Zwischen Mozart und "Golden Boy" Nadav Guedj

von Norbert Natan Jessen

"Die Österreicher haben Mozart, wir aber haben den Golden Boy", beginnt ein Trailer mit dem Israels Erster Kanal die Tatsache feiert, dass der Eurovision Song Contest die letzte Sport-Domäne ist, die den Öffentlich-Rechtlichen nicht genommen werden konnte (wollte ihn eigentlich jemand?). Golden Boy Nadav Guedj konnte sein Lied dann sogar in die Endausscheidung singen.

Mozart, jeder 16-jährige Israeli weiß das, schrieb gute Tanzmusik und ist immer noch eine Kugel. So wie jeder weiß, dass Antisemitismus in der Eurovision eine Hürde ist, an der israelische Teilnehmer immer wieder scheitern. Und die Finnen. Deren Gesamtbilanz sieht noch desolater aus.

 Jetzt komme keiner und führe Israels Einzug ins Wiener Endschlussfinale als Beweis dafür an, dass es keine antisemitischen Grundströmungen im Eurovisionszirkus gebe. Seit Jahrzehnten ist den Israelis die Live-Übertragung ein alljährlicher Beweis für diese Sonderform des Antisemitismus überhaupt und dem europäischen insbesondere. Seit 1978 drängen sie sich deshalb alle Jahre wieder vor dem Fernseher. Vor vier Jahrzehnten noch vor der staatlich vorgeschriebenen Schwarz-Weiß-Mattscheibe und mit Sonnenblumenkernen, Heute vor dem HD-Empfänger und mehr mit Bamba.

 Schneidet Israel gut ab, wäre eigentlich der erste Platz fällig gewesen. Landet Israel auf dem vor- oder vorvorletzten Platz zeigt sich noch deutlicher, wie hinterhältig die öffentlich-rechtlichen Israophoben aus Ganzeuropa gegen den armen Nahost-Zugereisten vorgehen. Mit dem allerletzten Platz hätten sie ihre wahren Gefühle allzu offen gezeigt. Was zu vermeiden war.

 Wirklich schlimm und ein Freudentag für jeden Judenhasser wird es aber, landet Israel gegen jede Erwartung auf dem ersten Platz. Dann übertreffen sich die Musik- und Israelkritiker noch einmal selbst in ihrer Perfidität. Ein Vorzeige-Ergebnis zur eigenen Reinwaschung, das zusätzlich noch Israels Ersten Kanal in den Ruin treibt. Israels Rundfunkgebühreneintreiber gehen zwar so rigoros vor wie GEZ und GIS, trotzdem müssen die Folgekosten mit der Ausrichtung des Schlagerwettbewerbs in Jerusalem zwangsweise in öffentlich-rechtlicher Insolvenz enden.

 Nur deshalb gewinnt Israel von Zeit zu Zeit. 1978 wurde der Sieg von Jis`har Cohen und seinem A-ba-ni-be den israelischen Zuschauern nur deshalb sogar vorenthalten. ANGEBLICH hatte der Erste Kanal zu wenig Sendezeit gekauft, die Siegesfeier am Ende der Übertragung mit den blauweißschwingenden Davidssternen fiel daher weg. Erst am nächsten Tag konnte sie nachgeholt werden. TATSÄCHLICH wollte der Sender so seine Zuschauer schonend darauf vorbereiten, dass er auf das von den Regeln vorgegebene Heimspiel lieber verzichtet hätte.

 Mit Unterstützung des Finanzministeriums reisten dann doch ein Jahr später in Jerusalem die SängerInnen aus ganz Europa an. Damals noch ein überschaubarer Landstrich. Heute wäre die Einreise vor allem für osteuropäische Kulturrepräsentanten nicht so leicht wie damals, als der Schekel noch rekordinflationär war. Israels Einreisekontrollen sind, sagenwirmal... etwas regressiver geworden.

 Aber zurück zum Thema Eurovision also Antisemiten: Israel wurde dann 1979 - in Jerusalem und in Folge - gleich noch einmal zu einem Sieg verdonnert. Diesmal warf die Intendanz das abgewetzte Handtuch und verzichtete. Der zweifache Sieg wurde zur siebenmalsiebenfachen Schmach. Armes Israel. Die Veranstaltung musste nach Den Haag (2. Platz) ausgelagert werden. Das Wort Sponsor klang damals übrigens noch wie ein ph-unwertiger Bodenreiniger.

 Und doch: Genau genommen war es eine Niederlage der Antisemiten. Da behaupte nochmal wer, Juden könnten mit Geld umgehen...

 Ob sie gute Lieder singen können, ist eine ganz andere Frage. Die sich aber nicht gerade beim Eurovision-Song-Contest stellt. Die Zeiten von Abba und Cliff Richards sind schon lange vorbei. Heute unterscheiden sich die Songs so undeutlich, wie Standard-Mittelklasse-Autos, die alle mit Hilfe desselben Computerprogramms entworfen wurden. Video ist wichtiger als Audio. Noch wichtiger sind die Accessoires.

 Da ließ sich Israel einiges einfallen. Mit dem Faulenzer-Lied nahmen 1987 Datner und Kushnir zum ersten Mal sich selbst nicht ernst und auch das Publikum nicht. Das damals noch mit gemischten Gefühlen reagierte.דוזפוינג  "Duhsepoäng" steht seit damals im Hebräischen für "Bestens". Allerdings nur, wenn es wirklich ironisch gemeint ist.

 Was aber Dana International 1998 abzog, knallte durch ein wie ein iranischer Atombombenversuch auf einer Südseeinsel. Was sogar 2014 noch erfolgreiche Nachahmer fand, obwohl das Transgender da schon mehr kon- als transform war. Eben schon einen Bart hatte.

 Was die Gags angeht, hatten die Finnen diesmal in Wien wohl einen israelischen Berater. Down-Syndrom und Autisten, da kommt nicht jeder drauf. Genial. Kein Wunder, dass sie schon im Halbfinale scheiterten. Die Antisemiten lauern eben überall.