Auf der spirituellen Achterbahn

aus: 

Der Leiner: Analysen zum Wochenabschnitt der Tora-  von Arieh Bauer

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Eine gewisse Zahl schlängelt sich seit letzter Woche in gekonnter Art und Weise durch die Wochenabschnitte: Die Acht. In ihrer Eigenschaft als doppelrunde Endlosschleife gibt die Acht der vorigen Parasha („Shemini“) ihren Namen und ist auch in dieser Woche an prominenter Stelle vertreten. Denn noch in der „Einfahrt“ zur dieswöchigen Parasha wird das Beschneidungsgebot „Brit Mila“ am achten Tag nach der Geburt propagiert.

Anders als in Parashat „Shemini“, wo sich die Acht auf den achten Tag der Tempeleinweihungszeremonien bezieht, hat der „Beschneidungsachter“ auch heute noch großen Aktualitätswert. Sogar den heiligsten Tag der Woche, die Oase der schlemmerhaften Familienidylle, den illustren Shabbat, weiß das Gebot, gerade am achten Tag zu beschneiden, zu verdrängen. Wobei „verdrängen“ hier nicht wirklich die richtige Wortwahl darstellt.

Denn Rav Shimshon Rafael Hirsch erklärt, dass der Shabbat sich nicht „verdrängen“ lässt, sondern vielmehr strategisch klug handelt, wenn er den roten Faden seiner Verbote vom Messer des Mohels beschneiden lässt. Um die „Strategie“ dahinter entschlüsseln zu können, lohnt sich dabei ein kurzer „Blick hinter die Kulissen“. Eines der vielen wohl durchdachten Shabbat-Verbote ist das Verursachen einer blutenden Schnittwunde. Und das ist es wohl, was dem Neugeborenen an delikater Stelle zugefügt wird, wenn man die Brit Mila vornimmt. Aber falls eine Geburt an einem Shabbat stattfindet, so wird die Beschneidung - sofern der Gesundheitszustand des Kleinen dies zulässt - dennoch am darauf folgenden Shabbat durchgeführt, trotz Schnittwundenverbotes.

„Shabbat-Maniker“ Wie verwunderlich dieser Fakt in Wahrheit ist, liegt allerdings nach kurzer Überlegung bereits auf der Hand. Woche für Woche vollbringt das jüdische Volk seit Jahrtausenden logistische Meisterleistungen, um sich entsprechend auf Shabbat vorzubereiten. Minimalste Bewegungen können aus dem Shabbat-Hüter bereits einen Shabbat-Brecher machen. Eine Reißbewegung in die falsche Richtung, ein Knopfdruck auf das falsche Knöpfchen, oder sogar ein schlichtes Wegzupfen eines Hautrestchens können eine hochgradige Verletzung des Shabbat-Reglements darstellen.

Das jüdische Volk lebt seit Jahrtausenden für den Shabbat. Alles dreht sich um den Shabbat. „Shabbes-Zimmer“, „Shabbes-Hosen“, „Shabbes-Schuhe“, „Shabbes-Platte“, „Shabbes-…“ ­ was auch immer es sein mag. Sogar Haman, der Bösewicht aus der Purim-Story, soll König Achashverosh unter anderem mit dem Argument überzeugt haben, dass die Juden regelrechte „Shabbat-Maniker“ wären. Ein echter „Shabbat-Streiter“ würde sogar kilometerlange Umwege gehen, um ein kleines Verbot nicht zu übertreten. Der „Shabbat-Maniker“ aus Hamans Propagandakistchen bleibt im Falle einer verspäteten Landung an einem Freitagnachmittag über Shabbat lieber am Flughafen auf einer gemeinen Wartebank, als Shabbat brechen zu müssen, um in sein bequemes Zuhause zu gelangen.

Expansionsdrang Wie also kann man hier für die Brit Mila eine Ausnahme gestatten? Klar, es gibt sehr wohl Ausnahmen, für welche die Halacha die Shabbat-Verbote aufhebt. Sei es nun ein medizinischer Notfall oder sonst eine lebensbedrohliche Situation. Aber um einem kleinen, hilflosen Baby eine blutende Wunde zuzufügen? Doch wie Rav Hirsch eben meint, fußt die spektakuläre Ausnahme auf einer klugen strategischen Entscheidung der Halacha. Denn durch die Durchführung der Brit Mila wird Shabbat nicht etwa gebrochen. Er wird dadurch vielmehr erweitert!

Die Brit Mila beschert dem Shabbat noch einen zusätzlichen „Shabbat-Streiter“, vergrößert so seinen Einflussbereich und beschert ihm auf dem Weg zum „erfolgreichsten Ruhetag aller Zeiten“ gehörigen Rückenwind! Die Brit Mila ist ein Bund mit Hashem und damit auch ein Bund mit Shabbat. So gesehen ist es leicht verständlich, wie sogar der „Frömmste der Frommen“ am Shabbat das Mohel-Messer zückt, um eine ansonsten am Shabbat verbotene Tätigkeit zu vollziehen. Es geht um einen Zugewinn für Shabbat selbst!

Glückwünsche Die Zeremonie rund um das Beschneidungsritual herum unterscheidet sich dann allerdings kaum, egal welchen Heiligkeitsstatus der Tag der Beschneidung nun einnimmt. Kaum ertönt das gellende Schreien des 50 cm messenden „Shabbat-Streiter“-Bündels, ergießt sich auch schon ein ganzer Schwall an Glückwünschen und segensreichen Worten über den Kleinen. Obwohl seine Aufmerksamkeit in diesen Momenten sicherlich mehr den blutstillenden Maßnahmen gilt, die der Mohel mit gekonntem Fingerspitzengefühl zu setzen vermag, können die Wünsche der Anwesenden die Zukunft des Knaben durchaus positiv beeinflussen.

„So wie er in den Bund mit Hashem eingetreten ist“, rufen aufgeregte, mit braunen Kuchenbröseln und glitzernden Schnapsperlen besetzte Münder, „so möge er auch in die Welt der Tora, unter die Chuppa und in den Vollstreckungsdrang von guten Taten eintreten“. Hat nun der letzte Verbandsknoten seine Parkposition am Säuglingsleib erreicht, so stürmen die angeheiterten Wunschverteiler auf den Vater des Kindes zu und es regnet ein handfestes „Maseltov“-Gewitter. Mit Tränen in den Augen und voller Dankbarkeit an Hashem wird das beschnittene Bündel schließlich wieder in Richtung „Frauenschil“ abtransportiert und  - bis 120 - von mütterlich-jiddischer Liebe erstversorgt, bis die Balken brechen.

Kein Stolz Der Rebbe Menachem Mendel aus Kotzk hört dabei etwas tiefer in die Glückwünsche der Kuchenvertilger hinein. Er ortet zwischen den Bächen aus Zwetschgenbrand und Weizensaft einen ganz besonderen Wunsch, den man den Kleinen da mit auf den Weg gibt. „So wie er in den Bund mit Hashem eingetreten ist“, so ruft man in den Wald hinein. Doch wie hallt es wieder heraus? Wie tritt man denn eigentlich in den Bund mit Hashem ein? In erster Linie wohl mit Pampers in Säuglingsgröße, einem etwas zu großen Bärenstrampler und - ganz wichtig - dem obligatorischen blauen Blümchenschnuller, der beinahe das ganze zarte Gesicht des einwöchigen Neuankömmlings verdeckt.

Aber da ist noch mehr, meint der Kotzker Rebbe. Er sieht in dem spezifischen Glückwunsch nämlich vor allem, dass man einen negativen Faktor des menschlichen Charakters damit auszuspielen versucht. Es geht um den üblen Charakterzug des Stolzes, so der Rebbe. Die Gemara (Mes. Sota 5a) stellt nämlich fest, dass ein stolze Person in Hashems Umkreis absolut nichts zu suchen hat! „Eine stolze Person und ich können sich nicht den selben Lebensraum teilen“, meint die Gemara.

„Pampers-Segen“ Da man dem Baby aber sicherlich ein langes Leben in g’ttlichem Lebensraum wünscht, spricht man bei seinem Brit eben den „Pampers-Segen“ aus: „So wie du in den Bund eingetreten bist“ - nämlich als achttägiger Säugling noch garantiert stolzfrei - „so mögest du auch zur Tora, Chuppa und zu guten Taten deinen Zugang finden.“ Denn nur so, nur ganz ohne Stolz, lässt sich dieses Projekt auch erfolgreich bewerkstelligen. Was Hashem dabei so an dem stolzen Charakterzug stört, ist augenscheinlich: In Anbetracht der Erhabenheit G’ttes und der Seichtigkeit des Menschen ist es wohl wirklich unangebracht „stolz“ zu sein. „Stolz sein“ bedeutet, die Fähigkeiten, Talente und Wohltaten, die einem Hashem gewährt hat, sich selbst anzurechnen. Und dies hebelt G’ttes Gutmütigkeit unweigerlich aus, da er doch derjenige ist, der einem diese Dinge gewährt!

Möglicherweise lässt sich der Gedanke des Kotzker Rebben aber noch weiter spinnen. Denn der Brit-Mila-Knabe absolviert nicht nur stolzfrei, sondern auch ungerührt von jeglichem Vorurteil seinen ersten Synagogenbesuch. Wenn der „stolze“ Vater ihn dem Mohel präsentiert, so hegt der Kleine keinerlei Sentimente gegen Tora und Mizwot. Fürwahr, wenn er nur gewusst hätte, was ihn da erwartet, wäre das eine oder andere Sentiment vielleicht aufgekommen. Aber der Brit-Mila-Wunsch bezeichnet ja explizit den „Eintrittsvorgang“ in diese Mizwa, noch vor dem „bösen Erwachen“.

Vielleicht gilt also der Wunsch an den jüdischen Neuankömmling auch seinem Zugang zum Dienst an Hashem im Allgemeinen. Sich wie in einer „Achterbahn“ ohne Sentimente und frei von Zweifeln von der Tora und den Mizwot durch die Strecke - durch das Leben -  führen zu lassen und bei Loopings  - freudigen Anlässen, wie einer Brit Mila - vor lauter Freude aufzujauchzen. Denn das Leben ist im Gegensatz zu Hashem und der Tora keine Endlosschleife. Doch erfreulicherweise - und erst recht, wenn man Tora und Mizwot ambitioniert einhält - ganz sicher auch keine Doppelnull!(AB)          

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