Der Leiner: Analysen zum Wochenabschnitt der Tora von Arieh Bauer

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Schwebende Könige im freien Fall

 

Zehntausende Kämpfer der Bnei Jisrael ziehen bis an die Zähne bewaffnet in Richtung Midjan. Eigentlich sieht die Lage hoffnungslos aus, sind die Midjaniter doch in der absoluten Überzahl. Aber die Truppe an ausgewählten Soldaten zeigt keine Furcht. Schließlich geht es darum, in Hashems Namen Rache zu üben. Als strategischer Trumpf erweist sich dabei der Heeresführer und Leiter der Operation, General Pinchas Ben-Elasar, der frischgewaschene Kohen, persönlich.

Denn laut Rashi wusste der Namensgeber der Parasha aus der Vorwoche wohl rekordverdächtige militärische Höchstleistungen zu vollbringen. „Man konnte Pinchas Kriegskünste mit der gesamten Armee der Bnei Jisrael aufwiegen“, meint Rashi[1] so auch sinngemäß. Der Mann an der Spitze des jüdischen Regiments zählte demnach noch einmal so viel wie alle Soldaten zusammen und steigerte die Wertigkeit der Truppenkontingente somit quasi um das Doppelte. Ob es jetzt 12.000[2], 13.000[3], oder 24.000[4] einzelne Soldaten waren, wie es die Kommentatoren an dieser Stelle recht lebhaft diskutieren, ist dabei nebensächlich. Pinchas der Eiferer konnte es laut Rashi mit allen aufnehmen!

Nach so einer würdevollen Vorstellung des sagenumwobenen Generals sollte Rashi in seinem Kommentar nun eigentlich höchstens noch mit Lobeshymnen, Ehrenmedaillen oder zumindest einem raschelnden Lorbeerkranz aufwarten. Doch anstatt dessen dreht sich plötzlich der Wind in Rashis Darlegungen: „Warum ging eigentlich Pinchas und nicht Elasar, der Kohen Gadol[5]?“, will er mit einem Mal wissen, und antwortet unverzüglich: „Weil Hashem sagte: ‚Wer damit begonnen hat, gegen Midjan Rache zu üben, möge diese auch zu Ende bringen!‘“ Gerade noch rettet sich Pinchas hier also auf das Tanzparkett der midjanitischen Racheschlacht. Nur gut, dass er damals im Zeltlager die erstbeste Midjaniterin, auf die er gestoßen war, mit dem Speer erlegt hatte. So konnte er nun die Aktion mit der „Lizenz des Primärverteidigers der Bnei Jisrael“ auch zu Ende bringen! Ansonsten wäre der Kohen Gadol laut Rashi wohl der geeignetere Kandidat als Rachegeneral gewesen.

Fanfaren und Trompeten

Nebenbei bemerkt stufte Hashem die Rache gegen Midjan hier als Mizwa ein und lässt so bereits durchklingen, dass es sich bei diesem Gefecht nicht nur um Blutrache, sondern auch um spirituelle Dinge drehte. Doch eines ist nun wirklich ziemlich verwunderlich: Wo sind denn die angesprochenen militärischen Ehren für Pinchas geblieben? Keine Fanfaren und Trompeten für den Mann mit den 24.000 Speerspitzen? Hatte Rashi denn nicht eben erwähnt, dass Pinchas alleine die Schlagkraft einer ganzen Armee hatte? Warum also schiebt er hier die Frage nach der richtigen personellen Besetzung der Racheoperation ein? Als hätte es Elasar tatsächlich besser machen können als Pinchas, der zähnefletschende Speerkrieger und Eiferprofi mit g’ttlichem Abschlusszeugnis?

Zugegeben, Elasar war der Vater von Pinchas. Aber, ob er das Gebot „Vater und Mutter zu ehren“ erfüllt hätte, wenn er seinen Vater in den Krieg schickt, ist wohl eher fraglich. Daher heißt es wieder einmal, ein wenig umherzuschnuppern und sich auf die Suche nach einer Erklärung für Rashis Kehrtwende zu machen. Zuerst Pinchas rühmen und dann in Frage stellen? Was war hier geschehen?

Scharfsinnig und genial

Um bis zum Kommentator Binjan Ariel zu gelangen, muss man nun doch bereits einiges Papier verblättert haben. Denn die klassischen Kommentatoren scheinen sich mit dieser Frage eher weniger abzugeben. Dafür tut sich die Antwort – beziehungsweise die Abhandlung – des Binjan Ariel durch ihre absolute Scharfsinnigkeit und Genialität hervor. Allzu weit musste er allerdings nicht laufen, um seinen Argumentationsfaden im richtigen Nadelöhr einzufädeln. Schließlich setzt er gleich beim nachfolgenden Rashi-Kommentar den ersten Nadelstich an!

Die Tora verrät uns nämlich noch im selben Satz, dass Pinchas ganz besondere „Waffen“ mit sich führte. Die Tora bezeichnet diese bloß als „heilige Gerätschaften“ und geht nicht weiter auf deren zerstörerische oder anderweitig kriegsrelevante Wirkung ein. Nicht so aber unser guter, alter Rashi. Er weiß, womit ein jüdischer General in die Schlacht zieht!

Laserpointer

Obwohl nicht alle Kommentatoren seiner Meinung sind, macht er hier zwei Utensilien aus dem Wüstentempel als Artillerieersatz dingfest: den klobigen „Aron“[6] und den minimalistischen „Zitz“, einen goldenen, schmalen Schmuckstreifen, der die Stirn des Kohen Gadol während der Verrichtung seines Tempeldienstes zierte.

Während der Aron in der Tora auch zuvor als mobiler „Feindesschreck“ Berühmtheit erlangt hat, ist es beim Zitz der erste Auftritt als Mitglied der g’ttlichen Waffenkammer. Fraglich ist jedoch die Funktionsweise des Zitz. Der Aron ist nämlich mit Wunderwirken und übernatürlichen Kräften bestens vertraut. Sogar bei seinem Transport mussten ihn die zuständigen Levi’im nicht einmal in die Hände nehmen, sondern „der Aron transportierte seine Transporteure“, wie es im Midrash heißt. Er hatte also scheinbar genügend Kraft in sich, um sich als unzerstörbarer Rammbock eine Fixposition im Arsenal der jüdischen Wüstenarmee zu sichern. Doch wie sollte so ein „Zitzchen“ seine Feinde in die Flucht schlagen? Etwa als goldener „Blendspiegel“? War der Zitz denn ein frühgeschichtlicher Laserpointer mit dunkelroter Blendgefahr?

Magische Kräfte

Aber es ist noch nicht aller Tage Abend, und schon gar nicht, wenn man Rashi heißt! Denn er zitiert einen abenteuerlichen Midrash, der uns ein wenig über die Begebenheiten aus dem Midjan-Krieg aufklärt: „Auch Bilam war mit den fünf midjanitischen Königen in den Kampf gezogen“, erzählt Rashi sinngemäß. „Durch magische Kräfte ließ er die Könige in der Luft schweben. Auch er selbst schwebte mit ihnen. Doch Pinchas zeigte ihnen den Zitz, und sie fielen aus der Luft hinunter auf die toten Soldaten ihrer eigenen Armeen und starben.“ Welch magischen Kommentar Rashi hier zutage fördert! Pinchas verwendete den Zitz, um schwebende Könige vom Himmel zu holen! Fürwahr eine „Geheimwaffe“, auf die die moderne Kriegsführung sicherlich mit Neid zurückblickt.
Der Binjan Ariel möchte nun auf Basis der magischen Erkenntnis unsere Frage nach den ausgebliebenen militärischen Ehren für Pinchas beantworten: Zuerst erklärt Rashi, dass Pinchas so viel Wert war wie eine ganze Armee, und dann fragt er, warum man eigentlich nicht Elasar geschickt hat? Doch die Antwort auf diese Frage liegt nun in dem sagenumwobenen Zitz und in dem „Abschuss“ der midjanitischen Könige[7].

Aufgabenverteilung

Als Rashi erklärt, dass Pinchas sich mit einer ganzen Armee „aufwiegen“ lässt, hatte er primär nämlich gar nicht seine Schlagkraft im Sinn. Er bezog sich vielmehr auf die Aufgabenverteilung innerhalb der jüdischen Kampftruppe. Pinchas sollte sich um die Könige kümmern, während die Armee gegen das Volk und die Soldaten vorging. Ein jeder König ist dabei genau so viel Wert wie sein Volk, meint der Binjan Ariel ein wenig in Schachspielmanier. Und während die Soldaten um Pinchas nun große Teile der midjanitischen Einwohner bearbeiteten, griff Pinchas deren Könige an, die so viel Wert waren wie das ganze Volk. Schließlich besiegten die Soldaten das Volk und Pinchas „fällte“ die Könige. Damit wäre die Leistung des Pinchas der Leistung der Soldaten eigentlich gleichzustellen, meint der Binjan Ariel. Und das meinte Rashi auch, als er Pinchas mit seinen Soldaten gleichstellte. Sie hatten gleichwertige Aufgaben!

Doch an dieser Stelle war von Wunderwerkzeugen noch gar nicht die Rede. Rashi berührt bis dato nur den Punkt der Aufgabenwertigkeit. Dass Elasar als Kohen Gadol hier etwas zu suchen hatte, war da noch unvorstellbar. Schließlich muss doch jemand im Tempel bleiben, um den heiligen Dienst zu verrichten! Elasar hatte am Schlachtfeld nichts zu suchen, er musste Hashems Haus und Heim behüten. Rashi scheint erst beim zweiten Hinsehen festzustellen, dass Pinchas eigentlich mit dem Zitz arbeitete, der eines der acht Kleidungsstücke war, die ein Kohen Gadol unbedingt für den Tempeldienst brauchte. Die acht Kleidungsstücke waren die Uniform des Kohen Gadols. Wenn er diese nicht vollzählig auf sich trug, war sein Tempeldienst unzulässig! Höchstens ein „einfacher Kohen“ könnte dann noch im Tempel arbeiten, da er nur vier „einfache“ Kleider brauchte!

Der Zitz war jedoch bekanntlich mit Pinchas in die Schlacht gezogen, wie wir aus dem späteren Rashi-Kommentar erfahren. Elasar war somit zum Zeitpunkt des Midjan-Krieges wegen des fehlenden Zitz untauglich für den Tempeldienst! Daher fragt Rashi nun: „Warum ging eigentlich Pinchas und nicht Elasar?“ Wenn der Kohen Gadol nicht Hashems Heimatszelt hüten konnte, wäre er dann nicht besser als „höchster Beamter im Staat“ in den Krieg gezogen, um Hashems Namen zu ehren?

Schwerkraft

Pinchas könnte ja derweil als „einfacher Kohen“ zitzlos den Tempeldienst verrichten! Diese Frage beantwortet Rashi nun treffend: „Weil Hashem sagte: ‚Wer damit begonnen hat, gegen Midjan Rache zu üben, möge diese auch zu Ende bringen!‘“ Der „Auslöser“ der Rache-Mizwa sollte auch derjenige sein, der ihr das i-Tüpfelchen aufsetzt und sie zu Ende bringt. Und das war zweifelsohne Pinchas! Ansonsten wäre tatsächlich Elasar der bessere Kandidat gewesen. Wer weiß, vielleicht konnte er ja mit der „Zitz-Waffe“ sogar besser umgehen als Pinchas. Jedenfalls musste Elasar nun scheinbar entweder einen zitzfreien Tempeldienst verrichten, oder einen anderen „einfachen Kohen“ um Hilfe bitten. In die Schlacht zog definitiv Pinchas in seiner Eigenschaft als primärer Racheinitiator.

Doch so schön diese Abhandlung des Binjan Ariel auch ist, und so gut sie Rashis Verwirrspiel aufzuklären vermag, bleibt noch ein kleines Fragezeichen offen. Denn die erwähnte Schwebeaktion des Midrashs und der „Abschuss“ durch Pinchas muten noch etwas eigenartig an. Während Bilams Intentionen, die Könige „hochgehen“ zu lassen, leichter verständlich sind, muss man zumindest die „Blendaktion“ des Pinchas eingehend hinterfragen. Die Könige während der Schlacht schweben zu lassen war sicherlich als kluger taktischer Zug des Bilam gemeint. Schließlich waren sie oben, im unberührten midjanitischen Luftraum, vor jeglicher Gefahr sicher. Immerhin war lästiges Raketenfeuer im Gegensatz zur heutigen Zeit damals noch nicht an der Tagesordnung. Aber warum bloß musste Pinchas den Tod der Könige gerade durch deren freien Fall verursachen? Als „olympischer Speerwerfer“ wäre ein gekonnter Stoß für ihn doch eine leichte Übung gewesen!

Steinigung

Der Chatam Sofer erklärt jedoch, was es mit der schwerkräftigen Tötungsart auf sich hat. Hashem hatte nämlich gerade diese Strafe für die midjanitischen Könige ausgewählt, weil sie so gut zu deren Verbrechen passt! Sie hatten die Bnei Jisrael zu Abgötterei und Götzendienst verleitet. Hashem hatte die jüdischen Götzendiener daraufhin mit „Steinigung“ bestraft, erklärt der Chatam Sofer. Nicht etwa, dass dies eine leichte Strafe war. Man stellte den Übeltäter dabei auf einen Steilhang, stieß in hinab und bewarf ihn mit groben Felsbrocken. Viel blieb von dem Abgestraften dann nicht mehr übrig!

Die Könige, die die Bnei Jisrael zu einer Straftat, die eine Steinigung nach sich zog, verleitet hatten, sollten nun mit demselben Strafausmaß bestraft werden. Doch woher zaubert Hashem jetzt einen Steilhang her? Doch siehe da! Hier kommt Bilam, Hashems Straf-Joker im midjanitischen Steinigungs-Poker! Er hielt die Schwebeaktion für einen großartigen Einfall, um die Könige zu schützen, doch in Wahrheit war er nur Teil eines g’ttlichen Strafplanes. Die Könige fielen wie Steine vom Himmel, als sie den heiligen Zitz in Pinchas Händen sahen! Sie fielen vom Himmel wie ein Gesteinigter von einem Steilhang und kamen so am Ende doch zu ihrer gerechten Strafe, meint der Chatam Sofer.

Abschreckung
Es war zwar nicht exakt dieselbe Strafe, da die Steinwürfe fehlten, aber auch bei Gesteinigten tötete sicherlich eher der tiefe Fall und nicht unbedingt die nachfolgenden Steine. Diese dienten wohl eher als Abschreckung für Nachahmungstäter. Der Chatam Sofer schmückt den Midrash um die königliche Schweberei also mit einer faszinierenden Einsicht in die Berechnung des g’ttlichen Strafmaßes für Übeltäter jeglicher Sorte.

Doch möglicherweise kann der Chatam Sofer auch uns noch ein wenig Hoffnung in schweren Zeiten für das jüdische Volk geben. In einer Situation wie dieser, deren Ausgang noch völlig unklar ist, schimmert Mashiachs Leuchtsignal stärker als je zuvor durch die schwarzen Rauchwolken des nicht enden wollenden Raketenfeuers. Zwar kennt keiner den wahren g’ttlichen Plan hinter dieser ganzen Misere. Doch eines muss jedermann zu jederzeit absolut klar sein: Es gibt ihn, den g’ttlichen Plan, und er ist gerade in Funktion. Er geht genauso voran, wie Hashem es vorgesehen hat.

„Mumbo Jumbo“

In Zeiten der Verwirrung, der Angst und Panik, zwischen enge, nüchterne Bunkerwände gesperrt, ist das womöglich nicht so leicht nachzuvollziehen. Lasst uns aber die Lehre aus Bilams „Rettungsaktion“ ziehen, die letzten Endes das Todesurteil für die Oberhäupter einer Nation bedeutete, die das jüdische Volk immer und immer wieder zu vernichten versuchte.

Heutzutage ersetzen die Gebete den Tempeldienst vergangener Zeiten. Lasst uns das Gebet finden, das dem Zitz des Tempeldienstes entspricht, und die „schwebenden Könige“ ein für alle Mal vom Himmel holt. Um es mit den Worten meines werten Freundes und Lehrers Awi Blumenfeld zu formulieren, die er mir letzte Woche aus Tel Aviv schrieb (Zitat): „UTshuwah uTfilah uTzdaka mawirin et roah hagserah. Jede Tfilleh kann helfen! Nicht Mumbo Jumbo sondern Tfilah u Saakah min haLew„. Lasst es uns versuchen!


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[1] Bamidbar 31,6

[2] Bamidbar 31,4

[3] Siehe Leiner-Parshezettel auf www.derleiner.com von dieser Woche „Das verschwundene Bataillon“

[4] Siehe Ba’al HaTurim 31,4

[5] Oberster Hohenpriester im jüdischen Tempel; Elasar war der Vater von Pinchas

[6] Bundeslade; Aufbewahrungskasten für die steinernen Gesetzestafeln mit den zehn Geboten

[7] Die Tora berichtet u. a. in Bamidbar 31,8, dass es fünf Könige in Midjan gab