in Österreich (8,6 Mio. Einwohner), wo die Muslime den Juden in einem Verhältnis von fast 100 zu 1 zahlenmäßig überlegen sind, einen ständigen Dialog ins Leben gerufen. "Ich kenne nur sehr wenige Muslime, die einen Juden kennen, und das halte ich für ein Problem", so Demir, ein gelernter Sozialarbeiter und Seelsorger der geschätzten 1.600 Muslime, die in österreichischen Gefängnissen inhaftiert sind. Die meisten von ihnen sind dort wegen Drogenvergehen oder Diebstahl, aber etwa 30 davon sind aufgrund ihrer Beteiligung am IS inhaftiert.

"Entweder sie unterstützen den IS, oder sie haben für den IS an Orten wie Syrien gekämpft und sind zurückgekommen", sagt Demir durch Rabbi Hofmeister als seinem Dolmetscher. "Mein Ziel ist es, ihnen mitzuteilen, dass es falsch ist, Verbrechen im Namen der Religion zu begehen".

Warum haben sie sich am IS beteiligt?

"Ursprünglich geschah dies aus den üblichen Gründen, die solche Leute eben zu so etwas bringen. Soziale Verwerfungen, mangelnde Bildungs- und Berufschancen und keine finanzielle Sicherheit. Andere, wie die Tschetschenen, waren traumatisiert. Sie alle sind auf der Suche nach Anerkennung, Respekt und Identität. Mit dem IS hatten sie das Gefühl, einen Weg zum Paradies gefunden zu haben".

Warum sind sie wieder nach Österreich zurückgekommen?

"Es gibt einige, die sich angeschlossen hatten und zurück kamen, nachdem sie realisierten, wie schrecklich das alles ist. Sie haben die Hölle auf Erden erlebt und gesagt 'Nie wieder!', aber ich sage ihnen, dass Reue nicht genug ist".

Hatten Sie Erfolg bei ihrer Rehabilitierung?

"Es sind auch solche dabei, die vollständig einer Gehirnwäsche unterzogen wurden und den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Bei denen habe ich keine Hoffnung, dass ich sie aufklären und in irgendeiner Weise wieder auf die richtige Spur bringen kann".

Was motiviert Sie trotz der niedrigen Erfolgsquote weiterzumachen?

"Als religiöser Muslim habe ich eine Verpflichtung, mich für den Frieden einzusetzen. In ihren Köpfen denken sie, dass sie sich für den Islam einsetzen. Was sie wirklich tun, ist, den Islam für politische Zwecke zu missbrauchen. Ich möchte meine Religion verteidigen und den Menschen helfen, sich von diesem Pfad abzuwenden, auf dem sie den Namen des Islam durch das Töten von Menschen schänden".