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Die "Israelkritik" der Felicia Langer



Ein Stimmungsbericht aus Linz von Peter Weidner
- März 2009 

Brandherd Nahost. Pax Christi, Werkstatt Frieden & Solidarität und kleinere Gruppen laden anlässlich des 61. israelischen Unabhängigkeitstages für den 29. April ins Linzer Rathaus zum Vortrag mit der so genannten israelischen Menschenrechtsaktivistin Felicia Langer ein. Fünfzig Leute kommen, davon etwa vierzig "Israelkritische".

Andreas Paul von Pax Christi stimmt das Publikum ein: "Frau Langer hat als Anwältin das Justizsystem Israels als Farce erlebt und ist dann mit ihrem Mann, der fünf Konzentrationslager durchlitt, nach Deutschland gezogen. Sie will Brücken bauen, statt Mauern errichten. Bitte unterschreiben Sie unseren Forderungskatalog an die österreichische Bundesregierung."

(Inhalt: Plattform für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen und Mittleren Osten. Die Plattform für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen und Mittleren Osten hat sich Anfang dieses Jahres gegründet und mit Mahnwachen und Unterschriftenaktionen gegen den Gaza-Krieg protestiert.

Wir fordern von der österreichischen Bundesregierung endlich eine entschiedene Friedenspolitik im Israel/Palästina-Konflikt: Sofortige Beendigung der Militärkooperation des österreichischen Bundesheeres mit den israelischen Streitkräften. Initiative Österreichs auf internationaler Ebene, in der EU und UNO. Für eine strikte Einhaltung des Waffenstillstandes auf beiden Seiten; für ein Ende der Blockade von Gaza; für Verhandlungen zwischen den gewählten RepäsentantInnen Israels und der PalästinenserInnnen; für die Einstellung der Waffenexporte in die Nahost-Region, die EU-Staaten sind mittlerweile die größten Waffenexporteure in den Nahen Osten; für die Einstellung des Siedlungsbaus und ein Ende der Besatzung im Westjordanland. Impressum: Plattform für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen und Mittleren Osten, p. a. Werkstatt Frieden & Solidarität, Waltherstr. 15, 4020 Linz.
)

Dann legt Frau Langer los:

"Die neue Regierung ist die schlimmste, die wir je hatten, mit Lieberman als Außenminister. Er hat ein 12-jähriges Kind malträtiert und wurde verurteilt. Israel betreibt eine rassistische Politik. ... Bei den Massakern in Gaza sagte Lieberman, wie die Amerikaner die Japaner besiegt haben. ... Er ist für einen Transfer von 20 Prozent der Bevölkerung. Der Polizeiminister ist auch von Liebermanns Partei. Netanjahu ist ähnlich wie Lieberman. ... Was Ahmadinejad sagte in Genf, war die Wahrheit.

Ich habe, als ich nach Israel kam, das war 1951, das Ausmaß der Vertreibung, es waren 800 (ein Krankenhausseelsorger ganz laut aus dem
Publikum: 800.000!), ja es waren mehr als 800.000. Ich habe die Folterungen miterlebt, ich habe die Wunden gesehen, das waren Friedenskinder. Damals konnte ich noch nicht sehen, dass es ein Verstoß gegen die Haager und Genfer Konvention sei. Die Amerikaner haben 42-mal ihr Vetorecht genützt."

Dann zeigt sie Landkarten und Fotos.

Erste Karte: "Das sind Straßen nur für Juden. Wie die Apartheid in Südafrika."

Zweite Karte: "Die Sperren. Man erniedrigt die Palästinenser. 20 Mütter und 36 Babys starben 2007, weil sie das Militär nicht in die Krankenhäuser ließ."

Erstes Foto: "Ein Palästinenser wurde von Soldaten gezwungen Geige zu spielen. Das erinnert uns an was."

Zweites Foto: "Die Mauer frisst das Land der Palästinenser. Ich habe noch nicht über die Exekutionen in den besetzten Gebieten gesprochen. Es gibt ein Urteil von 2004 von Den Haag mit dem Gutachten, dass die Mauer ungesetzlich ist.

Drittes Foto: "Zwei Franziskaner-Schwestern bei der Mauer. Vom Warschauer Ghetto zur Mauer. Das ist noch nicht mein Vergleich."

Dritte Karte: "Ein Ort mit 45.000 Einwohnern ist zugemauert. Die Palästinenser sind gewaltfrei."

Viertes Foto: "Das ist Bethlehem. Es ist ein Käfig. Wo ist die christliche Welt, dass so was passieren kann? Die Palästinenser wurden entmenschlicht. Das habe ich schon 1951 und 1967 gesehen."

Fünftes Foto: "Gaza. Graffiti in Gaza nach dem Massaker. Davidstern mit ,Die You All."

Letztes Foto: "Davidstern mit Make War not Peace".

"80 Prozent der Palästinenser in Gaza leben unter der Armutsgrenze. Israel hat aus Gaza ein Gefängnis gemacht und den Schlüssel ins Meer geworfen. Die ,Grüne Lunge' von Gaza wurde zerstört.

Die Wahlen, die Hamas gewann, waren die demokratischsten Wahlen, die im Nahen Osten je stattfanden.

Ich bin gegen die Raketen. Die Besatzung ist aber der Inbegriff der Gewalt und die ruft eben eine Gegengewalt hervor.

Die UNO-Resolution 242 vom November 1947 haben die Israelis nie befolgt.

Das israelische Establishement hat den großen Friedenspolitiker Kreisky gehasst.

22 Prozent des historischen Palästina reichen fürs palästinensische Volk, das sagte Ahmadinejad.

27. Dezember 2008: Das Massaker. 1443 Tote, 437 Kinder, die Hälfte sind Zivilisten. In den ersten neun Stunden einhundert Kilo (?) Bomben. Viele, die schon einmal von den Israelis obdachlos gemacht wurden, sind wieder obdachlos geworden. 220.000 Gebäude wurden zerstört. Das war kein Krieg gegen die Hamas, sondern gegen das Volk. Die Panzer walzten sogar Hühnerfarmen nieder.

Israelische Soldaten berichteten von wahllosen Erschießungen. Das Militär hat untersucht. 'Wir waren okay'.

Norman Paech, der Völkerrechtler sagte: 'Schockierend war für mich, dass es kein Krieg gegen die Hamas, sondern gegen das palästinensische Volk war'.

Um Hoffnung kämpfen, nicht schweigen, einmischen. Das muss eine Bewegung werden wie gegen die Apartheid.

Israel ist friedensresistent. Es gibt Millionen Juden, die gegen Israel sind. Die Mehrheit der Juden in Amerika sagt das."

Publikumsdiskussion

Erster Diskussionsredner: "Warum solidarisiert sich, wie ich im Internet immer lese, die Israelische (Anm.: nicht Israelitische) Kultusgemeinde in Wien immer mit Israel?"

Langer: "Was kann man erwarten, wenn man Geld bekommt."

Peter Weidner:

"Frage an die Veranstalter von Pax Christi: Es ist sicher ein Zufall der Geschichte, dass Sie Ihre so genannte ,israel-kritische' Veranstaltung mit Frau Langer auf den heutigen Yom Ha'atzmaut-Tag ansetzten.

Ich möchte Ihnen ein kurzes Bild geben, wie Frau Langer in Israel wahrgenommen wird.

KONKRET: "Zu den beliebtesten Israelis in Deutschland gehören die ,Friedenaktivisten' Uri Avnery und Felicia Langer. Haben sie eine Anhängerschaft in Israel?"

Yaacov Lozowick: "Zunächst: Ich bin stolz, dass wir sie haben.

Es ist ein Zeichen der Robustheit unserer Demokratie, dass selbst nach 85 Jahren Krieg die israelische Gesellschaft stark genug ist, ihren Extremisten zu erlauben, Partei für den Feind zu ergreifen.

Es gibt nicht viele demokratische Gesellschaften, die dies von sich behaupten können.

Und es gibt kein arabisches Land, in dem eine vergleichbar abweichende Meinung auch nur für eine Woche geduldet werden würde.

Gleichwohl muss man sehen, dass – mit Ausnahme von Uri Avnery, der Teil unserer politischen Landschaft seit den fünfziger Jahren ist – keiner der übrigen in Europa so prominenten ,Friedensaktivisten' in Israel auf der Straße erkannt werden würde.

Die meisten Israelis haben keine hohe Meinung von Avigdor Lieberman, dem Führer einer äußerst rechten Partei, oder von Yossie Beilin, dem Führer einer linken Partei, aber zumindest sind sie beide Teil der politischen
Debatte; sie kommen öffentlich vor.

Die Felicia Langers der israelischen Gesellschaft aber sind bei uns vollständig unbekannt.

Niemand hat jemals von ihnen gehört.

(Wutgeschrei aus dem Publikum.)

Sie haben sich von ihrer Gesellschaft auf eine Art distanziert, die sie jede politische Relevanz einbüßen ließ.

Man muss schon nach Europa reisen, um sie zu finden."

Bei den, ich formuliere es mal vorsichtig, so genannten Israel-Kritikern.

(Aus dem Publikum: ,Hören Sie auf, Sie stören immer.')

Ich frage Sie, Frau Langer:

"Sie behaupten, sie wären politischer Flüchtling in Deutschland. Wie erklären Sie, dass es doch einige Hundert radikale Antizionisten in Israel gibt und viele davon als Lehrer an israelischen Hochschulen sind?

Sie behaupten besonders von den Behörden verfolgt zu sein.

Doch andere Anwältinnen und Anwälte aus dem radikal linken Spektrum verteidigen weiterhin Palästinenser, zum Beispiel Leah Tsemel.

Kann es sein, dass Sie deswegen keinen Erfolg hatten, weil Sie dazu neigten vor israelischen Militärgerichten lange politische Reden zu halten, die ihren Mandanten nicht nützten, jedoch Ihnen als Mitglied der Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Israels.

Ist es wahr, dass ihr Ehemann bis zur Wende Geschäfte mit den Ländern des ,realen Sozialismus' machte und dass nachdem diese Länder implodierten, er und Sie ihren Wohnsitz nach Deutschland verlegt haben?"

(Aus dem Publikum: ,Aufhören, sonst geh ich.')

"Ist es wahr, dass Sie ihre Bücher vorzugsweise in den Ländern des ,realen Sozialismus' publizierten, welche die Menschenrechte systematisch verletzten?

Haben Sie jemals ein kritisches Wort über diese argen Menschenrechte verletzenden Länder als Mitglied des ZK der KPI gesagt?"

Langer: "Sie säen Hass, nur Hass, so wird es nie Frieden geben. Es waren Hunderttausende gegen das Gemetzel auf der Straße.

Ich konnte nur mit Leibwache auf die Straße, weil ich so bekannt war. Ich habe aus Protest das Büro geschlossen.

Ich war Mitglied der Kommunistischen Partei, weil sie Palästinenser und Israelis zusammen führte.

Ich mache eine gesegnete Arbeit für Israel."

Dritter Diskutant: "Warum schweigen die Regierungen in diesem Konflikt?"

Langer: "Jede Kritik ist Antisemitismus. Missbrauch von Holocaust. Die Toten des Holocaust verbieten Kritik. Die Erpressung ist so peinlich und schlimm. Die Straße muss was machen."

Junger Diskutant: "Die Hamas hat zwar die Wahlen gewonnen, aber was sagen Sie zur Charta der Hamas? Es war eine Charta der PLO zur Auslöschung Israels."

Langer: "Ich empfehle das Buch von Helga Baumgarten. Sie schreibt 'Die Charta der Hamas ist kein Koran'. Für wen sollen sie die Charta ändern? Für Massaker, für Auslöschung des palästinensischen Volkes. Wenn die Hamas von der Zweistaatenlösung spricht, ist das ja eine De-facto-Anerkennung."

Diskutant: "Zum Warschauer Ghetto. Sie konnten die Bedrohung kurz aussetzen. Setzt sich so ein Geist fort?"

Langer: "Ich mache Vergleiche nicht. So wie Ilan Pappe, der auch keine macht. Der liebe Gott hat uns das Land gegeben."

Diskutant (Schweizer Akzent, aber Brasilianer): "Ich habe 2002 in Mexiko zwei sehr hübsche und sympathische israelische Mädchen kennen gelernt, die Soldaten bei der Intifada waren. Beide sagten mir, sie haben sich von Steine werfenden Kindern so bedroht gefühlt, dass sie nur an eines dachten: Kopfschuss."

Langer: "Ja, das hörte ich auch von vielen."

Diskutant: "Ist Hamas eine Schwesterpartei von Ahmadinejads Partei?"

Langer: "Nein."

Rainer Steinweg: "Die meisten amerikanischen Juden kritisieren Israel. Wie erklären Sie die Lobby für die israelische Politik? Wie erklären Sie sich, dass Lieberman so gewinnt?"

Langer: "Meine Auffassung über die amerikanische Politik habe ich von Medien und von Noam Chomsky. Auch von Jewish Voice for Peace, die sagen, die Besatzung hat 41 Jahre die Seele der Menschen vergiftet, Entmenschlichung der Palästinenser, 41 Jahre. Das Volk verliert die Seele.

Es war kein Krieg gegen Gaza, sondern ein Massaker. Sogar die Jäger sind dagegen Käfig zu sagen. Kein Erbarmen, kein Mitgefühl, das ist die schreckliche Seite."

Frau Langer schließt mit den Zeilen aus Bertolt Brechts "An die Nachgeborenen":

Dabei wissen wir doch:
auch der Hass gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
macht die Stimme heiser. Ach, wir
die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit konnten selber nicht freundlich sein.


Mittleres Bild: Felicia Langer
(c) Wikimedia.


 

"die jüdische" 20.07.2009 10:40