Ständiges Auf und Ab im Verhältnis Österreich-Israel

Gastkommentar von SAMUEL LASTER in der Tageszeitung Die Presse

Ein Blick auf die holprigen bilateralen Beziehungen aus Anlass des Staatsbesuchs des israelischen Präsidenten Peres.


Shimon Peres enthüllte zu Purim die Verkleidung,

mit deren Hilfe er in den 70ern König Hussein

von Jordanien heimlich traf (c) twitter

Die Politik von Bruno Kreisky und Österreichs unbewältigte Nazivergangenheit prägten zu lange die österreichisch-israelischen Beziehungen. Am morgigen Sonntag und am Montag werden der israelische Präsident Schimon Peres und sein Kollege Heinz Fischer eine Freundschaft besingen, die langsam sprießt und erst zarte Knospen trägt. 

Ein Glas Wasser galt sehr lange als Symbol für die Ambivalenz Israels gegenüber Österreich. Premierministerin Golda Meir wollte den österreichischen Bundeskanzler Kreisky anno 1973 davon überzeugen, das Durchgangslager Schönau nahe Baden nicht zu schließen, in dem Tausende Sowjetjuden ihre erste West-Erfahrung vor dem Weiterflug nach Israel machten. Auch Israels heutiger Botschafter in Wien, Zvi Heifetz, ging durch dieses Übergangslager.

Die Vorgeschichte war ein Anschlag palästinensischer Terroristen in Marchegg, der unblutig endete, weil Kreisky die Schließung des Lagers versprach. Golda Meir kam in Kreiskys Villa gepilgert und bekam die kalte Schulter gezeigt. „Nicht mal ein Glas Wasser habe ich bekommen“, erzählte sie in Israel. Schimon Peres hat später in einem Buch die karge Bewirtung bestritten, Golda Meir aber bestand auf ihrer Version.

Der treue Gehilfe Fischer

Kurz danach brach im Herbst 1973 der Yom-Kippur-Krieg aus. Kreisky wusste schon im Vorfeld von ägyptischen Kriegsplänen, verschwieg dies jedoch gegenüber seinen israelischen Freunden. Dies verstärkte die Skepsis. Der Jude Kreisky war für die Beziehungen zum Staat der Juden zum Menetekel geworden. Heinz Fischer war dabei immer sein treuester Gehilfe und teilte dessen politische Ansichten, die heute so fern und doch so aktuell wirken.

Am Sonntag kommt nun Präsident Peres zum Staatsbesuch nach Wien. Der älteste aktive Präsident der Welt und Friedensnobelpreisträger ist seit 1952 politisch tätig, hat praktisch jedes Amt innegehabt, das Israels Politik zu vergeben hat. Mit Fischer verbindet Peres eine tiefe Freundschaft, wie schon zuvor mit dem großen Humanisten Kreisky, der in Israel als „Israelkritiker“ mit seinen antisemitischen Sagern („Wenn die Juden ein Volk sind, dann ein mieses Volk“) freilich eher umstritten ist. 

Kreisky machte Arafat salonfähig, stritt und kämpfte für einen Frieden im Nahen Osten, für die heute zur Grunddoktrin gewordene „Zweistaatenlösung“ von Israelis und Palästinensern. Kreiskys damaliger Innenminister Karl Blecha handelte mit Terrorgruppen Deals aus, sein späterer Innenminister Erwin Lanc sitzt gern mit Rechtsradikalen wie dem aus der CDU ausgeschlossenen Martin Hohmann zusammen, wenn es um Kritik an Israel geht.

Die österreichisch-israelischen Beziehungen gerieten zur Zeit des vergesslichen Bundespräsidenten Kurt Waldheim in ein Tief. Bundeskanzler Franz Vranitzky holte Österreich mit einer historischen Rede 1991 aus dem Paria-Status. Unter der schwarz-blauen Regierung Schüssels mit Haider ab 2000 war ein weiteres Wellental erreicht. Das „Washingtoner Abkommen“ mit Stuart Eizenstadt und Bemühungen zu Restitution brachten dann eine erneute Entspannung.

Während die am rechten Rand befindliche FPÖ von Heinz-Christian Strache sich gern als israelfreundlich gibt, ist bei den Sozialdemokraten Wiens Israel schon einmal der kleinste gemeinsame Nenner, um sich bei der Wählerklientel „migrantischer“ Prägung anzubiedern. Ein Beschluss des Wiener Gemeinderates gegen Israels Vorgehen bezüglich der „Gaza-Flottille“ im Dienste der Hamas, bei dem tragischerweise neun Menschen umkamen, war ein Hinweis auf diese Richtung.

Angefeindet von rechts, links

Österreichs Votum für den „Staat Palästina“ war ein Hinweis auf Bundesebene. Israel scheint die Judenfeindschaft von rechts und links zu spüren. „Die Rechten lieben Israel und hassen die Juden, die Linken lieben die Juden und hassen Israel für seine Politik“, brachte es ein israelischer Diplomat auf eine eher simple Ebene.

Neuerdings aber kann es schon passieren, dass ein österreichischer Außenminister bei Diskussionen mit jüdischen Zuhörern angehalten wird, östliche Nachbarn zu stärkerem Bewusstsein im Umgang mit der Vergangenheit zu drängen. Dies bekam der frühere Außen- und jetzige Finanzminister Michael Spindelegger in der Synagoge von Rabbi Arthur Schneier in New York zu hören und staunte nicht schlecht. Österreich als „Avantgarde der Erinnerung“? Dann wären ja die Deutschen Marktführer, die die deutsch-israelischen Beziehungen auf ähnliche Art ritualisieren und scheinbar in ihrer Vergangenheit gefangen sind. In den 1950er-Jahren waren am Anfang dieser Beziehungen die Wien-Jerusalem-Emotionen überwiegender Teil der Diplomatie. Der Holocaust schien noch zu nah und Österreich nicht bereit, sich aus seiner „Opferrolle“ hinauszuwagen.

Auf der Habenseite

Anno 2014 werden die Beziehungen in Jerusalem und Wien als „ausgezeichnet“ bewertet. Sei es Technologietransfer, Schüleraustausch, Einsatz von jungen Zivildienern in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem oder Altersheimen, ebenso die akademische Zusammenarbeit wie etwa zwischen der Universität Innsbruck und israelischen Forschungseinrichtungen – all dies ist auf der Habenseite zu verbuchen. Pilgerfahrten aus Oberösterreich zeigen eine tiefe Verbundenheit, die flächenübergreifend zu sein scheint.

5700 „Pass-Österreicher“ leben in Israel, mit Vorfahren und Wurzeln in der Alpenrepublik. Die Belastung durch Österreichs Rolle in der Nazizeit scheint für junge Israelis kein Thema mehr zu sein. In Israel ist die Erinnerung zur Institution geworden, sie ist Staatsräson und führt jährlich Tausende Jugendliche nach Auschwitz. Junge Israelis mit Austro-Hintergrund trinken Kaffee aus Wien, essen Mozartkugeln oder fliegen zum Skifahren nach Tirol und Salzburg.

Österreichs Verantwortung

Auch Österreichs jetziger Außenminister Sebastian Kurz wird sich bei seinem baldigen Besuch in Israel um eine Verbesserung der Beziehungen bemühen. Es sind immer wieder die Zwischentöne, die auf der Strecke Wien-Jerusalem die Navigation bestimmen. So wird etwa die Vertretung der jüdischen Gemeinde Wiens beim Besuch in Jerusalem etwas schwergewichtiger ausfallen als üblich.


"Yvette" Liebermann (links)

mit Sebastian Kurz

Es geht um Österreichs besondere Verantwortung gegenüber seiner Vergangenheit, wie Kurz immer wieder betont. Mehr hat Österreich derzeit nicht zu bieten. Eine Rolle als Vermittler im Nahost-Konflikt scheint nicht realistisch.

Wenn iranische Frauenrechtlerinnen am Internationalen Frauentag die EU-Außenbeauftragte Ashton treffen, ist es mehr als eine Alibihandlung des österreichischen Botschafters und Mullah-Kuschlers Friedrich Stift. Österreich hätte eine wichtige Mittlerfunktion, die Kurz ausfüllen könnte, wenn er seiner Traumrolle, einmal ein großer Außenminister zu werden, gerecht werden will.

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Zum Autor:
Samuel Laster ist in Israel geboren und aufgewachsen, wohnt seit dem 10. Lebensjahr in Österreich. Militärdienst in einer israelischen Panzereinheit, unter anderem 1982 im Einsatz in der libanesischen Bekaa-Ebene gegen Einheiten der syrischen Armee. Danach Studium an der sozialdemokratischen Universität Beit Berl und in Wien. Im März 2003 Gründung der Internetzeitung „Die Jüdische“, die täglich aktuell über jüdisches Leben, Israel und den Nahostkonflikt berichtet