Gelbe Narzissen in Muranów

 von Gabriele Lesser, Warschau.

Vorbereitungen zum 70. Jahrestag des Ghettoaufstandes in Warschau

Marek Edelman, einer der Anführer des bewaffneten Ghettoaufstandes in Warschau 1943, legte jedes Jahr am 19. April ein paar Narzissen am Denkmal des Ghettoaufstandes und am ehemaligen Umschlagplatz nieder. Die gelben Frühlingsboten symbolisierten die Hoffnung der Aufständischen auf ein Überleben des Infernos.

Der Aufstand im Ghetto war kein kollektiver Selbstmord, kein »Sterben in Würde«, wie Nichtjuden häufig den jüdischen Widerstand in Ghettos und Konzentrationslagern nennen. Zum 70. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes soll ganz Muranów, das einst jüdische Viertel der Hauptstadt Polens, in einem intensiven Gelb erblühen. Die Zwiebeln stecken schon im Boden. Hier errichteten die Nazis das größte Ghetto Europas. Von hier aus und dem Umschlagplatz gingen die Transporte ins Vernichtungslager Treblinka.

Aufnahme aus dem »Stroop Report« vom Mai 1943 an Heinrich Himmler, die Originalunterschrift lautet: »Diese Banditen verteidigten sich mit der Waffe«. Das Bild wurde in der Nowoliepiestraße, Ecke Smoczastraße aufgenommen. Im Hintergrund ist die Ghettomauer zu sehen.

Am 19. April, Punkt 10 Uhr, sollen die Sirenen in ganz Warschau heulen und die Kirchenglocken an den Beginn des später blutig niedergeschlagenen Aufstands erinnern. Über einen Monat dauerte der ungleiche Kampf. Doch schon am 16. Mai 1943 meldete SS-Brigadeführer Jürgen Stroop nach Berlin: »Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.« Zuvor hatte er noch die Große Synagoge in Polens Hauptstadt sprengen lassen. Bei der Niederschlagung des Aufstandes und der Zerstörung des Ghettos wurden über 50 000 Menschen getötet oder in Vernichtungslager verschleppt.

70 Jahre später werden Hunderte von freiwilligen Helfern kleine und intensiv gelbe Papiernarzissen an die Warschauer verteilen. Drei Tage lang sollen sie die Blumen zum Zeichen der Solidarität und der Erinnerung an den Ghettoaufstand in einem Knopfloch tragen. Drei Tage lang soll es in Muranów eine gelbe Zeitbrücke zwischen 1943 und 2013 geben.

Wie jedes Jahr beginnt die offizielle Gedenkfeier am Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettoaufstandes. Hier fanden am 19. April 1943 die ersten heftigen Kämpfe statt, rollten die deutschen Panzer ins Ghetto, brannten einen Monat später die Häuser lichterloh. Höchster Staatsgast der Gedenkfeier wird Israels Staatspräsident Schimon Peres sein. Doch auch Polens Präsident BronisÅ‚aw Komorowski, Regierungs- und Parlamentsmitglieder werden den Aufständischen und den über drei Millionen von den Nazis ermordeten polnischen Juden gedenken.

Erst vor wenigen Wochen eröffnete Schimon Peres in Moskau das »Jüdische Museum und Zentrum für Toleranz«. Wenn er im April vor dem Warschauer Ghettomahnmal seine Gedenkansprache hält, wird er auf ein weiteres neues Jüdisches Museum sehen, das in den letzten Jahren in Europa entstand: das »Museum der Geschichte der polnischen Juden«. Noch ist die Hauptausstellung nicht fertig, doch das Jüdische Historische Institut will bereits einen Teil des berühmten Ringelblum-Archivs zeigen, das neben der »Chronik des Ghettos Łódź-Litzmannstadt« zu den wichtigsten Dokumenten der Schoa zählt. Schimon Peres wird an der Teileröffnung des neuen Museums teilnehmen.

2014 soll das Warschauer Jüdische Museum dann endgültig seine Pforten öffnen, möglicherweise unter dem Namen »Po-lin«. Das hebräische Wort bedeutet: »hier ruhe aus« oder »hier lasse dich nieder« und steht für Polen. Der Legende nach hörten im Mittelalter Juden diesen Ruf Gottes, als sie vor den kirchlichen Verfolgungen in Westeuropa nach Osten flüchteten. »Pojln«, wie sich das Wort ausspricht, wurde damals für viele zur neue Heimat.

Ein Jazz-Konzert mit den Revolutionsliedern der jüdischen Arbeiterpartei »Bund«, der auch Marek Edelman angehörte, Seminare zu den Kurieren des polnischen Untergrunds, die detaillierte Informationen vom Massenmord an den Juden im nazibesetzten Polen ins Ausland schmuggelten, und Radtouren durch das ehemalige Warschauer Ghetto sollen insbesondere junge Polen mit der Geschichte des Warschauer Ghettos und des Aufstandes 1993 vertraut machen.

Mit dem Wissen über die polnisch-jüdische Geschichte hapere es nämlich bei vielen Polen, wie es auf der Website des Museums der Geschichte der polnischen Juden heißt. So müssen nicht nur fast alle Mitarbeiter des Museums zunächst einen Intensivkurs zur jüdischen Geschichte und Kultur absolvieren, auch die wichtigste Mission des Museums heißt: Bildung und Erziehung. Am 70. Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstandes soll mit einer Kunstinstallation auch bereits das Bildungszentrum des Museums eingeweiht werden. Hier sollen dann auch zum Jahrestag Jiddisch- und Hebräisch-Schnupperkurse stattfinden, Kunst-Workshops. Treffen mit Zeitzeugen, Autoren und Filmemachern.

Ob es allerdings eine gute Idee ist, auch langfristig fast alle bereits existierenden jüdischen Film-Festivals, Musikwettbewerbe, Konferenzen aus der Stadt in das Museum zu ziehen, muss sich noch zeigen. Vielleicht gewinnt das jüdische Leben in Warschau an Dynamik, wenn sich fast das gesamte Kulturleben an einem Ort abspielt. Vielleicht passiert aber auch das Gegenteil und das Museum entwickelt sich zu einem Touristenmagneten, lässt aber die Warschauer Juden außen vor. Zum Jahrestag des Ghettoaufstandes aber werden alle kommen. So wie jedes Jahr.

Wir danken dem Jüdiischen Berlin herzlich für die Übernahmegenehmigung