Eine neue Generation von Deutschlandexperten

Zentren für Deutschland- und Europastudien an den Universitäten in Haifa und Jerusalem vermitteln jungen Israelis ein neues Deutschlandbild.
 
von Gisela Dachs
 
Eli Salzberger © Gil Hadani

Das Interesse der Israelis an Deutschland war noch nie so groß wie heute. Das macht sich auch an den israelischen Universitäten bemerkbar. Vor acht Jahren gründete der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Haifa und Jerusalem je ein Zentrum, das sich mit Deutschland- und Europastudien befasst.

Was damals eine Herausforderung bedeutete, gehört heute zum akademischen Alltag. Junge Israelis für Deutschland zu begeistern, „jenseits des Interesses an der Shoah und vielleicht noch an Fußball“, sei alles andere als trivial, sagte Benjamin Bental, nachdem er 2007 die Leitung des neuen Haifa Center for German and European Studies (HCGES) übernommen hatte. Konkret sollte das neue Institut den israelischen Studierenden und der israelischen Öffentlichkeit ein neues Deutschlandbild vermitteln und ihnen das „heutige Deutschland“ näherbringen. Das kam einem Paradigmenwechsel gleich. War der Zulauf zunächst eher spärlich, so muss sich der heutige Leiter, Eli Salzberger, keine Sorgen mehr um die Zahl der Studierenden machen. In Israel bestehe ein reges Interesses an Deutschland, stellt er fest, was in Deutschland umgekehrt im Hinblick auf Israel immer mehr zurückgehe – „nicht bei den Eliten, aber bei der Zivilgesellschaft“.

Das Deutschlandbild in Israel profitiert vom Berlin-Hype gerade junger Israelis. In Haifa absolvieren aktuell insgesamt 40 Studierende ein einjähriges oder zweijähriges Master-Programm, ein Programm für Doktoranden wird gerade entwickelt. Das Zentrum ist interdisziplinär ausgerichtet, die Lehrenden stammen aus den Fachbereichen Soziologie, Politikwissenschaft, Wirtschaft, Geschichte, Literatur und Kultur. Geforscht wird derzeit zu verschiedenen Themen wie deutschem Patriotismus, Bundeswehr, Frauen in der DDR oder dem ökonomischen Denken der deutschen Bet-El Gemeinde in Israel.

Ein Master-Programm auf Englisch soll auch internationale Studierende anziehen. Salzberger begründet das mit „unserer besonderen Perspektive auf Europa und Deutschland, als Juden, als Israelis als Bewohner des Nahen Ostens“. Die ersten Studierenden sind schon eingetroffen, etwa aus Argentinien. Gemeinsam mit der Universität Brandeis im US-amerikanischen Waltham (Massachusetts) hat sich das Zentrum 2014 mit der Deutschen Einheit beschäftigt. Dabei ging es auch um die Frage, inwieweit die deutsch-israelischen Beziehungen Modellcharakter für andere Beziehungen haben könnten.

Einem interdisziplinären Ansatz folgt auch das Center for German Studies der Hebräischen Universität Jerusalem. Hier mag die Herausforderung 2007 geringer gewesen sein, Interesse an Deutschland zu wecken, da die Möglichkeiten einer Kooperation – anders als in Haifa – schon seit längerem und in mehreren Fachbereichen ausgelotet worden waren. Das DAAD-Zentrum ist dort in das Europäische Forum integriert, das drei Fakultäten miteinbezieht: Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und Rechtswissenschaften. Als Leiterin des Europäischen Forums ist die Literatur-Professorin Ruth Fine auch für das DAAD-Zentrum verantwortlich. Etwa dreißig Studierende sind hier als Masterstudierende, Doktoranden oder Post-Doktoranden eingeschrieben, einer der Schwerpunkte ist hier die Kultur. Sie forschen zu dem Künstler Anselm Kiefer, zum deutschen Gegenwartsfilm oder zu Franz Kafka; die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller war 2014 zu Besuch. Und auch hier werden die deutsch-israelischen Beziehungen unter die Lupe genommen, ebenso wie etwa die Tätigkeiten deutscher Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen in Israel.

Die jährliche Studienreisegruppe zog es 2015 erstmals nach Ostdeutschland – mit den Stationen Weimar, Leipzig, Dresden, Berlin und Potsdam. Zwei deutsche Universitäten sorgen als Kooperationspartner mit dafür, dass Kontakte und Sprachkenntnisse vertieft werden. Beides hält Ruth Fine für wichtig. Stolz verweist sie darauf, dass die Absolventen bereits Karriere gemacht haben – sei es als Diplomaten im israelischen Außenministerium oder als Wissenschaftler in der akademischen Welt. Andere, fügt sie hinzu, seien gleich ganz nach Deutschland gezogen. Einmal im Jahr sorgt ein gemeinsamer Workshop der beiden DAAD-Zentren dafür, dass auch der Austausch untereinander funktioniert.

www.hcges.haifa.ac.il

www.cgs.huji.ac.il