Parashat Korach


Duftende Rauchsignale

von B. Bauer-aus dem Buch "Der Leiner"

Frühlings-Aufstände sind modern. Tunesien, Ägypten oder Libyen können ein Liedchen davon singen. Sogar in der Türkei lag im letzten Jahr ein wenig Rebellion in der schwülen Sommerluft. Allen gemeinsam ist wohl die schlagkräftige Art, mit den Aufständen umzugehen.

Heerscharen in schnittigen Kunststoffrüstungen ziehen aus und versuchen ihre Ehre mit wässrigem Hochdruck und stechendem Tränengas zu verteidigen. Bei Korachs Frühlings-Aufstand gegen Moshe wird jedoch von einer etwas anderen Abwehr-Strategie berichtet. Diese ist zwar etwas sanfter als die Knüppelschläge im Gezi-Park, stellt einen beim näheren Hinsehen aber dennoch vor einige Rätsel. Doch zunächst zu den Fakten.

Korach, der Aufmupf-Initiator, der dieser Parasha ihren Namen gibt, war eigentlich kein Unbekannter am politischen Parkett der Wüstennation. Er gehörte sogar zu Moshe Rabbenus Verwandtschaft und leitete unter anderem das Logistik-Team, das den „Aron“ – die Bundeslade aus dem innersten Heiligtum des Tempels – transportierte. Ihn plagte jedoch ständig nur ein Gedanke: War durch die Annahme der Tora nicht in Wahrheit das ganze jüdische Volk ein „Kraftpaket“ an Heiligkeit – „Kedusha“ – geworden? Hatten sie es als auserwähltes Volk tatsächlich notwendig, sich einem Menschen aus Fleisch und Blut zu unterjochen? Nein und nein!

Der Gedanke breitete sich in Korach aus, nahm ihn vollständig ein. Wo er auch nur hinkam, war es sein einziges Gesprächsthema. „Seinen Bruder Aharon hat er zum obersten Priester ‚Kohen Gadol‘ gemacht“, höhnte er, „und seinen Cousin Elizafan zum Stammesfürsten! Nichts als Freunderlwirtschaft! Reiner Nepotismus! Korrupte Bande aber auch!“, könnte Korach im Stile eines Urwiener Taxlers geschimpft haben. Unglücklicherweise blieb sein eifersüchtiges Gequake aber nicht unerhört. Zahlreiche Schaulustige aus der Nachbarschaft strömten heran. Zu guter Letzt hatte sich bereits eine Schar von 250 Anhängern für seinen Aufstand zusammengetan.

Offene Karten Doch Moshe meisterte die Situation staatsmännisch und spirituell erhaben zugleich. Zwar zeigte er sich ziemlich besorgt, dass Hashem vielleicht nicht mehr auf ihn hören würde, wenn er ihn nun um Vergebung für das aufmüpfige Volk bitten würde. Schließlich war es bereits der vierte Zwischenfall in der jungen Geschichte des jüdischen Volkes. Aber andererseits reagierte Moshe doch sehr klug und gelassen. Er rief weder Gummiknüppel-Ritter noch Tränengas-Panzer auf den Plan. Er betrieb keine Schmutzkübelkampagne in den Medien und zog nicht an dunklen Fäden im Hintergrund. Moshe spielte lieber mit offenen Karten.

„Morgen Früh kommt es zum großen Showdown“, ließ er vor Korachs Schar verlauten.[1] „Wir treten zu einem Pfannenwettkampf an! Danach wird alles klar sein!“ Jeder Einzelne der 250-köpfigen „blauen Fraktion“[2] sollte sich dabei ein pfannenartiges Räuchergefäß, wie es im Heiligtum verwendet wurde, zur Hand nehmen. Darin sollte nun jeder eine spezielle „Ketoret“-Gewürzmischung in Rauch aufgehen lassen. Dabei würde Hashem sich zeigen, und kundtun, zu wem er hält, meinte Moshe. Korach willigte ein, insgeheim hoffend, dass Hashem sich für ihn entscheiden würde.

Unterirdisch Moshe, der das böse Ende kommen sah, versuchte nochmals, die Gruppe zu beschwichtigen, um Schlimmeres zu vermeiden. Aber es war zwecklos. Herrschsucht und Überheblichkeit ließen jeden Rettungsversuch scheitern.

Die Räuchererfahrung in der nächsten Früh brachte schließlich tatsächlich nichts Gutes für Korach und seine Mannen. Hashem meldete sich wie geplant zu Wort, bestätigte Moshe und Aharon in ihren Ämtern und die ganze Bande wurde im Schnellverfahren unter die Erde gebracht – im wahrsten Sinne des Wortes!

Die Kommentatoren übertrumpfen sich nun in der Folge mit ihren tiefsinnigen Weisheiten über die innere Beschaffenheit dieses Konfliktes zwischen Moshe und Korach.

Streitlust Die Geschichte würde einem die Folgen von Eifersucht, Streitlust und zwanghaftem Neid nur allzu gut vor Augen führen, meinen viele von ihnen. Und das ist sicherlich die „Hauptlehre“, die man aus den Erzählungen über den Aufstand ziehen kann. Doch nur wenige Kommentatoren analysieren die etwas fehl am Platz scheinende Abwehrmethode von Moshe selbst. Räucherwerk gegen Aufständische? Ob das im Gezi-Park genauso funktioniert hätte?

Rav Daniel Tirni, italienisch-stämmiger Autor des Tora-Kommentars „Shem Olam“ [3], ist dabei sicherlich nicht der Einzige, der sich dieser Frage annimmt. Seine Erklärung der Ketoret-Szene lässt die ganze Angelegenheit aber durchwegs in einem neuen Licht erscheinen. Dazu bedient er sich einiger interessanter Tatsachen, die es mit dem Räucherwerk auf sich hat.

Würziger Rauch „Ketoret“ ist nämlich ganz und gar keine „dahergelaufene“ Darbringung. Erstens ist sie eine von wenigen, die nicht verspeist wird und auch nicht aus Nahrungsmitteln besteht. Zwar finden sich von den elf Gewürzen, die zusammen die wohlriechende Mischung ausmachen, auch heutzutage noch einige in den Gewürzschränken guter Köche wieder. Aber nicht alle Inhaltsstoffe waren zum genüsslichen Verzehr geeignet. Außerdem wurde die Ketoret auch nicht am klassischen Altar im Hof des Heiligtums, sondern auf einem besonderen goldenen Altar im inneren Heiligtum dargebracht.

Einmal im Jahr – am „Jom Kippur“ – gelangte die Ketoret schließlich zu besonderem Ruhm. Der Kohen Gadol spazierte da mit einer Ketoret-Räucherpfanne in der Hand in den innersten Kern des Heiligtums[4]. Der Rauch der Ketoret füllte dann das ganze „Kodesh HaKodashim“ an. Im verrauchten Abteil, hinter schweren Vorhängen, aber trotzdem vor dem geistigen Auge der Bnei Jisrael, sollte der Kohen dann auch Gebete für das Wohlergehen des gesamten Volkes sprechen. Zusätzlich zu diesem ruhmreichen Auftritt am Tag der Sühne spielte die Ketoret aber auch unterm Jahr eine würdevolle Rolle. Zweimal täglich wurde eine Ketoret-Mischung im inneren Heiligtum zum Rauchen gebracht.

Crowd-Control Bei solch illustren heiligen Aufgaben wird nun immer klarer, dass es sich bei Moshes „Geheimwaffe“ nicht um eine beliebige „Crowd-Control“-Maßnahme handeln kann. Vielmehr dürfte sich hier ein wohlbehütetes Geheimnis hinter dem Deckmantel der Räucherpfannen verbergen. Glücklicherweise hat es sich der „Shem Olam“ zur Aufgabe gemacht, diesen zu enthüllen. Dazu wirft er allerdings noch einen Blick auf ein Gebot, das mit der Ketoret zusammenhängt.

Die Ketoret-Mischung wird in der Tora an sich recht ausführlich beschrieben. Der betreffende Abschnitt hat mit einigen Zusätzen aus der mündlichen Lehre sogar Einzug in das tägliche Morgengebet gefunden. Dort erwähnen wir allmorgendlich den Fakt, dass das Fehlen nur einer Gewürzzutat fatale Folgen haben kann. Eines der höchsten Strafmaße der Tora ist nämlich für das Auslassen auch nur einer Zutat vorgesehen. Ob und wie oft die Todesstrafe in diesem Zusammenhang wirklich ausgesprochen wurde, sei nun dahingestellt. Wichtig ist, dass die Tora hier mit Vehemenz ausdrücken will, dass alle – aber wirklich alle – elf Gewürze auch in der Mischung vorhanden sein müssen!

Esoterik-Shops Bei einem davon, dem „Chelbena“-Gewürz, ist dies jedoch höchst verwunderlich. Rashi[5] erklärt, dass es diese Zutat heutzutage nämlich sicher nicht zu einem Verkaufsschlager in den wie Pilze aus dem Boden sprießenden Esoterik-Shops gebracht hätte. Denn Chelbena – im Deutschen „Galbanharz“ genannt – hat einen durchwegs unangenehmen Geruch. Der Urwiener Taxler hätte einen Kohen Gadol, der Galbanharz mit sich führt, wahrscheinlich recht rasch aus seinem Wagen gebeten. Und das sicherlich nicht, ohne zuvor noch seine Meinung über die „mirchtelnden“ und „fäulenden“ Ausdunstungen kundzutun und den einen oder anderen Kommentar über die himmelblaue „Panier“ des Kohens fallen zu lassen.

Warum aber wollte die Tora ausgerechnet so eine übelriechende Zutat in dieser distinguierten Gewürzmischung unterbringen? Anstatt nur wohlriechende, aromatisch duftende Ingredienzen zu verwenden, die einer solchen Darbringung auch würdig sind, soll sich da ein fauliger Hauch zwischen die edlen Gerüche mischen? Und das ganze sogar unter Strafandrohung? Doch Rashi „lüftet“ diesen mysteriösen Dunstschleier, der sich über der Ketoret-Zusammensetzung gebildet hat.

Skepsis Das Galbanharz in der Ketoret-Mischung sollte nämlich in Wahrheit eine äußerst wichtige Botschaft übermitteln. Und zwar nicht nur den Kohanim des Beit HaMikdashs vor etwa 3.000 Jahren, sondern dem ganzen jüdischen Volk für alle Generationen, bis in heutige Zeiten und weiter: „Die Einbindung von Chelbena zwischen die Gewürze der Ketoret soll uns lehren, dass wir etwaige Sündiger nicht mit einem skeptischen Blick betrachten, wenn sie gemeinsam mit uns beten und fasten. Man soll sie vielmehr zur Gemeinschaft dazuzählen!“, erklärt Rashi und lässt den fauligen Dunstschleier somit plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Das faulige Galbanharz birgt nämlich diese Botschaft der Solidarität zwischen den „braven Juden“ und den Sündigern in sich: „Ihr gehört zu uns, wir sind nur gemeinsam stark!“, sollen diese den Sündigern zurufen, wenn sie sich eines Tages besinnen und doch den Weg in die Synagoge finden. Das Beeindruckende daran ist, dass hier nicht irgendein – ich bitte um Verzeihung für den Ausdruck – „Unterkorban“ ausgewählt wurde, um dies mitzuteilen, sondern gerade dieser „Überkorban“ der Ketoret. Und das ist sicherlich ein gewaltiges Zeichen der Zuneigung, das Hashem seinem Volk hier zuteilwerden lässt. Er verstößt die Sündiger nicht, sondern wartet geduldig auf deren Rückkehr, auf deren Verwandlung zu einem wohlriechenden, blumigen „Odeur“.

Eigentor Moshe Rabbenu verwendete daher genau diese Darbringung als „Abwehr“, um Korach nun vor das folgende ketoretspezifische Problem zu stellen, meint der „Shem Olam“: Wird Korach das Chelbena-Gewürz in der Ketoret-Mischung akzeptieren? Dann schießt er sich damit ein Eigentor! Denn laut Korach war ja das ganze Volk durch die Tora-Annahme „heilig“ geworden. Echte Sündiger können jedoch vorerst noch nicht als „heilig“ angesehen werden. Zwar soll man sie sehr wohl einbinden und dazurechnen. Doch bei der „Kedusha“ hapert es bei Sündigern noch.

Das Chelbena in der Ketoret symbolisiert jedoch genau die Sündiger. Es ist ein fixer Bestandteil der Mischung und man darf es auch nicht einfach so weglassen. Korachs Argument, dass ein „heiliges Volk“, das die Tora angenommen hat, gar keinen Anführer braucht, verwelkt daher wie ein Löwenzahn. Denn aufgrund der „Sündiger“ braucht das Volk sehr wohl einen Anführer, der es aus dieser Bredouille rettet! Will Korach andererseits aus diesem Grund das bedrohliche Chelbena ganz weglassen, so gebührt ihm erst recht die Todesstrafe, die auf das Auslassen einer Ketoret-Zutat steht!

Feinmechanik Korach kam somit in eine echte Zwickmühle, die ihn vor ein schier unlösbares Problem stellen sollte! In der Tat brachten Korach und seine Gefolgsleute schließlich die gesamte Ketoret-Mischung in ihren Pfannen zum Räuchern und schossen sich somit das genannte Eigentor, welches ihrem Treiben ein jähes Ende setzen sollte. Moshes „Crowd-Control“-Maßnahme hatte somit eindeutig gewirkt und basierte dabei im Hintergrund auf den allerfeinsten spirituellen Mechanismen.

Die übrig gebliebenen Räucherpfannen der Schar wurden anschließend allerdings überraschenderweise für heilige Zwecke verwendet. Aus ihnen wurde dem äußeren Altar[6] eine neue Außenhülle verpasst. Das Verwunderliche ist hier jedoch, dass die Korach-Gang alles andere als heilige Ziele im Sinn hatte und ihre Pfannen dennoch für das Heiligtum verwendet wurden. Auch der Ramban fragt, warum die Räucherpfannen im Nachhinein als „heilig“ genug für den Misbeach betrachtet wurden?

Misbeach-Panier Im Werk „Levi’at Chen“ wird die Frage jedoch auf recht solide Art beantwortet: Durch die Pfannen wurden schließlich im Endeffekt klare Verhältnisse geschaffen. Es wurde klar, wer jetzt die richtigen Anführer und Hohenpriester sind. Damit wurde Hashem eindeutig etwas Gutes getan und sein Name wurde dadurch geheiligt. Die Pfannen waren somit sehr wohl an einer „heiligen Aktion“ beteiligt und wurden damit auch selbst „heilig“. Daher waren sie jetzt auch dazu würdig, in eine neue Form gegossen zu werden und fortan als „Misbeach-Panier“ die Stellung zu halten.

Erstaunlich ist dabei, dass sogar diese „Pfannen-Heiligung“ Sündiger in den Mittelpunkt stellt. Nicht nur, weil diese aus dem sündigen Handeln Korachs hervorgingen, sondern auch, weil es die Pfannen ohne die oben erörterte „Sündiger-Zwickmühle“ wohl nie geschafft hätten, überhaupt als Überzug für den Misbeach6 zu enden. Und dies könnte uns natürlich wieder einmal zu einer interessanten Lehre führen, die man womöglich noch aus der Korach-Story ziehen kann.

Mini-Korach Denn jeder Mensch hat gewissermaßen auch einen „kleinen Korach“ in sich stecken. Sei es jetzt bei kleinen Streitereien, die sich bei menschlichen Interaktionen naturgemäß ergeben können, oder bei den „inneren Konflikten“ einer Person selbst. Vielleicht ist ja sogar ein Teil des „Jezzer Haras“ – des bösen Triebs – wie ein kleiner Mini-Korach, der die Verfechter der Tora – und zu guter Letzt wohl auch die Tora selbst – verhöhnt. Wie ein „innerer Korach“, der versucht, einen gegen die „Erfüllungsgehilfen“ von Hashems Weltenplan und gegen diesen Plan selbst aufzubringen.

Die Frage ist nur: Wie bringt man „seinen“ Korach schließlich und endlich zum Schweigen? Schlagstöcke oder Tränengas werden hier sicher nicht helfen. Dem Korach-Jezzer seinen Raum zu geben, kann hingegen sogar zu einem inneren Frühlings-Aufstand führen. Denn umso mehr Freiraum man dem bösen Trieb gibt, desto eher wird er sich ein „Sicherheitsleck“ finden, durch das er in das Kedusha-Netzwerk eines Juden eindringen kann.

Umkehrschub Inspiriert von Moshe Rabbenus Ketoret-List lässt sich hier aber möglicherweise doch eine geeignete Methode finden: Nämlich einfach den Jezzer in seiner persönlichen Kedusha-Arbeit ein wenig „miträuchern“ zu lassen und schließlich aus dem „Bösen“ einen Überzug für seinen privaten, inneren Misbeach zu machen! Denn so wie die Chelbena ein Teil der Ketoret ist, können auch die eigenen Sünden und der Trieb dazu zum Guten genutzt werden. Man kann seine eigenen Schwächen in Bezug auf den Dienst an Hashem in Stärken umwandeln und diese schließlich in seine „Kedusha“ miteinbinden!

Dazu ist es allerdings zuerst notwendig, dass man sich seine Schwachstellen auch eingesteht. Ein Prozess, der übrigens jeder Teshuva – Rückkehr zu Hashem – vorausgehen muss. Doch mit der verwirklichten Teshuva werden schließlich alle Sünden, auf die man ab nun verzichtet, in glitzernde Verdienste umgewandelt. Und das sind fürwahr „duftende Rauchsignale“, die die Ketoret uns bis heute noch senden kann. Wo der Mashiach bereits am Straßenrand zur Abholung bereit steht, gilt es, keine Zeit mehr zu verlieren. Denn ehe wir es uns versehen, wird er sich ein „Urwiener Taxi“ heranpfeifen und mit einem knappen „Jerusalem, bitte“ das Zeitalter der endgültigen Erlösung einläuten, Bimhera Bejamenu, Amen! (Arieh Bauer)

http://www.DerLeiner.com

 



[1] Bamidbar 16,5. Sinngemäß dargestellt, keine Übersetzung.

[2] Korachs Schar kleidete sich laut dem Midrash in himmelblaue Mäntel.

[3] Petrikov, 1929

[4] „Kodesh HaKodashim“

[5] Shemot 31,34, Par. Ki Tissa

[6] Zentrale Darbringungsstätte im Beit HaMikdash, hebr. „Misbeach“