Die Beziehungen zu Indien und Westasien können sich unterschiedlich entwickeln

von Daniel Pipes

Neu-Delhi - Obwohl es ein Vierteljahrhundert her ist, dass Indien seine Ära der sozialistischen Wirtschaft und pro-sowjetischen Außenpolitik beendete, deuten für mich gerade geführte Diskussionen mit Intellektuellen in Neu-Delhi und andernorts an, dass die außenpolitischen Experten dieser aufstrebenden Macht weiterhin grundsätzlich über ihre Rolle in der Welt durchdenken, besonders gegenüber den Vereinigten Staaten, China und dem, was sie Westasien (d.h. den Nahen Osten).

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Obwohl die beiden ersten Länder zurecht die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, bietet der Nahe Osten für Indien akute Herausforderungen - samt einem Schuss Chancen. Sie bekommen hier einen Überblick über die Hauptverbindungen zu dieser unbeständigen Region:

Islamismus: Islamischer Einfluss ist historisch immer vom Nahen Osten in andere Regionen gezogen, einschließlich Südasien, aber fast nie in der umgekehrten Richtung. Gegenwärtig ist das mit der islamistischen Doktrin der Fall - das Argument, dass Muslime, um reich und stark zu werden, zum mittelalterlichen Modell zurückkehren und islamische Gesetze voll anwenden müssen - die am stärksten aus Saudi-Arabien und dem Iran grölt und auf die - jeweils - sunnitischen und schiitischen Muslime weltweit zielt. Ihr Einfluss radikalisiert traditionell moderate muslimische Bevölkerungen in vielen Regionen (wie dem Balkan und Indonesien) und bringt düstere Konsequenzen für Indien, dessen riesige muslimische Gemeinschaft von 177 Millionen die bei weitem größte religiöse Minderheit der Welt repräsentiert. (Die 67 Millionen Christen in China stehen auf dem zweiten Platz.)

Iranische Aggression: Zwei Faktoren beflügeln eine wohlwollende indische Haltung gegenüber dem Iran und erklären Neu-Delhis eifrige Bemühungen um gute Beziehungen zu Teheran: tiefe historisch-kulturelle Verbindungen und der feindliche Staat Pakistan, der zwischen ihnen liegt. Das ist nett, aber wenn sie nicht im Zaum gehalten wird und die indische Regierung für ihre Interessen und Rechte einsteht, kann diese Geneigtheit zu Appeasement degenerieren. Das iranische Regime hat in Indien bereits Gewalt zum Einsatz gebracht, seine Kampfeslust bedroht die Energielieferungen aus dem Persischen Golf, von denen Indien abhängig ist; und das Streben Teherans nach Atomwaffen destabilisiert die gesamte Region. In diesem Licht ist die Unterzeichnung der ersten je von Neu-Delhi vereinbarten Verteidigungsabkommen mit Qatar im Jahr 2008 und mit Saudi-Arabien 2014 - beides durch den Iran gefährdete Staaten - positiv, während die Verstärkung der indischen Investitionen in Irans Haven Chabahar die indische Politik eher lähmen wird.

Pakistan reizen: Riyahds Geld unterstützt die pakistanische Konfrontation mit Indien auf entscheidende Weisen: durch massive Finanzierung islamischer Schulen (Madrassen), die radikalisierte Schüler am laufenden Band produzieren, die den Koran auswendig gelernt haben, denen aber moderne Fertigkeiten fehlen und die als Kanonenfutter des Jihad dienen; zudem durch großzügige Hilfe zur Bezahlung der "islamischen" Atombombe, die mit ihrer ausschließlich auf Indien konzentrierten Aufgabe das Land seit 1998 bedroht.

Handel und im Ausland Lebende: Als weltweit drittgrößter Importeur von Rohöl ist Indien sowohl vom Nahen Osten abhängig, als auch vom Export dorthin. Der $150 Milliarden umfassende Handel allein mit den sechs Staaten des Golf-Kooperationsrats machte etwa ein Fünftel des jährlichen Handels Indiens aus, während Inder zu den stärksten direkten Investoren in Immobilien des Persischen Golfs gehören. Die Zahl der indischen Arbeiter in Staaten des Persischen Golfs beläuft sich auf etwa 6,5 Millionen und diese sind eine wichtige Quelle sowohl der Überweisungen nach Indien (die auf 35 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt werden) als auch des wahhabitischen Einflusses.

Bündins mit Israel: Wachsende Beziehungen zum jüdischen Staat bieten ein an sich vielversprechendes Zeichen. Indiens Bevölkerung mag mehr als 150-mal größer sein als die Israels (1,3 Milliarden gegenüber 8 Millionen), aber die beiden Länder haben wichtige gleiche Qualitäten. Am tiefgehendsten ist, dass ihre jeweiligen Bevölkerungen einer uralten, nicht missionierenden Religion angehören. Beide praktizieren Demokratie und Säkularismus, sind mit den Vereinigten Staaten verbündet und besitzen Atomwaffen. Beide haben erhebliche muslimische Minderheiten (14 Prozent in Indien, 19 Prozent in Israel), deren Loyalitäten fraglich bleiben, da beide Länder sich einer potenziell existenziellen Bedrohung seitens muslimischer Staaten (Pakistan, Iran) ausgesetzt sehen.

Über diese Allgemeinheiten hinaus bietet jedes der beiden Länder dem anderen besondere Vorteile. Beide Staaten können Geheimdienstinformationen teilen. Jerusalem kann mit Zugang nach Washington behilflich sein, Neu-Delhi kann bei Zugang zu dem helfen, was von der Blockfreien-Bewegung übrig ist. In Bereichen, in denen Israel in der Welt führend ist - wie bei Wasser-Technologie, Medizin, Sicherheit und Hi-Tech-Innovation - braucht Indien, was die Israelis anzubieten haben, so wie die Israelis den riesigen indischen Markt brauchen. In der Tat ist die indische Regierung dabei für US$ 3 Milliarden militärische Hardware aus Israel zu kaufen, der größte Verkauf in Israels Geschichte.

Die bereits wichtige Beziehung Indiens zum Nahen Osten nimmt mit der Zeit bezüglich Gefahren und Potenzial zu. Die sich drohend abzeichnende Frage lautet: Wie gut können die Inder für sich Nutzen aus Westasien ziehen, während sie vermeiden, was giftig ist? Angesichts der Komplexitäten dieses Bandes wird das nicht einfach sein.

Daniel Pipes (www.DanielPipes.org) ist Präsident des Middle East Forum. © 2016 by Daniel Pipes. Alle Rechte vorbehalten