Links 
Artikelrubriken 
Europa 
Jüdische Welt 
44 Jahre deutsch-israelische Beziehungen 
Film 
Buchrezensionen 
Zeitgeschichte 
Israel, Naher Osten 
Soziales, Umwelt 
Österreich 
Extremismus 
Vereinigte Staaten 
Islamische Welt 
Reisen 
Medien 
Wirtschaft  
Religion 
Kino 
Antisemitismus 
Terror 
Essen und Trinken 
Osteuropa 
Bildung 
Literatur 
Witze (Jokes) 
Schauspiel 
Musik 
Lifestyle 
Jüdisches Berlin 
Jewish Hall of Shame 
TV- und Radio-Tipps 
Miriams Kinderwelt 
Kontakt 
Klezmore Vienna 2009  
Deutschland 
Österreich 
Voicemania Wien 2009  
Lesermeinungen 
Termine A 
Termine D 
Termine CH 
Sport 
Karl Pfeifer 
Film 
Kleinanzeigen 









Historisches Ereignis: "Sieg heil" vom Führerstand

 Michaela Sivich  

URSPRÜNGLICH PUBLIZIERT AM 27.10.2008 um 11.40
Abschiedsfahrt der Straßenbahnlinie 1 rund um den Wiener Ring wurde mit Hitlergruß beendet - Eine Wiener Alltagsgeschichte. 

Wien - Die Wiener Straßenbahnlinien 1 und 2, die Sightseeing in der Bundeshauptstadt auch an bitterkalten Wintertagen und nicht nur diesen erträglich machten, wurden gestern, Samstag, Nacht eingestellt.

Zahlreiche junge und jung gebliebene StädterInnen, TouristInnen und sonstige Lebensmenschen nahmen dies zum Anlass, eine Abschiedsparty von den "historischen" Wiener Straßenbahn-Ringlinien zu nehmen und eine letzte Runde mit eben diesen zu drehen.

Mobile ClubberInnen, CouchsurferInnen und viele kleine Gruppen drehten zuerst mit der letzten verbliebenen "alten" Straßenbahngarnitur der Linie 1 mehrere Runden um den Wiener Ring und vergnügten sich, tanzten, jede und jeder zu den eigenen Beats, und selbst ältere Damen, die nach dem Besuch der Staatsoper zufällig in diesen Straßenbahnwagon gestiegen waren, fanden es "cool", sie hätten auch im Internet davon gelesen, dass es der letzte Abend wäre, und beschlossen, dann noch drei Stationen länger als eigentlich geplant im Wagen zu bleiben, weil die Party so nett gewesen sei. So weit. So gut.

Als die "alte", noch mit Stufen versehene, Tram dann schon um 22.30 Uhr Richtung Betriebsgarage bei der Börse abbog, stiegen die "NostaligikerInnen" dann dennoch noch in einen ULF (Niederflurfahrzeug) um, weil genau dieser Zug 636 der allerletzte sein sollte, der den Ring ganz umrundete.

Historische Ansage

Dieser letzte Zug war mit einem Strauß roter Rosen geschmückt und der Zuglenker sichtlich erfreut, dass er für seine letzte Runde um den Ring eine nicht organisierte Party als Abschiedsgeschenk bekam.

Er kündigte an, in der Station, in der er die allerletzte Runde um den Wiener Ring beginnen würde, auszusteigen, außen um die Garnitur zurückzugehen, eine letzte Runde durch den Zug zu gehen und dann seine letzte Durchsage via Lautsprecher im Straßenbahnwagon zu machen.

Sollten Fahrgäste mit Videokamera und/oder anderen Aufnahmegeräten anwesend sein, so mögen diese, das war sein Wunsch, das festhalten und dann auf youtoube.com veröffentlichen.

Gesagt, getan. Gegen 23.45 am 25. Oktober 2008, hielt die Bim (Wienerisch für Straßenbahn, Anm.) wie üblich in der Station Stubentor für einen fahrplanmäßigen Aufenthalt. Der Zuglenker stieg aus seiner Kabine aus, ging am Gehsteig entlang zum Ende seiner Straßenbahn. Stille.

Er erhob seine Stimme und verlautbarte, er ginge jetzt zurück zu seinem "Führerstand" und werde dort die letzte Ansage dieser Linie machen, er verlange nur, dass es zwei Minuten so still sei, dass er eine Stecknadel fallen hören könne.

Er ging schnurstracks in seinen Führerstand und erstaunlicherweise war die fröhliche Partymeute nach einer "Welle" auch tatsächlich mucks Mäuschen still in der Bim und er konnte in einer bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Straßenbahn, in der wirklich alle Anwesenden der 1er Line gespannt auf seine Durchsage warteten, folgendes zum Besten geben:

Sieg heil

"Sehr geehrte Fahrgäste. Wir umrunden nun ein letztes Mal mit der Linie 1 den Wiener Ring, den Orbit rund um den Stephansdom. Viele historische Ereignisse haben hier stattgefunden . Sieg heil!".)

Einige wollten weiterfeiern. Andere vergewisserten sich und fragten herumstehende Fahrgäste, ob sie das wohl richtig verstanden hätten, dass das letzte Kommando vom Führerstand "Sieg heil" gewesen war. Bestätigung überall. Ja, ER hat DAS gesagt.

Einige wenige beschließen, den Zug zu verlassen, und auf die "historische" letzte Runde zu verzichten -weil "am Montag demonstrier' ich gegen den Graf als dritten Nationalratspräsidenten dann, hör ich mir das jetzt nicht an".

Der Aufenthalt in der Station ist dann doch länger als üblich, ein einziger Fahrgast, ein Mann stattlichen Alters, geht zur "Führerkabine" und verlangt den Ausweis und die Dienstnummer des Fahrers, und erhält diese auch.

Rumoren in der Bim. Die Party war vorbei. Etliche wollten weiterfeiern. Andere waren verstört.

Viele waren aber nicht verstört wegen der "Sieg heil"-Durchsage, sondern weil ein alter Mann sich erdreistet, den "netten Straßenbahnführer" zu attackieren. "Der hat uns die Abschiedsparty feiern lassen", "na, des woar bled, aber gemeint hat er es ja net so", "Stermann und Grissemann machen das auch dauernd und da sagt niemand was".

Der couragierte ältere Herr wird in Folge auch noch von einigen Jungendlichen angegriffen, "wie kommen Sie dazu, der Fahrer ist doch so nett, er hat das auch sicherlich nicht so gemeint".

"Nicht so gemeint?" antwortete dieser sichtlich erbost. "Ich bin Antifaschist. Im Jahr 2008 brauch ich mir so eine Durchsage nicht bieten lassen. "Nicht so gemeint" habe ich oft genug gehört, mit dem Weghören fängt alles an. Ich werde mir das nicht gefallen lassen und rechtliche Schritte einleiten".

Die Party war zu Ende. Vereinzelt gab es Diskussionen im ULF - Darüber dass, es ein Scherz gewesen sein könnte, darüber (mit mir) keinen Artikel zu verfassen, denn der Typ "hat schon seine Lektion gelernt, wenn Du jetzt darüber schreibst ist seine Zukunft hin". Ein anderer warf ein, er habe noch die Frau und den Sohn des Zugführers gesehen und er ist "so ein lieber Familienvater".

Meine kurzen Antworten, dass auch NS-Schergen gute Familienväter waren, und dass ja so vielen nur "was rausgerutscht" ist kamen bei den verbliebenen Fahrgästen nur mäßig an.

Ein klitzekleines Grüpplein überlegte noch, bis in die Remise zu fahren und als Protest "Dreck" liegen zu lassen. Ich stieg aus und ging nach Hause.

Und überlegte. Was sollte ich schreiben und wie? Kommt eine im Stil der Nachrichtenagenturen verfasst Meldung besser, würde das eher zur Kenntnis genommen?

Wien/Stubentor - Gegen 23.45 soll es auf den Wiener Linien zu einem unerwarteten Zwischenaufenthalt gekommen sein. Der Zugführer, so ZeugInnen, habe bei seiner letzten Durchsage in der Straßenbahn Linie 1 mit den Worten "Sieg heil" gegrüßt. Rund 200 Personen waren anwesend, ein Herr verlangte die Dienstnummer des Zugführers und kündigte Konsequenzen an.

Wenige Minuten später konnte der fahrplanmäßige Betrieb der Linie wieder aufgenommen werden. ---- (Fortsetzung möglich xxx)

Eine Frage des "journalistischen Stils" ist es sicherlich nicht.

Hierzulande ist wirklich alles möglich und nichts auch nur annähernd ein Skandal. Ähnliche Vorkommnisse waren immer "Alltagsgeschichten" und ohne Konsequenzen."Is jo ka Drama. Trink ma noch a Glaserl Wein. Holdrio".

WIEN IST ANDERS!

Oberes Bild: Die "alte" Tram
Unteres Bild: Das neue Modell ULF

Hier ein Video bei "Youtube" zum Vorfall:
http://il.youtube.com/watch?v=FtiKavaKRhM












 

"die jüdische" 27.10.2009 16:10