Staatspräsident Rivlins Rede bei der Demonstration auf dem Rabin-Platz

„Freunde, ‘Gewalt untergräbt die Grundlage der israelischen Gesellschaft. Sie muss verurteilt, angeprangert und isoliert werden. Gewalt ist nicht der Weg des Staates Israel.’ So sprach Yitzhak Rabin vor 19 Jahren, von genau dieser Bühne aus, auf der ich jetzt stehe. Diese Worte sollten seine letzten sein.

 Neunzehn Jahre, fast zwei Jahrzehnte sind seither vergangen. Doch die Gewalt ist nicht  verschwunden. Sie ist immer noch unter uns. Schamlos zeigt sie sich und hinterlässt ihre Spuren. Nicht nur in unseren Schulen, den sozialen Medien, Demonstrationen oder auf dem Fußballplatz – sondern in uns selbst. In unserer Sprache und den Worten, die wir wählen, der Art, mit der wir argumentieren und debattieren, in unserer Unfähigkeit, zuzuhören und zu verstehen.

Ich sehe nicht darüber hinweg, dass wir in einer sehr gewaltvollen und schwierigen Umgebung leben. Brutale Mörder und Grausamkeit umgeben uns von allen Seiten. Schwere und beunruhigende Ereignisse tragen sich zu. Wir verlieren unsere Kinder, unsere Brüder, unsere Freunde. Die Umwelt, in der wir leben, ist weit davon entfernt, gerecht zu sein. Sie ist nicht fair, sondern oft brutal und mitleidlos. Doch trotz allem, und vielleicht gerade deshalb, sind wir heute hierhergekommen, um zu sagen: Gewalt ist nicht der Weg des Staates Israel. Sie ist nicht unser Weg.

Wir sind nicht bereit, den Krieg gegen den Terror zu gewinnen, nur um den Kampf um den Kampf um unseren eigenen Charakter zu verlieren. Wir befinden uns mitten in einem anhaltenden Kampf gegen äußere Feinde, aber wir müssen aufhören, uns gegenseitig als Feinde von innen zu sehen.

Wir blieben still in jenen schweren Tagen vor der Ermordung Rabins. Wir haben gesündigt, Yitzhak. Ich sage das jetzt, heute, wir können nicht länger schweigen. Wir müssen verstehen, dass wir mit unserem Schweigen das Träumen aufgeben, und wir vergessen, warum und wofür wir in unser Heimatland gekommen sind.

Ihr steht heute hier, die Jugend, junge Frauen und Männer, Mitglieder und Anführer aller Jugendbewegungen; religiös und säkular, Linke und Rechte, Juden und Araber – gemeinsam, die Stämme Israels, aus allen Ecken des Landes. Alles, was dieses Land ausmacht. Sein schönes Gesicht. Ihr seid die Generation, die Yitzhak nicht mehr kennenlernte. Ihr seid die Generation, die sich nicht mehr erinnert, dass uns in jenen Tagen vor der Ermordung so wenig verband und so viel trennte. Ihr steht hier, gemeinsam, mutig und offen, im Namen der Erinnerung, im Namen der Demokratie.

Doch die Demokratie, so lernten wir um den Preis des Lebens Rabins, die Demokratie kann nicht im leeren Raum ohne Bodenhaftung stehen. Rabin wurde nicht wegen einer vorübergehenden Schwäche von Israels Demokratie ermordet, sondern vor allen Dingen vor dem Hintergrund einer sozialen Wirklichkeit, die von gegenseitiger Feindschaft und fehlendem Einfühlungsvermögen bestimmt war. Und wenn wir uns an die Atmosphäre jener Tage erinnern, vor und nach dem Mord, dann können wir nicht darüber hinwegsehen, dass es nicht die Spielregeln waren, die uns trennten, sondern der tiefe Abgrund zwischen uns. Wir hatten keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Vision. Wir waren unfähig, klar die uns verbindenden Werte auszudrücken. Und Demokratie beruht vor allem anderem auf Werten, auf Zuhören, auf Zusammenarbeit und einer Vision.

Meine jungen Freunde, wie Yitzhak bin auch ich heute hierhergekommen, nicht nur um Euch zu loben, sondern auch, um Euch eine Aufgabe zu geben.

Lasst die Worte zurück, mit denen wir die Vergangenheit befleckten; lasst die Worte zurück, mit denen wir immer noch die Gegenwart beschmutzen. Und findet Worte, mit deren Hilfe wir die Zukunft aufbauen können – unsere Zukunft, Eure Zukunft.

Lasst die Sicherheitskräfte unsere Grenzen bewachen – während Ihr unsere Heimat von innen sichert. Ihr seid die Brücken, die den Abgrund, der zwischen uns lag, überspannen; Rechte und Linke, religiös oder säkular, Juden oder Araber. Euch soll heute gelingen, was wir nicht schafften. Trotz der schwierigen und fundamentalen Unterschiede zwischen uns, teilen wir gemeinsame Werte. Wir haben etwas, an das wir gemeinsam glauben, auf das wir gemeinsam hoffen können.

Wir wollen darin einig sein, dass wir uneinig sind. Wir wollen einander zuhören, auch wenn wir uns nicht überzeugen lassen. Wir sind hier, um zu lernen uns selbst zu fragen, worin unsere gemeinsame Vision liegt, und um mutig dafür zu kämpfen, Antworten zu finden. Durch die schwierigsten Zeiten und gegen alle Wahrscheinlichkeiten ist dies doch die Gesellschaft, von deren Aufbau wir träumten. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder Verantwortung übernehmen und an ihrer Gestaltung und ihrer Zukunft gleichberechtigt Anteil haben.

Liebe Freunde, stellt Euch den Hindernis sen, die uns trennen und weicht ihnen nicht aus. Es ist an uns, einen neuen Weg zu finden. Wir haben die Chance, den Unterschied zu machen. Ich bin an Eurer Seite, ich stehe Euch zu Diensten. Ich bin ein Soldat in der Armee der Hoffnung, des Glaubens und Eurer Vision.“

(Präsidialamt, 08.11.14)