Wir , die Ukraine und der Krieg!

von Michael Moser* (Bild)

Während der letzten Wochen kommen wir Ukraine-Freunde nicht von den sozialen Netzwerken los. Die herkömmlichen Medien sind uns zu langsam. Selbst die besten Internetzeitungen bestätigen uns zumeist nur, was wir schon so gut wie in Echtzeit erfahren haben. Unsere Netzwerke sind stark. Sie sind international und ausgesprochen divers.

Wir sind Bürgerinnen und Bürger aus Nordamerika und ganz Europa, einschließlich der Ukraine und natürlich der Russischen Föderation. Was uns vereint, ist unser Bedürfnis nach Frieden und unser Bestreben, zum Aufbau einer neuen Ukraine beizutragen. Unser Credo ist eine multiethnische, multilinguale und zutiefst demokratische Ukraine. Xenophobe Äußerungen haben bei uns keinen Platz. Auch die Bürgerinnen und Bürger Russlands, von denen fast jede/r von uns viele kennt, sind unsere Freunde. Wogegen wir ankämpfen, sind die Politik Vladimir Putins, die Lüge, der Hass und die Gewalt.

Wir wissen ganz genau, was wir von der russischen Kriegspropaganda zu halten haben und sind erstaunt und mitunter empört darüber, wie manche westlichen Medien diese Lügen übernehmen. Es ist uns klar, dass auch wir unsere Stimme einbringen müssen. Wann, wenn nicht jetzt?

Hinter uns liegen Wochen des Horrors. Unsere Freunde, Bekannten und Bekannten von Bekannten haben für ihre demokratischen Freiheiten demonstriert. Sie wurden dafür geschlagen, gefoltert und ermordet. Wir schlafen kaum.

Wir kämpfen für die Ukrainer, die uns ans Herz gewachsen sind. Wir sehen nicht schweigend zu, wie sie verleumdet  und verraten werden. Wir lassen nicht zu, dass die Eroberung auch nur eines Teilgebiets der Ukraine einfach hingenommen wird. Wir sind nicht selbstlos; es geht auch um uns. Jede/r von uns versteht, dass Putin sich mit der Krim nicht zufrieden geben wird.

Wir verstehen immer besser: Sogar der Horror der letzten Wochen hat seine guten Seiten. Nicht nur wir sind näher zusammengerückt, sondern die gesamte Bevölkerung der Ukraine. Noch nie gab es derartig beeindruckende Manifestationen eines ukrainischen Patriotismus im Süden und Osten der Ukraine wie gerade jetzt, da Putin diese Städte ins Chaos stürzen will, indem er die russischen Truppen aufmarschieren lässt und Busse mit russischen Nationalisten in Städte wie Charkiv, Donec’k oder Odesa schickt, die dann gemeinsam mit dem örtlichen Mob den ukrainischen Bürgern „Auf die Knie!“ entgegenbrüllen, sie krankenhausreif prügeln oder sie auch ermorden (so mancher prorussische Rädelsführer hat übrigens nachweislich eine Neonazi-„Vergangenheit“).

Noch nie hat sich gerade die russischsprachige Bevölkerung derartig stark und eindeutig mit der Ukraine identifiziert wie gerade jetzt, da Putin behauptet, sie „befreien“ zu müssen. Sie wissen am besten, dass sie das sicher nicht notwendig haben.

Noch nie waren die ethnischen Ukrainer, Russen, Juden, Krimtataren, Ungarn, Rumänen, Armenier, Polen etc. so sehr ein geschlossenes ukrainisches Volk wie gerade heute.

Noch nie waren wir selbst so sehr Ukrainer!

 

* Michael Moser ist der Sohn eines Österreichers und einer Deutschen. Er ist Professor für slawische Philologie an der Universität Wien, der Katholischen Péter Pázmány-Universität in Budapest/Piliscsaba und der Ukrainischen Freien Universität in München. Er ist Präsident der Internationalen Ukrainistenvereinigung. (Bild: Facebook).