Der Terror fährt wieder Bus

Unerwartet schlägt in Israel der Terror niemals zu. Jedoch immer überraschend. Am Montagabend zum ersten Mal nach langer Zeit wieder in einem Jerusalemer Linienbus. "Der Terror fährt wieder Bus", titelte die Zeitung Yedioth Aharonot  kurz nach der Explosion.

von Norbert Nathan Jessen

21 Fahrgäste wurden verletzt. 12 lagen am Dienstag noch mit Brandwunden ins Krankenhaus. Trotz der hohen Opferzahl keine neue Stufe der Gewalt, schätzen die Experten. Was an der alten Angst nicht viel ändert. Bei einem der beiden Schwerstverwundeten handelt es sich um den Attentäter, vermutet die Polizei.

Der Wrack des Busses in Jerusalem (c) Nana

Er arbeitete mit selbsthergestellten Sprengstoff, der vor allem durch eine starke Brandzündung die Umstehenden verwundete. "Vor allem Brandwunden sind zu behandeln, weniger innere Verletzungen, wie sie durch starke Stoßwellen hervorgerufen werden", meldete ein Sprecher des Hadassah-Hospitals.

Aus der Opferperspektive klingt das so: "Plötzlich war alles dunkel durch den schwarzen Rauch. Ich rief nach meiner Tochter. Sie antwortete nicht. Dann sah ich sie vor mir liegen. Ganz schwarz durch die schweren Verbrennungen".  Keine der bekannten Terror-Gruppierungen übernahm die Verantwortung. Von Hamas über Dschihad bis zu den Volkskomitees jubelten alle. Keine konnte mit Täterwissen eine Urheberschaft nachweisen.

Der Namen des mutmaßlichen Täters, der im Koma liegt, war bis Montagmittag noch unbekannt. So bleibt nach ersten Einschätzungen auch dieser Anschlag eine "spontane Einzelgängertat". Sie bestimmen das Bild der Gewaltwelle, die seit dem jüdischen Neujahr im Herbst 2015 den israelischen Alltag bedroht. Jüdische Feiertage sind immer beliebte Termine für Terroristen und Israel steht derzeit vor dem Pessach-Fest.

"Quantitativ mit stärkerer Wirkung“, so ein hoher Polizei-Offizier am Montag im Radio-Sender Reshet Bet von Kol Israel, "aber wohl kaum eine neue qualitative Stufe". Am Montag mussten aber auch die Terroristen eine Schlappe einstecken. Auch für sie nicht unerwartet, nicht einmal überraschend. Ein Tunnel der Hamas, der vom Gazastreifen aus über 100 Meter weit zwischen die Felder der Kibbuzim Sufa und Holit führte, wurde aufgedeckt.

Quantitativ bei der Anzahl Hunderter vermuteter Tunnel eher bescheiden. Doch qualitativ könnte es eine Wende sein. Diesmal teilte die Armee lakonisch mit, die Aufdeckung sei mit "technologischen Hilfsmitteln" zustande gekommen. Damit verweist die Armee zum ersten Mal offen auf ein technisches Gerät, das Grabungen in großer Tiefe aufspüren kann.

In diesem Fall lag der Tunnel über 30 Meter tief. Das könnte als strategische Wende im Kampf gegen die unterirdische Gefahr verstanden werden. Israel ist durch sie seit Jahrzehnten bedroht. Sie war niemals wirksam unter Kontrolle zu bringen. Die Aufdeckung des Tunnels unter den Kibbuzfeldern vor Gaza dürfte in der Hamas-Führung mehr für Missstimmung gesorgt haben, als die Explosion im Jerusalemer Linienbus 12 Jubel auslösen konnten.

Ein Tunnel der Hamas (c) MFA Israel

Schon seit Monaten kommt es immer wieder zu Meldungen von Tunnel-Einstürzen. Dutzende Hamas-Angehörige sind dabei ums Leben gekommen. Gerüchte um eine israelische "Wundermaschine" sind seit Wochen nicht nur im Gazastreifen in Umlauf. Die lakonische Meldung des Armeesprechers wurde von Premier Benjamin Netanjahu noch am Montagabend aufgenommen. Nicht ganz so lakonisch: "Ein Durchbruch im Weltmaßstab bei der Aufspürung von unterirdischen Grabungen".

Abu Ubeyda, der auch nach seiner Enttarnung vor zwei Jahren immer noch durch ein Kaffye-Kopftuch vermummte Sprecher der As-a-Din-al-Kassem-Brigaden, versuchte abzuwiegeln: "Dieser Tunnel ist nur ein Tropfen im weiten Meer".  Weitere stünden bereit. Trotzdem: Vor zwei Wochen kündigte Ismail Hanye noch in Rafah an, über die Tunnel werde das große Ziel einer Freipressung aller Hamas-Gefangenen in Israel „schon bald“ erzwungen.

Das klingt in den Ohren der Angehörigen von Gefangenen jetzt nicht mehr so glaubwürdig. Vor allem, wenn sie immer noch immer in Kriegsruinen hausen. Auch deren Wiederaufbau wure glaubwürdig von Hanye angekündigt. Die Gelder liegen bereit, aber die Hamas will sie nicht über Kanäle der verfeindeten PLO laufen lassen. Neuer Raketenbeschuss gegen Israel kommt für die Hamas derzeit nicht in Frage. Auch die Tunnel zu Ägypten sind nur sehr beschränkt nutzbar. Militärischer Nachschub erreicht den Gazastreifen zurzeit nur schwer.

Auch Waffen und Gelder aus dem Iran fließen spärlicher. Der neue Hamas-Patron am Bosporus bemüht sich um verstärkte Annäherung an Kairo. So muss auch Recep Tayyip Erdogan seine helfende Hand lockerer ausstrecken. In der israelischen Armeeführung hält daher eine Mehrheit eine allzu harte Strafaktion gegen die Hamas im Gazastreifen für unangebracht. Souverän, trotz oder gerade wegen der klaren Verletzung der Souveränität am Grenzzaun.

"Die Hamas ist durch die Zerstörung des Tunnels und der Kenntnis, dass viele weitere folgen können, schon jetzt hart getroffen“, erklärte der Kommandeur der israelischen Gaza-Brigade am Wochenende den Bürgermeistern der Ortschaften am Gazastreifen. Und die verstehen am besten, um was es letztlich geht: Nicht die Ruhe der Hamas im Gazastreifen gibt den Ausschlag, sondern die Ruhe der israelischen Anrainer. Bem jetzt aufgedeckten Tunnel ist nicht einmal klar, ob er vor dem letzten Waffengang im Gazastreifen 2014 oder nachher gegraben wurde.

Entscheidend ist, dass er mit neuen technischen Mitteln aufgespürt wurde. Sie wurden seit der Aktion "Protective Edge" entwickelt. Auch durch eine technische Zusammenarbeit mit der US-Regierung und an die 200 Millionen US-Investitionen. Obama lässt grüßen. Woran nicht wenige Medien in Israel ihren Premier erinnerten.

Bekräftigte der doch am Wochenende in einer öffentlichen Rede wieder einmal Israels Anspruch auf die Golan-Höhen. Bei Netanjahu vor Likud-Publikum geht das nicht ohne Ewigkeitsanspruch: "Sie bleiben auf ewig bei Israel". Was angesichts der chaotischen Lage in Syrien weniger aufregen sollte, als zuvor. Die Schüsse auf der syrischen Seite des Grenzzauns überzeugen mehr, als starke Worte. So aber kam retour die Bekräftigung der weltweiten Ablehnung, von den USA bis zur EU. Auch im Likud wurden Stimmen laut, die leisere Töne bevorzugt hätten. Nicht für die Ewigkeit, aber für die nahe Zukunft.