Freiheitliche Antisemitismusförderung

Autor: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Zusammen mit "Menschen jüdischen Glaubens" kämpfe die FPÖ "gegen Antisemitismus, den radikalen Islamismus [und] für den Erhalt unseres christlich-jüdischen Abendlandes Europa", ließ FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache am 2. Juni d. J. via Facebook verlauten.

Bereits einen Tag zuvor hatte sich an selber Stelle der freiheitliche Europaabgeordnete Georg Mayer fast gleichlautend geäußert. Beide Bekundungen fügen sich in die über die letzten Jahre intensivierten Bemühungen der Partei ein, den Anstrich des Antisemitischen abzustreifen.

Unter anderem verschrieb sich auch der von der FPÖ 2013 unter Beteiligung Straches und dem Vorsitz von Nationalratsabgeordneten Werner Neubauer präsentierte Verein SOS Abendland einer Rahmung des "Abendlandes" als "christlich-jüdisches" (vgl. http://volksgruppenv1.orf.at/diversitaet/aktuell/stories/64428.html). Seither war von dem Verein nicht viel zu vernehmen – seine freiwillige Selbstauflösung wurde vor Kurzem rechtskräftig.

Das geltende freiheitliche Parteiprogramm erwähnt, dass "Europa ... in entscheidender Weise vom Christentum geprägt" und "durch das Judentum und andere nichtchristliche Religionsgemeinschaften beeinflusst" worden sei (Artikel 2) – ob diese Beeinflussung in gedeihlicher und ergo verteidigenswerter Weise erfolgte, bleibt mit Rücksicht auf die Kernschichten der Partei unbestimmt.

Im weit umfangreicheren "Handbuch freiheitlicher Politik" findet sich überhaupt keine derartige Passage. Allerdings wird an zwei Stellen eine Gemeinsamkeit erwähnt, die Christen und Juden verbände: nämlich jene, Ablehnung von islamischer Seite auf sich zu ziehen (S. 51 und 53).

Während also Straches und Mayers eingangs zitierte Aussagen zumindest ansatzweise in öffentlichen Deklarationen ihrer Partei Deckung finden, stehen sie in krassem Widerspruch zur ungebrochenen symbolischen und finanziellen Unterstützung der Zeitschrift Aula durch die Freiheitlichen.

Unter den dort regelmäßig zu findenden antisemitischen Auslassungen verdient im vorliegenden Kontext die Mai-Ausgabe 2015 besondere Beachtung. Schon in deren Editorial verkündet Schriftleiter Martin Pfeiffer, dass es sich bei der vermeintlich in Verdrängung befindlichen "christlich-abendländischen Kultur [...] keineswegs um ein 'christlich-jüdisches Abendland'" handle, "wie uns vielfach geschichtslose Politiker und Pfarrer einzureden versuchen". (Die Aula, Mai 2015, S. 5; ganz ähnlich hatte sich kurz zuvor auch die ebenfalls parteinahe Zur Zeit geäußert – vgl. Freiheitliche Projektionen) Näher ausgeführt wird diese Position im selben Heft durch den deutschen Neonazi Karl Richter unter dem aussagekräftigen Titel "Die Mär vom 'christlich-jüdischen' Abendland". (1)

Die Klassifizierung "[der] Juden" als "fremde Ingredienz im Sauerteig des werdenden Abendlandes" gibt die Richtung vor. An ihrer Isolierung in der abendländischen Geschichte seien sie selbst schuld – das "Bewußtsein der eigenen Exklusivität" habe "die Schranken zwischen Jüdischem und Nichtjüdischem wirksamer aufrecht[erhalten] als je die Ausgrenzungs- und Nichtvermischungsgebote der Umgebung", schreibt Richter (ebenda, S. 12), bezeichnenderweise unter Ausblendung etwa der jüdischen Assimilation im 19. Jahrhundert, die gerade unter den geistigen Vorvätern des Aula-Lesermilieus mit antisemitischer Radikalisierung beantwortet wurde.

"Die 'christlich-jüdische' Symbiose, die uns weisgemacht werden soll, hat es nie gegeben", so Richter weiter. "Sie ist künstlich, unhistorisch, ein Produkt der Geschichts- und Geistesklitterung", das "der nichtjüdischen Normalbevölkerung erst auf allen Kanälen suggeriert werden" müsse – nicht zuletzt über "die Infiltration des globalen 'Weltgewissens' mit dem Holocaust-Dogma". Der Holocaust sei für das Judentum heute "Quelle der Kraft, wenn auch einer negativen, parasitären". Um Macht aus ihr zu beziehen, "muß die 'Shoah' und ihre vermeintliche 'Singularität' mit allen Mitteln in die Gehirne auch der nichtjüdischen Erdenbürger. Nur so wird die 'Shoah', wird Auschwitz [...] zum Nasenring, an dem sich die Völker willenlos herumführen lassen." (Ebenda, S. 13)

Der Widerspruch zwischen diesen Zeilen und der Positionierung Mayers wäre nicht weiter bemerkenswert, wären Erstere nicht mit maßgeblicher Unterstützung von Mayers Partei aufs Papier gebracht worden. Die letzte Seite von Richters Artikel ziert ein halbseitiges Inserat des FPÖ-Bildungsinstituts, auf der Umschlagseite findet sich ein ganzseitiges Inserat der FPÖ Steiermark – jener Landespartei, in deren Vorstand Mayer damals saß und noch heute sitzt.

In derselben Ausgabe finden sich doppelseitige Interviews mit dem steirischen Landtagswahl-Spitzenkandidaten Mario Kunasek und der steirischen (damals noch ebenfalls freiheitlichen) Nationalratsabgeordneten Susanne Winter sowie ein Artikel aus der Feder des steirischen FPÖ-Landtagsabgeordneten Hannes Amesbauer. Das Kunasek-Interview wird mit einem Bild der steirischen Parteispitze illustriert, auf dem auch Mayer selbst zu sehen ist. Gleichzeitig unterstreichen neben dem Text des langjährigen NPD-Kaders Richter ein Artikel des NPD-Vorsitzenden Frank Franz sowie ein Inserat für die NPD-nahe Zeitschrift Umwelt & Aktiv das fortbestehende Naheverhältnis der Aula zum Neonazismus.

Entgegen der Aussagen Straches und Mayers bekämpft die FPÖ den Antisemitismus weniger, als sie ihn fördert, und unterstützt weniger die christlich-jüdische Annäherung als vielmehr ein Periodikum, das sich unvermindert um die Ausgrenzung alles Jüdischen bemüht. (2) Dies geschieht mit Regelmäßigkeit: sowohl antisemitische Auslassungen als auch FPÖ-Inserate, Gastbeiträge von und/oder Interviews mit hochrangigen ParteifunktionärInnen sind in jeder einzelnen Aula-Nummer zu finden. (Siehe für weitere rezente Beispiele https://forschungsgruppefipu.wordpress.com/2016/01/11/das-freiheitliche-monatsmagazin/ und Die Aula im Februar 2016; zum Verhältnis von Aula und FPÖ siehe auch Die FPÖ und das "freiheitliche" Magazin)

Anmerkungen

(1) Unausgewiesenerweise handelt es sich dabei um keinen Originaltext: er erschien fast ident bereits acht Jahre zuvor in Nation & Europa (Heft 11-12/2007, S. 74-79) und wurde 2008 schon in der Neuen Ordnung des Grazer Verlegers und Burschenschafters Wolfgang Dvorak-Stocker nachgedruckt.

Die Aula enthielt ihren LeserInnen nicht nur einen entsprechenden Hinweis vor, sondern auch die Einleitung des Textes, die sich u. a. gegen "Politiker" wandte, die "in den letzten Jahren immer häufiger die Vokabel vom vermeintlich 'christlich-jüdischen' Abendland, von den vermeintlich gemeinsamen 'christlich-jüdischen' Wurzeln Europas [...] bemühen." (Neue Ordnung, I/2008, S. 14-16, hier: 14)

(2) Der antimuslimische Rassismus, der Teile der FPÖ um vermeintliche jüdische Bündnispartner buhlen lässt, geht bei der Aula mit dem Antisemitismus Hand in Hand: "Abendland in Moslemhand? Islamisierung Europas als Gefahr für autochthone Völker" lautet die Schlagzeile am Cover der Mai-Ausgabe.

Richter selbst sah, dem im Neonazismus nach wie vor weithin gültigen Primat des Antisemitismus entsprechend, hingegen für einen "'Krieg der Kulturen' [...] zwischen dem Abendland und dem Islam kaum nachvollziehbare Gründe" (Neue Ordnung, I/2008, S. 14) – ein Hinweis, der in der Aula-Version des Textes unterblieb.