Parashat Shelach Lecha

Der Held der Schattenspiele

von Bernhard Bauer (Autor des Buches "der Leiner"

 

Mächtig, aber unscheinbar zugleich. Dunkel und furchterregend, jedoch ebenso harmlos und vergänglich. Da fliegt ein „Riesengeier“ in Überschallgeschwindigkeit vorbei. Dort öffnet ein „Elefantenkrokodil“ seinen unersättlichen Rachen. Es ist allerdings nur ein kurzlebiger Zauber, die Illusion einer schattigen Wirklichkeit. Denn mit nur einem gezielten Lichtstrahl ist der ganze Trubel wieder aufgehoben und die angsteinflößenden Schatten verschwinden von der Leinwand. Übrig bleiben dann höchstens ein paar kunstvoll überkreuzte Bubenfinger – und natürlich ein unerschrockenes Publikum.

 So ein Schattenspiel hat jedoch in der Tat seinen Reiz. Mit den einfachsten Hilfsmitteln lassen sich bedrohliche Visionen herzaubern, die mitunter für unterhaltsame Höhepunkte sorgen können. Man denke beispielsweise an das lustige Schatten-Kaninchen, das mit seinen breiten Löffeln wackelt. Oder an den kläffenden, schwarzen Fingerspiel-Hund mit der markant spitzen Nase. Doch nicht nur interessante Schattenspiele dieser Art sind zu beobachten. Da tummeln sich beispielsweise noch im weiten Universum Sonne, Mond und der eine oder andere Planet vor einer kosmischen Leinwand. Sie produzieren Schattenspiel-Schlager wie eine Sonnen- und Mondfinsternis, oder einfach nur die altbekannte Neumondsichel.


Ungestüme Vergnügungspark-Besucher können ebenfalls von klug eingesetzten Schatteneffekten berichten, die bereits so manchen Geisterbahnfahrer hochschrecken ließen. Aber auch andernorts – und schon lange, bevor der erste Vergnügungspark seine Karussells anwarf – wusste man über die furchteinflößenden Effekte der Schattenwelten Bescheid. Da waren zum Beispiel die gar nicht wohlgemeinten Erfahrungsberichte der Kundschafter von Moshe Rabbenu, die sich ebenso der dunklen Materie bedienten.


Spionagetechnologie

Dabei hatte alles so schön begonnen. Man stand kurz vor dem Eintritt in das verheißene Land. Lediglich eine improvisierte Spionageoperation trennte die Bnei Jisrael noch von ihrem eigenen Stück Boden. Zwölf Kundschafter sandte Moshe aus, um die geografische, militärische und wirtschaftliche Situation abschätzen zu können. Die Beteuerung des Welterschaffers selbst schien dem hartnäckigen Volk, das dereinst Vorreiter in der Spionagetechnologie-Branche werden sollte, nicht genug. Fakten mussten es sein. Und da damals wohl noch keine ferngesteuerten Flugdrohnen zur Verfügung standen, mussten es eben doch zweibeinige israelische „Bio-Drohnen“ sein, die die Mission der Landeserkundung in ihrem Auftragskalender eintragen konnten.


Nach ihrer Rückkehr von der 40-tägigen Spähoperation wussten die „Drohnen-Menschen“ allerdings nur wenig Gutes vom Lande Kena’an zu berichten. Was nicht etwa heißen soll, dass es nichts Positives zu berichten gab. Ganz im Gegenteil, sogar die Miesmacher unter den Spionen bestätigten die g’ttlichen Angaben über einen reißenden Honig-Milch-Strom und das Vorhandensein leckerer Fruchtsorten, für die das Land Kena’an so bekannt war. Allerdings vermeldeten die Kundschafter zusätzlich noch die Existenz schwer befestigter Städte und unheimlicher Riesenwesen.


Hirngespinste

Zwei der Kundschafter blieben jedoch bei Sinnen und vertraten standfest die Meinung, dass es sich bei den Angaben der anderen Späher um keine sehr vorteilhafte Darstellung der Lage in Eretz Kena’an handelte. Es seien zwar keine echten Hirngespinste, was die zehn Miesmacher da vorbrachten, aber dennoch: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Namentlich handelte es sich bei den zwei Kundschaftern, die Hashem und Moshe hier die Treue hielten, um Kalev und Jehoshua. Während sich Kalev damit seinen Weg in das „Who’s who“ der Bnei Jisrael sicherte, war auch Jehoshua ein toller Karrieresprung beschert. Er wurde letzten Endes Moshes Nachfolger als Anführer des jüdischen Volkes und er war es, der sie schließlich in das verheißene Land führte.

Mit seiner Standhaftigkeit arbeitete er folglich auch für die Zukunft vor. Denn wie hätte es wohl ausgesehen, wenn er als Anführer der Bnei Jisrael nur Jahre zuvor über dasselbe Land geschimpft hätte, in das er sein Volk nun hineinführen wollte?


Sonnenschirme

Die Tora berichtet[1] nun ganz detailliert über Kalevs und Jehoshuas Ehrgeiz: „Fürchtet euch nicht!“, sollen die beiden Helden nach ihrer Rückkehr von der Spähmission der Menge, die eher den Worten der zehn Verräter Glauben schenkte, zugerufen haben. „Wir werden die Landeseinwohner noch wie Brot verschlingen!“, meinten sie weiter sinngemäß. Scheinbar wollten sie mit einer „ausgebackenen“ psychologischen Strategie jeglichen Zweifel zerstreuen. Doch es kam noch besser: „Ihr Schatten ist von ihnen gewichen, Hashem ist mit uns, fürchtet sie nicht!“, lautet der Abschluss der feurigen Rede. Was das wohl für ein Schatten war, auf den die beiden Retter der Nation hier anzuspielen versuchten? Hatten die kena’anitischen Riesenwesen etwa auf den berühmt-berüchtigten israelischen Sandstränden keinen passenden Sonnenschirm für ihre Größe gefunden? War es etwa dieser eklatante Mangel an dem bunt gestreiften Sonnenschutz, auf den die beiden hier anspielen wollten?


Der Sefat Emet lässt sich jedoch von keinem Sonnenschirm-Argument blenden. Er erklärt nämlich, dass Kalev und Jehoshua hier in Wahrheit etwas ganz anderes ausdrücken wollten: Es war alles nur ein Schattenspiel! Die beiden Abwehr-Agenten wollten hier gewissermaßen kundtun, dass die Befürchtungen der anderen Kundschafter sich schon bald als reine Panikmache erweisen würden. „Lasst uns in das Land ziehen und ihr werdet sehen, wie die Ängste und Sorgen der anderen Kundschafter sich wie ein ausgeleuchteter Schatten in Luft auflösen werden“, könnten sie dem besorgten Volk zugerufen haben, „es waren nur flüchtige Schatten, die die zehn Spione hier als bedrohlich empfunden haben.“ Das meinten die beiden also mit „ihr Schatten ist gewichen!“ Die anderen zehn Kundschafter hatten ja beinahe schon Angst vor ihrem eigenen Schatten!


Beschützer

Eine recht wohlbeschattete Erklärung also, die der Sefat Emet hier ans Tageslicht bringt. Doch so nett diese Schattenspiel-Idee auch ist, so sehr plagt einen der Drang nach einer tieferen Erklärung. Aber möglicherweise muss man seinen Blick gar nicht allzu weit schweifen lassen, um seine Neugierde etwas zu beschwichtigen. Denn bereits der „ortsansässige“ Rashi-Kommentar erhellt den fragelustigen Schatten über der Rede Kalevs und Jehoshuas mit Erfolgsgarantie.


Wie Rashi erklärt, meinten die beiden „guten Agenten“ mit dem „gewichenen Schatten“ nämlich etwas ganz anderes. Der Schatten wird vor allem an heißen Tagen wie den vergangenen und womöglich auch den kommenden bekanntlich gerne als Schutz vor der prallen, stechenden Sonne in Anspruch genommen. Eine ganze Stadt wird bei hohen Temperaturen schnell zu „Schattenparkern“ und „Schattenwalkern“. Der Schatten dient als Schutz! Daher wagt Rashi nun,  das Wort „Schatten“ gleich direkt als „Schutz“ oder „Beschützer“ zu interpretieren. Anstatt: „Ihr Schatten ist von ihnen gewichen“ setzt Rashi ein: „Ihr Beschützer weilt nicht mehr unter ihnen!“ Mit „Beschützer“ meint Rashi jedoch sicherlich kein weiteres Riesenmonster mit sieben scharfen Klauen, einem dornenbesetzten Schwanz und natürlich den klassischen feuerspeienden Fähigkeiten. Laut Rashi geht es hier vielmehr um einen „kosheren“ Menschen, einen Zaddik, einen Gerechten, der seine schützende spirituelle Hand über die Landesbewohner legen konnte und aufgrund dessen Verdienste Hashem eine Landeseroberung unterbinden würde. „Ihr Beschützer weilt nicht mehr unter ihnen“, sollte in den Bnei Jisrael daher wieder das Vertrauen aufbauen, dass das Land Kena’an derzeit sehr wohl zur Eroberung bereit stünde.


Baumsuche

Im Übrigen war der Beschützer-Aspekt, den Kalev und Jehoshua hier laut Rashi ins Spiel brachten, nichts Neues in dieser Episode. Schon beim Auftragsbriefing hatte Moshe alle zwölf Kundschafter explizit dahingehend angewiesen, nach solchen Menschen Ausschau zu halten. Allerdings ist sogar diese „explizite“ Anweisung etwas tiefer in die offensichtliche Bedeutung des Textes eingewoben: Die Mission, mit welcher Moshe die Kundschafter beauftragte, sollte nämlich nicht nur militärische Positionen ausspähen, sondern unter anderem auch über den vegetativen Zustand des Landes Auskunft geben[2].


Da war es beispielsweise vonnöten, nachzusehen, ob es dort Bäume gab. Dass man dafür wohl nicht gleich sein bestgehütetes militärisches Geheimnis – die angesprochenen „Bio-Drohnen“ – ins Feld schicken müsste, wäre eigentlich selbstverständlich. Immerhin scheint es zumindest ziemlich wahrscheinlich, dass sich einige der braunen Tiefwurzler tatsächlich im Lande Kena‘an aufhielten. Doch Moshe meinte es durchaus ernst: Seine Agenten sollten nach Bäumen Ausschau halten!


Hiobsbotschaft

Nun ist es wirklich nicht so, als würde Rashi keine bessere Erklärung einfallen, als immer nur „koshere Menschen“ ins Spiel zu bringen. Dennoch scheut sich Rashi nicht, zu erklären, dass Moshe hier nicht wirklich nach Bäumen, sondern in Wahrheit nach „Gerechten“ suchen ließ. Einerseits ist dieser „Zaddikim-Hype“ Rashis wenig verwunderlich, da er wohl selbst ein Gerechter war, der sein Land beschützen konnte. Andererseits leuchtet einem der Zusammenhang zwischen der Vegetationsspionage und einem spirituellen Messunterfangen mit Zaddik-Detektor nicht sofort ein. Hatte Moshe mit den „Bäumen“ wirklich die „kosheren Menschen“ gemeint?


Die Kommentatoren – wie zum Beispiel der Siftei Chachamim – können diesen vermeintlich fehlenden Zusammenhang jedoch meisterhaft herstellen. Denn Rashi erklärt in seinem zuerst erwähnten Kommentar zur aufregenden Rede von Kalev und Jehoshua weiter, dass es sich bei dem verstorbenen „Beschützer“ um keinen Unbekannten gehandelt hat. Rashi erwähnt hier vielmehr eine Person, die sich ihren Rang und Namen als Gerechter und Zaddik sogar weit über die Sphären der jüdischen Welt hinaus erkämpft hat. Es handelt sich dabei sogar um niemand geringeren als den weltberühmten „Ijov[3]“ persönlich! Wobei man nun nicht unbedingt eine „Hiobsbotschaft“ zu befürchten hat.


Laut Rashi, der eine Gemara[4] zitiert, war bloß Ijov der Beschützer, dessen Verdienste so groß waren, dass er sogar die Bnei Jisrael daran gehindert hätte, das Heilige Land zu erobern! Dabei hatte Hashem es ihrem Urvater Avraham schon über 400 Jahre zuvor versprochen! Ijovs erhabener spiritueller Status hätte die Einlösung dieses Versprechens aber beinahe noch verschoben. Er starb daher quasi genau zum richtigen Zeitpunkt, um die Ankunft der Bnei Jisrael im Land ihrer Bestimmung nicht zu verhindern. Ijov war der gewichene Schatten und Beschützer aus Kalevs und Jehoshuas Rede! Der leidgeplagte Ijov stammte dabei ursprünglich aus dem Lande „Utz“, das sich im hebräischen wie „Etz“ – Baum – schreibt. Er ist scheinbar erst später nach Kena’an übersiedelt. Die Gemara4 bemüht sich nun, eine interessante Parallele zwischen „Utz“ und „Etz“ aufzudecken: Ijov, der Zaddik aus „Utz“, hatte ein Leben, so lang wie ein „Etz“ (Baum). Mit dem Baum, nach dem die Kundschafter laut Missionsauftrag Ausschau halten sollten, war damit unweigerlich auch Ijov gemeint, erklärt der Siftei Chachamim. Ijov, der „koshere Mensch“, lebte „so lang wie ein Baum“ und glich damit einem Baum.


Schwarzmalerei

Bekanntermaßen war es aber tatsächlich nicht Ijov, sondern die Bnei Jisrael selbst, die ihre Ankunft in Eretz Jisrael hinauszögerten. Aufgrund ihrer Sünde, an die Schwarzmalerei der zehn Kundschafter zu glauben, wurde die Landnahme nämlich um traurige 40 Jahre verschoben. Rabbi Shmuel Eidels, auch bekannt als der „Maharsha“, erklärt in seinem Kommentar zu der oben erwähnten Gemara, warum sich so ein „Zaddik-Leben“ eigentlich gerade auf eine „Baumlänge“ erstreckt. Er schreibt, dass die Lebtage eines Zaddiks nur so vor Taten, die Ewigkeitscharakter haben, strotzen und diese seinen „Lebensbaum“ weit in die Höhe wachsen und zugleich tiefe Wurzeln treiben lassen. Ein Zaddik-Leben ist stabil und solide wie ein Baum! Das Leben eines Rashas – eines Bösewichts – wiederum gleicht da eher kurzlebigem Gras. Denn die Taten eines Bösewichts haben keinen Ewigkeitscharakter. Er läuft bloß den Gelüsten und Genüssen des irdischen Lebens nach und es bleibt ihm außer dem „Gefühl des Moments“ kein langfristiger Nutzen von seinem Treiben auf dieser Welt.


Möglicherweise kann man nun auf Basis dieser baumigen Verknüpfung des Maharshas auch eine interessante Lehre aus Rashis Interpretation bezüglich „Schatten“ und „Beschützer“ ziehen. Vielleicht möchte uns die Tora ja auch hier eine ihrer speziellen Botschaften übermitteln. Die eigenen Taten können – wenn es schlecht läuft – mal kurzlebig wie ein Schatten sein. Wenn es aber gut läuft, werden diese Schatten zu baumgleichen „Beschützern“ umgepolt. Ganz so, wie unsere Weisen sagen: Teshuva – Rückkehr zu Hashem – macht aus Sünden Verdienste! Eben so wie bei Ijov, den Rashi von einem „Schatten“ zum „Beschützer“ und zu einem „Baum“ verwandelt. Insofern wäre Ijov, der sich niemals von seiner Schattenseite zeigte, sicherlich der wahre Held in unserem Schattenspiel. Lasst daher auch uns endlich über den eigenen Schatten springen und ein für alle Mal den bunt gestreiften Sonnenschirm des Mashiachs aufspannen, Bimhera Bejamenu, Amen!

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[1] Bamidbar (14,9)

[2] Bamidbar (13,20)

[3] Leider würde eine nähere Schilderung über diesen wundersamen Mann hier den Rahmen sprengen. Daher nur kurz angerissen: Ijov war ein höchst erfolgreicher und sehr g’ttesfürchtiger Mann, der alles hatte, was man sich nur wünschen kann. Der böse Satan beschloss Ijovs G’ttesfurcht herauszufordern. Hashem ließ den Satan an Ijov heran. Dieser nahm ihm alles, was ihm lieb und teuer war, und setzte ihm auch körperlich hart zu. Dennoch blieb Ijov stets Hashem treu und überstand die Versuchungen des Satans. Hashem segnete ihn daraufhin erneut mit allem Guten. „Ijov“ ist eines der Prophetenbücher des Tanachs.

[4] Bava Batra 15a